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Aus: Ausgabe vom 26.11.2021, Seite 11 / Feuilleton
Internationalismus

Der Aufstand des Menschen

PKK schreibt RAF: Der Briefwechsel der politischen Gefangenen Christa Eckes und Hüseyin Çelebi ist ein Zeitdokument revolutionärer Geschichte
Von Nick Brauns
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Aus dem Knast in die Berge: Hüseyin Çelebi (M.) schloss sich 1990 der kurdischen Guerilla an (undatierte Aufnahme)

Ende der 80er Jahre zeichnete sich ein welthistorischer Umbruch ab. Die real existierenden sozialistischen Staaten hatten ihre Ausstrahlungskraft auf antiimperialistische Bewegungen eingebüßt. Die Bedingungen für revolutionäre Politik standen vor einem grundlegenden Wandel. Der jetzt veröffentlichte Briefwechsel zwischen den politischen Gefangenen in der BRD Christa Eckes (1950–2012) und Hüseyin ­Çelebi (1967–1992) zwischen April 1988 und Dezember 1989 spiegelt diese Entwicklung wider.

Eckes hatte sich 1973 der antiimperialistischen Stadtguerilla RAF angeschlossen und war 1984 das zweite Mal verhaftet worden. Der junge, in Deutschland aufgewachsene Kurde Çelebi gehörte zu den Angeklagten im Düsseldorfer PKK-Prozess, der 1989 begann und in dem 19 Aktivistinnen und Aktivisten aus der Arbeiterpartei Kurdistans wegen Bildung einer »terroristischen Vereinigung« angeklagt wurden.

Trotz aller Einschränkungen durch die Zensur schafften es Eckes und Çelebi, eine politische Korrespondenz aufzubauen. Darin kamen sie sich auch menschlich nahe und machten sich gegenseitig Mut. »Diese Briefe sind ein Dokument, das den realen Knast wiedergibt, auch mit dem Klein-Klein, den ganzen Details – denn genau so ist es, das tägliche Gezerre, das Herumschlagen mit der Zensur usw.«, schreiben Gisela Dutzi, Sieglinde Hofmann und Brigitte Mohnhaupt – selbst ehemalige RAF-Gefangene und Weggefährtinnen Eckes – in der Einleitung. Ein Anlass für die Veröffentlichung der Briefe aus dem Nachlass der 2012 verstorbenen Eckes war eine Delegationsreise von Dutzi 2018 in das nordsyrische Autonomiegebiet Rojava, wo sie der von Ideen des PKK-Vordenkers Abdullah Öcalan inspirierten kurdischen Frauenbewegung begegnete.

Denn auch Eckes war auf der Suche nach neuen Konzepten auf die Kritik Öcalans am realen Sozialismus und seine Philosophie, »die den Aufstand des Menschen in den Mittelpunkt stellt«, gestoßen und hatte sich darüber mit Çelebi ausgetauscht. Aufgrund der Entfremdung in der Metropole sei es schwer, »die einheit der person im revolutionären kampf wiederherzustellen«, klagt sie in der RAF-typischen Kleinschreibung. In »nicaragua, el salvador, kurdistan, palästina oder südafrika – überall im trikont, wo gekämpft wird, ist die menschliche reife, das politisch-praktische bewusstsein viel tiefer in die gesellschaft rein, viel klarer entwickelt«.

Für die RAF-Militante, die die Einheit der revolutionären Bewegungen trotz aller Unterschiede unter dem Motto »Zusammen kämpfen« betonte, war ebenso wie für Çelebi der Internationalismus zentral. »Der Kampf in Kurdistan hat eine Motorrolle für den Kampf in der Türkei und auch in der Region«, schreibt Çelebi. Die damals von der PKK angestrebte nationale Unabhängigkeit Kurdistans sei nur das »Minimalziel«. »Wir glauben, dass unser Kampf eine Kettenreaktion auslösen kann und dann als revolutionäres Zentrum in der Region den bestehenden Status quo aus den Fugen heben kann.« Diese strategischen Überlegungen erweisen sich als geradezu prophetisch, man blicke nur auf die Entwicklungen in Rojava und im Nordirak oder auf die heutige Rolle der auf einen Vorschlag Öcalans hin gegründeten HDP als Dachpartei der kurdischen Bewegung mit Sozialisten als Pol der demokratischen Kräfte in der Türkei. In Botan – einer Region in Kurdistan – sei die objektive und subjektive Lage »reif für einen Serhildan, einen Volksaufstand«, schreibt Çelebi Ende 1989 und ordnet diese Aussicht sogleich internationalistisch ein. »Das ist auch für die Lage in der Region eine sehr wichtige Entwicklung. Ich denke z. B. an die Intifadah, welche Kraft sie durch die Eröffnung einer zweiten Front bekommen würde. Serhildan – Intifada, das wären Geschwister, die sich gegenseitig unheimlich unterstützen würden.« Der Aufstand, der den Befreiungskampf von den Bergen in die Städte tragen sollte, brach tatsächlich im folgenden Jahr im kurdischen Südosten der Türkei aus.

Auffällig ist, dass die großen Demonstrationen in der DDR im Herbst 1989 und die Maueröffnung mit allen absehbaren Konsequenzen im Briefwechsel keinerlei Erwähnung finden. Weder für Eckes noch für Çelebi – der vor seinem Anschluss an die PKK der marxistischen SDAJ angehört hatte – war der reale Sozialismus noch ein positiver Bezugspunkt. »1990 hört sich gut an!« blickt Çelebi in seinem letzten Brief an Eckes im Dezember 1989 optimistisch in die Zukunft, während das sozialistische Staatensystem im Zusammenbruch begriffen war.

Im Oktober 1989 hatte der Düsseldorfer PKK-Prozess begonnen. Wie wilde Tiere wurden die Angeklagten in einer zum Gerichtssaal umgebauten Düsseldorfer Polizeikaserne hinter Glaswänden präsentiert – im sogenannten Kurdenkäfig. Ohne »die ideologische Vorbereitung und die Isolationskampagne«, an der sich »hiesige ›Linke‹« beteiligt hatten, wäre dieser Schauprozess nicht möglich gewesen, betonte Çelebi. Insbesondere die damals noch linksradikale Tageszeitung Taz hatte eine unrühmliche Rolle bei der Dämonisierung der kurdischen Befreiungsbewegung durch die Verbreitung staatsschutzkonformer Lügen gespielt.

Çelebi kam nach zweijähriger Untersuchungshaft im Februar 1990 frei und schloss sich ein Jahr später der Guerilla in Kurdistan an. Er starb mit nur 25 Jahren am 23. Oktober 1992 bei einem Angriff der schon damals mit der Türkei kollaborierenden Demokratischen Partei Kurdistans auf ein Guerillacamp in Südkurdistan.

Christa Eckes/Hüseyin Çelebi: ­Briefwechsel. April 1988–Dezember 1989. Edition Cimarron, Brüssel 2021, 200 Seiten, 12 Euro

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