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Aus: Ausgabe vom 01.12.2021, Seite 5 / Inland
Studie

Lockdown trifft Kinder

Deutsche Schulen in Pandemie besonders häufig geschlossen und dafür nur schlecht ausgerüstet
Von Bernd Müller
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Keine Schüler da: Klassenzimmer eines Gymnasiums in Berlin-Prenzlauer Berg (11.1.2021)

In der vierten Coronawelle entflammt erneut die Debatte um das Schließen von Schulen. In Baden-Württemberg bereiten sich viele Einrichtungen darauf vor, teilte der Landesverband der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) auf Twitter mit. Die GEW appelliert an die Politik: In der aktuellen Coronalage sollte das Schließen von Schulen als letztes in Erwägung gezogen werden. »Dass Massenveranstaltungen stattfinden und Schulen geschlossen werden, das geht nicht«, sagte die GEW-Vorsitzende Maike Finnern am Dienstag der dpa.

»Aber wenn wir sehen, dass die Einschränkungen über Absagen oder eine Reduzierung von Massenveranstaltungen nicht reichen, dann kann es in einzelnen Bereichen sein, dass man darüber nachdenken muss, Schulen für ein, zwei Wochen in den Distanzunterricht zu schicken«, so Finnern weiter. Es dürfe auf keinen Fall wieder dazu kommen, Schulen für mehrere Wochen oder Monate dichtzumachen, so wie es im vorigen Winter der Fall gewesen sei.

Die negativen Folgen der Schulschließungen sind gut dokumentiert; in den zurückliegenden Monaten sind zahlreiche Studien erschienen. Am Dienstag hat nun auch das Münchner Ifo-Institut eine Untersuchung veröffentlicht. Dabei vergleichen die Autoren verschiedene europäische Länder, die in der Pandemie verschiedene Strategien in der Schulpolitik verfolgten.

Sie kommen zu dem Ergebnis: »Schulschließungen in Deutschland haben Kinder und Jugendliche im internationalen Vergleich besonders stark eingeschränkt«. Die anderen Länder hätten größeren Wert darauf gelegt, die Schulen offenzuhalten. »Gleichzeitig waren die anderen Länder für digitalen Fernunterricht besser gerüstet«, so Ifo-Forscherin Larissa Zierow.

Im gewählten Ländervergleich sticht Polen heraus als Staat mit den am längsten geschlossenen Schulen. 273 Tage waren dort die Schulen teilweise oder ganz geschlossen. Die Bundesrepublik belegt den zweiten Platz im Vergleich: 74 Tage waren die Schulen vollständig geschlossen, 109 Tage teilweise, insgesamt also: 183 Tage. In Spanien, Frankreich und Schweden fiel die Zeitspanne wesentlich kürzer aus. In Spanien waren zum Beispiel die Grund- und die weiterführenden Schulen nur 45 Tage geschlossen, in Schweden nur 31 Tage.

Hinzu kommt, dass in Deutschland die Einschränkungen für Schulkinder oft größer waren als für Erwachsene. So wurde ihnen nicht nur der Schulbesuch versagt, sondern es wurden auch Freizeitangebote gestrichen, oder es wurde verboten, sich öffentlich in Gruppen zu treffen. Erwachsene hatten dagegen noch mehr Möglichkeiten für soziale Kontakte. Bis Juni 2021 waren die Unternehmen in Deutschland lediglich dazu verpflichtet, ihren Beschäftigten Heimarbeit nur nach Möglichkeit anzubieten. Und die Beschäftigten waren erst am April 2021 verpflichtet, ein solches Angebot auch anzunehmen. Dagegen bestand zum Beispiel in Frankreich seit Oktober 2020 die Pflicht, von zu Hause aus zu arbeiten, wenn es der Beruf zuließ. In Frankreich waren zudem die Ausgangsbeschränkungen für Erwachsene strenger als für Schulkinder.

Selbst die Umstellung des Schulunterrichts von Lehre in Präsenz zu Distanzunterricht klappte in der Bundesrepublik nur schlecht. »Bei der digitalen Lehre befindet sich Deutschland auf den hinteren Rängen«, erklärte Zierow. Andere europäische Länder nutzten dagegen schon seit Jahren digitale Techniken und konnten die Lehre deshalb auch einfacher umstellen. Onlineunterricht fand dagegen für deutsche Schulkinder nur selten statt und vergrößerte gerade bei den weniger begabten Schülern die Lernrückstände.

Dieses Ergebnis verwundert nicht; eine Studie über den ersten Lockdown im Frühjahr 2020 hatte zum Ergebnis, dass sich die tägliche Lernzeit von 7,4 auf 3,6 Stunden halbierte. Dafür verbrachten die Schüler viel mehr Zeit mit passiven Aktivitäten wie Handynutzung, Fernsehen und Computerspielen. Im zweiten Lockdown Anfang 2021 stieg die Lernzeit zwar wieder etwas, blieb aber immer noch drei Stunden unter dem Niveau eines normalen Schultages.

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