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Aus: Ausgabe vom 26.11.2021, Seite 15 / Feminismus
Partnerschaftsgewalt

»Das Dunkelfeld explodiert«

Steigende Zahlen von Partnerschaftsgewalt. Es braucht Prävention, Fortbildung und Sensibilisierung. Ein Gespräch mit Asha Hedayati
Von Ina Sembdner
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Tödliche geschlechtsspezifische Gewalt: Protest gegen Femizide in München am 8. Mai 2020

Sie vertreten als Rechtsanwältin Frauen, die von Partnerschaftsgewalt betroffen sind. Können Sie uns einen kurzen Überblick über ihre Arbeit geben?

Ich vertrete vor allem von Gewalt betroffene Frauen in ihren familienrechtlichen Verfahren, das heißt in der Trennungssituation, in Kindschaftsverfahren, in Scheidungsverfahren. Ich vertrete sie nach der Trennung in Umgangsverfahren, in denen der Expartner über den Umgang mit dem Kind versucht, weiter Gewalt und Druck auf die Betroffene auszuüben, oder in Scheidungsverfahren, denen der Ex nicht zustimmt oder die er verzögert, weil er weiter Macht ausüben will.

Welche Frauen sind besonders gefährdet, durch ihre Partner Gewalt zu erfahren?

Gewalt gegen Frauen geht durch alle sozialen Schichten und Milieus. Mehrfach marginalisierte Frauen erfahren noch weniger Schutz – das sind migrantische Frauen mit unsicherem Aufenthalt, das sind Transfrauen. Wir müssen wegkommen von dieser individuellen Ebene hin zur strukturellen Ebene. Die Strukturen und das System verhindern nicht nur nicht die Gewalt, sondern begünstigen sie. Da gibt es wahnsinnig viele Baustellen wie den Gender-Pay-Gap, unbezahlte Carearbeit, Armutsrisiko von Alleinerziehenden ... Gewalt ist nicht häuslich, ist nicht privat – sie betrifft uns alle.

Lässt sich aus Ihrem Berufsalltag eine Zunahme der Gewalt an Frauen in der Pandemie ableiten?

Absolut. Die Zahlen waren 2020 deutlich höher. Wir haben diese Woche die offizielle Statistik des BKA dazu bekommen, die eine Steigerung um 4,9 Prozent festhält. Aber für mich ist es ganz wichtig zu betonen, dass das Dunkelfeld deutlich größer ist. Es ist sicherlich gut und richtig, dass betroffene Frauen mehr anzeigen, aber der Anstieg der offiziellen Zahlen ist nur ein Indiz dafür, dass das Dunkelfeld explodiert.

Das Gewaltschutzgesetz soll es Betroffenen ermöglichen, Maßnahmen gegen die gewaltausübende Person zu erwirken. Wie ist die Erfahrung damit?

Es ist wichtig, dass wir das Gewaltschutzgesetz haben, aber es reicht nicht aus, um präventiv gegen Gewalt an Frauen vorzugehen. Es gab sehr viele Situationen, in denen die Polizei während Corona die Männer nicht aus der Wohnung weggewiesen hat, weil: Wo sollen sie denn unterkommen? Frauen kann man ja in Frauenhäusern unterbringen. Das ist natürlich nicht der Sinn der Sache. In manchen Konstellationen ist es jedoch sinnvoll, Frauen ins Frauenhaus zu bringen. Es bringt der Betroffenen ja nichts, wenn ihr Mann weggewiesen wird, er aber immer noch weiß, wo sie lebt und sie immer noch von ihm bedroht und gefährdet ist. Daher muss viel mehr in die Prävention – auch finanziell – investiert werden, damit Frauen gar nicht erst in diese Bedrohungssituation kommen.

Das leitet über zur Istanbul-Konvention zum Schutz von Frauen vor Gewalt, die in der BRD 2018 in Kraft getreten ist. Was ist passiert in den vergangenen drei Jahren?

Die Istanbul-Konvention ist ein sehr wichtiges Instrument für die Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und Kinder. Sie muss aber auch umgesetzt werden. Deutschland hat sich mit der Konvention dazu verpflichtet, Maßnahmen gegen die Gewalt einzuführen. Es fehlen aber unter anderem immer noch 15.000 Frauenhausplätze, es wird viel zuwenig in die Prävention investiert – es passiert quasi nichts. Richterinnen und Richter, die Justiz, die Polizei, die wissen teilweise gar nichts von dieser Konvention. Es muss viel mehr fortgebildet und sensibilisiert werden. Wichtig ist auch, dass in der Konvention gefordert wird, dass Gewalt auf der Partnerschaftsebene in Kindschaftsverfahren berücksichtigt werden muss. Das passiert in der Praxis viel zu selten.

Was heißt das konkret?

Das Problem ist, dass die Richterinnen und Richter bei Kindschaftsverfahren häufig sagen, dass die Gewalt auf der Partnerschaftsebene ja keine Rolle spiele, weil es sich nicht um Gewalt gegen das Kind handele. Der Vater kann also weiterhin den Umgang mit dem Kind ausüben, ohne Täterarbeit, ohne dass Grenzen gezogen werden, ohne dass geschaut wird, übt er vielleicht Druck aus bei den Umgangsübergaben. Der Expartner weiß, dass er über das Kind immer wieder Druck und Einfluss auf die Frau ausüben kann. Die Gerichte sehen das nicht, wollen das nicht sehen. Dabei gibt es Studien, die belegen, dass das Risiko von Kindern, die Partnerschaftsgewalt erleben, also Zeuge davon werden, ein deutlich erhöhtes Risiko dafür haben, selbst später von Partnerschaftsgewalt betroffen zu sein. Gewalt wird so von Generation zu Generation weitervererbt.

Wird Gewalt an Frauen in der Politik und Öffentlichkeit ausreichend thematisiert und problematisiert?

Ich habe das Gefühl, dass sich während der Pandemie tatsächlich ein bisschen mehr zum Positiven entwickelt hat. Es gibt viel mehr Öffentlichkeit für dieses Thema, Medien berichten mehr, es wird enttabuisiert. Ich hoffe, dass das Interesse weiterhin groß bleibt und der Druck soweit steigt, dass es auch bei der Politik ankommt. Vor allem vor dem Hintergrund, dass die Zahlen zu Partnerschaftsgewalt ja nicht erst seit 2020 steigen.

Asha Heyadati arbeitet als Rechtsanwältin im ­Familienrecht in Berlin.

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