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Aus: Ausgabe vom 29.11.2021, Seite 15 / Politisches Buch
Geschichte der Arbeiterbewegung

Nazis im Krankenhaus

Rotes Burghausen: Max Brym über den antifaschistischen Widerstand in der bayerischen Provinz
Von Klaus Gietinger
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Liste 5, Kommunistische Partei: Wahlplakat der KPD (ohne Datum)

Max Brym ist vielleicht dem einen oder anderen Leser durch das Buch »Mao in der bayerischen Provinz« bekannt, in dem er nicht ohne Ironie beschreibt, wie er als Sprössling einer bürgerlichen Familie und Maoist in den 70ern die bayerische Provinz im sogenannten Chemiedreieck aufmischte. Jetzt hat er zum Widerstand gegen den deutschen Faschismus genau in dieser Region mit dem Zentrum Burghausen recherchiert und viel interessantes Material zutage gefördert.

Er zeigt, dass selbst – oder gerade – in der Provinz KPD und SPD den aufkommenden und den etablierten Nazifaschismus trotz der tiefen Spaltung der Arbeiterbewegung bis zu einem gewissen Grad gemeinsam bekämpften. In den Zentren der Arbeiterbewegung schien keine Einheit mehr möglich. Etwas anders lief es, so Brym, in der bayerischen Provinz. Er beginnt das Buch mit einer Einführung in die Facetten des »roten Burghausen«.

Im April 1919 entstand die bayerische Räterepublik. Auch Burghausen schloss sich an. Nach dem Sieg der Gegenrevolution löste sich der Arbeiter- und Soldatenrat auf. Während des Kapp-Putsches wurde gestreikt. Doch in München ließ sich die nach rechts immer kapitulationsbereite SPD-Regierung von den Rechten vertreiben. Während des Naziputsches in München im November 1923 versuchten Nazis auch in Burghausen das Rathaus zu besetzen, aber KPD-Anhänger verhinderten das und vertrieben sie. Was heute auch viele Burghausener nicht mehr wissen: Die KPD war stark hier, insbesondere im Betrieb der Wacker-Chemie. Eine ihre interessanten Führungsfiguren hieß Alois Haxpointner.

Bis 1929/30 war die NSDAP in Burghausen und Umland nur eine Splitterpartei; jetzt gewann sie immer mehr Wähler, meist aus dem Bürgertum und dem bäuerlichen Milieu. In Burghausen gelang es ihr noch weniger als anderswo, Arbeiter auf ihre Seite zu ziehen. In Burghausen und Umgebung bekamen SPD und KPD zusammen bis 1933 weit mehr Stimmen als die NSDAP. In der Stadt trauten sich die Nazis bis zur »Machtergreifung« nachts kaum auf die Straße. Gegen sie hielten die Mitglieder von KPD und SPD zusammen. Es gelang den Nazis nicht, KPD- oder SPD-Versammlungen zu sprengen. Im Gegenteil. Im Sommer 1932 luden die Nazis die Gewerkschaften zu einer Veranstaltung im Gasthaus »Glöckelhofer« ein, wo sie sich als Sozialisten präsentieren wollten. Doch KPD- und SPD-Genossen hatten sich im Saal des Wirtshauses schon verteilt. Die Nazis, darunter auch schon SS-Männer, wurden mächtig verprügelt. Die Landespolizei rettete die Faschisten, von denen viele im Krankenhaus landeten.

Nach dem Januar 1933 drifteten die Arbeiterparteien wieder auseinander. Die KPD hatte sich durch die RGO-Politik von vielen gewerkschaftlich organisierten Arbeitern entfremdet; die SPD gab sich kriecherisch legalistisch. Bis zum März führten die Kommunisten noch handgreifliche Auseinandersetzungen mit den Nazis; dann wurden die führenden Leute verhaftet, darunter auch Haxpointner. 1938 gab es noch Sabotageaktionen, doch 1939 endete faktisch der organisierte, mit der organisierten Arbeiterbewegung vor 1933 verbundene Widerstand.

Brym betont, wenn SPD und KPD überall zumindest bei der Abwehr der Nazis zusammengehalten und Schlachten wie im Wirtshaus »Glöckelhofer« deutschlandweit geschlagen hätten, der Faschismus hätte besiegt werden können. Burghausen zeigt, dass die Arbeiterparteien gar nicht so weit davon entfernt waren.

Max Brym: Roter Widerstand in der bayerischen Provinz. Romeon, Jüchen 2021, 108 Seiten, 11,95 Euro

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