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Aus: Ausgabe vom 02.12.2021, Seite 3 / Schwerpunkt
Covid-19

Pretoria abgestraft

Südafrika beklagt infolge der Entdeckung der Omikron-Variante des Coronavirus internationale Restriktionen
Von Christian Selz, Kapstadt
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Neue Reiserestriktionen führten am Sonntag unter anderem in Kapstadt zu chaotischen Zuständen am Flughafen

Südafrikas Regierung schäumt vor Wut – und ist offensichtlich nicht gewillt, mit ihrem Ärger länger hinterm Berg zu halten. »Tief enttäuscht« sei man, erklärte Präsident Cyril Ramaphosa am Sonntag in einer live übertragenen TV-Ansprache, über »die Entscheidung mehrerer Länder, infolge der Identifikation der Omikron-Variante Reisen aus etlichen Ländern des südlichen Afrikas zu verbieten«. Die Restriktionen seien »ungerechtfertigt und diskriminierend«, so Ramaphosa in seiner dennoch betont ruhig gehaltenen Rede mit ernster Mine weiter. Die Maßnahme basiere »weder auf wissenschaftlicher Grundlage, noch wird sie effektiv sein, um die Ausbreitung dieser Variante zu verhindern«, so der Staatschef.

Der Ärger ist verständlich. Mit hohem Aufwand betreibt Südafrika seit April 2020 eine systematische und koordinierte epidemiologische Überwachung, wie es sie weltweit sonst nur noch in Großbritannien gibt. Finanziert wird das Programm größtenteils aus eigenen Mitteln, der extrem angespannten Finanzlage des Landes zum Trotz. Bereits zum zweiten Mal konnten südafrikanische Forscher durch Genomsequenzierungen nun eine neue besorgniserregende Variante des Coronavirus identifizieren. Wie bereits im Dezember 2020 infolge der Entdeckung der später Beta genannten Variante B.1.351 informierten die Südafrikaner nicht nur umgehend die WHO, sondern stellten ihre Erkenntnisse am vergangenen Donnerstag auch abermals in einer live übertragenen Pressekonferenz vor. Der Lohn der transparenten Informationspolitik: Noch in der Nacht zu Freitag belegte Großbritannien Südafrika mit einem Reisebann, ohne die Regierung in Pretoria vorab auch nur zu informieren, geschweige denn die Maßnahme abzusprechen. Die Länder der Europäischen Union folgten kurz darauf dem Beispiel Londons, ebenso die USA.

Für Südafrika ist die Situation ein Déjà-vu. Bereits nach dem Auftreten von Beta war das Land mit Reiserestriktionen belegt worden. Obwohl die Variante sich trotz einzelner Fälle in Europa nie durchsetzen konnte, wurden die drastischen Einschränkungen selbst dann noch monatelang aufrechterhalten, als die Beta- im südlichen Afrika längst von der Delta-Variante verdrängt worden war. Deutschland ließ Südafrika bis Ende Juli auf der Liste der Virusvariantengebiete, Großbritannien lockerte die Reisebeschränkungen gar erst im Oktober. Der Schaden vor allem für die südafrikanische Tourismusbranche, die in Vorpandemiezeiten etwa acht Prozent des Bruttosozialprodukts des Landes ausmachte, war und ist immens.

»Das einzige, was die Reiseverbote bewirken werden, ist, die Volkswirtschaften der betroffenen Länder weiter zu schädigen und so ihre Fähigkeit zu schwächen, auf die Pandemie zu reagieren und sich von ihr zu erholen«, konstatierte Ramaphosa am Sonntag. Südafrikas Staatschef sieht in den Restriktionen zudem »eine klare und vollkommen ungerechtfertigte Abkehr« von den beim G20-Gipfel Ende Oktober in Rom gemachten Zusagen. In der Abschlussdeklaration des Treffens war die Unterstützung einer »schnellen, robusten, inklusiven und nachhaltigen Erholung des Tourismussektors« ausgerufen worden.

Unterstützung bekommt Südafrika nun von der Weltgesundheitsorganisation (WHO), die bereits am vergangenen Freitag ausdrücklich vor Reiserestriktionen warnte und statt dessen die »Beibehaltung einer risikobasierten und wissenschaftlichen Herangehensweise« anmahnte. In einer Folgemitteilung vom Dienstag sprach die WHO noch ein weiteres Problem an: Während generelle Reiseverbote die »internationale Ausbreitung« der Virusvariante einerseits »nicht verhindern«, so könnten sie andererseits »globale Gesundheitsanstrengungen negativ beeinflussen, indem sie Länder davor zurückschrecken lassen, epidemiologische Daten und Sequenzierungsergebnisse zu veröffentlichen«.

Die Sorge vor einer gelinde gesagt reduzierten Aufklärungsarbeit scheint schon jetzt begründet. Der WHO-Krisenbekämpfungsdirektor Michael Ryan lobte am Freitag einerseits die Südafrikaner für ihre Anstrengungen zur Entdeckung neuer Virusvarianten, merkte zugleich aber kritisch an, dass das Frühwarnsystem nicht überall auf der Welt gleich gut funktioniere. Auch die EU-Gesundheitskommissarin Stella Kyriakides mahnte in einem Brief an die 27 Mitgliedstaaten, aus dem die Nachrichtenagentur Reuters am Dienstag zitierte, dass mehr zur Entdeckung neuer Varianten getan werden müsse. Einige EU-Länder hinkten dabei stark hinterher. Um welche es sich dabei handelt, schrieb Kyriakides allerdings nicht.

Die Südafrikaner sehen sich für ihre Arbeit nun abgestraft, obwohl noch nicht einmal bewiesen ist, wo die Omikron-Variante entstanden ist. »Covid-19 ist eine globale Gesundheitskrise. Wir müssen zusammenarbeiten, anstatt uns gegenseitig abzustrafen«, forderte Gesundheitsminister Joseph Phaahla in einer Pressekonferenz am Freitag. Eine »Hexenjagd« nütze dabei niemandem. Sein Land wolle weiterhin »der Welt gegenüber ehrlich handeln und Gesundheitsinformationen teilen, die nicht nur Südafrikanern, sondern Menschen weltweit helfen«, erklärte der ausgebildete Arzt. Andere Staaten übten sich aber offensichtlich lieber in Schuldzuweisungen.

Bestärkt wird der Eindruck der Diskriminierung zudem dadurch, dass in immer mehr Staaten weltweit Infektionen mit der Omikron-Variante nachgewiesen werden – teils bei nachträglichen Untersuchungen in bereits mehrere Wochen alten Proben und immer wieder auch ohne jegliche Verbindung zu Reisen ins südliche Afrika. Zu Reiserestriktionen gegen diese Staaten hatte dies allerdings nicht geführt.

Hintergrund: Die Omikron-Variante

Auffällig an der neuen Coronavirusvariante B.1.1.529, die die WHO Omikron getauft hat, ist die hohe Zahl von etwa 50 Mutationen, von denen mehr als 30 auf das Spikeprotein konzentriert sind, mit dem das Virus an Zellen im menschlichen Körper andockt. Aufgrund der Art dieser Mutationen haben Forscher die Befürchtung geäußert, dass das Virus ansteckender sein könnte als die derzeit weltweit dominante Delta-Variante. Auch eine mögliche höhere Gefahr von Wiederinfektionen bei Genesenen sowie von Impfdurchbrüchen steht im Raum. Anhand von klinischen Daten bewiesen ist all dies aber noch nicht.

Ein Grund für die derzeit noch mangelnde Vergleichbarkeit mit der Delta-Variante ist, dass das Infektionsgeschehen in Südafrika noch bis vor einer Woche äußerst gering war. Bis zum 23. November wurden in dem 60-Millionen-Einwohner-Land pro Tag lediglich einige hundert Ansteckungen registriert. Am 30. November waren es dann bereits über 4.000 neue Fälle. Der Fakt, dass Omikron bei diesem starken Anstieg »mit im Spiel« sei, spreche zwar einerseits für eine erhöhte Infektiösität, erklärte der Virologe Wolfgang Preiser von der Universität Stellenbosch in Südafrika. Klar sagen ließe sich dies aber aufgrund der bisher niedrigen Fallzahlen nicht. »Hier fängt das neue Virus praktisch bei Null an und muss sich nicht gegen das andere durchsetzen«, erklärte Preiser gegenüber jW. Ähnlich unklar sei die Situation mit Blick auf die Schwere der Krankheitsverläufe, da bisher vor allem junge Menschen infiziert seien, was zu Beginn einer Welle normal sei. Eines aber ist bereits deutlich: Auch die Omikron-Variante lässt sich mit den herkömmlichen PCR-Tests gut nachweisen. (cs)

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