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Aus: Ausgabe vom 26.11.2021, Seite 10 / Feuilleton
Identitätspolitik

Oben oder unten?

»Dumme Scheiße« reden können: US-Comedian Dave Chappelle und sein Streit mit der Trans-Community
Von Thomas Salter
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Nicht lustig: Diese Menschen können über Dave Chappelle nicht lachen (Los Angeles, 20.10.2021)

In der US-Kunstform Stand-up-­Comedy gibt es eine Faustregel: Alles ist erlaubt, solange der Komiker mit seinen Punchlines, seinen Pointen, nach oben austeilt und nicht nach unten – to punch up, not down. Im Fall von Dave Chappelle und seinem Streit mit der Trans-Community zeigt sich nun: Weder die Punktrichter noch die angeknockten Kämpfer können sich anscheinend einigen, was hier oben oder unten ist.

Chappelle versucht gerade auf einer kleinen Tour durch elf US-amerikanische Städte seine Doku »Untitled« in Kinos zu promoten, nachdem diese kurzfristig von vielen Filmfestivals ausgeladen wurde. Grund war der Shitstorm, den er vor einem Monat mit seinem aktuellen Netflix-Stand-up-­Special »The Closer« losgetreten hatte, wohl nicht ganz unabsichtlich. Sein Streit mit der Transgenderbewegung reicht inzwischen einige Sets zurück, und schon zu Beginn des neuen Materials kündigt er an, das Thema zu Ende zu bringen.

In »The Closer« erzählt Chappelle etwa, apropos Punchlines, wie er eine Lesbe verprügelt. Oder – es geht natürlich nicht nur um LGBTQI+ – dass er überlegt, einen Film namens »Weltraumjuden« zu schreiben. Isoliert klingt das weder sehr witzig noch sehr klug. Aber Chappelle pocht sowohl in seinem Special als auch in der jetzt tobenden Debatte darauf: Die Witze gehören in einen Kontext, räumlich wie zeitlich, und er verweigere sich einer Diskussion mit jedem, der nicht das gesamte Stück gesehen hat. Und in der Tat, er wiederholt während der Stunde mehrmals: Er hat nichts gegen Trans, er wünscht ihnen das beste. Auch erzählt er die sehr bewegende Geschichte der Trans-Komikerin Daphne Dorman, mit der er befreundet war – und die sich das Leben nahm, wenige Wochen nachdem sie auf Twitter Partei für ihn ergriffen hatte, als dort einer der vorigen Shitstorms wegen seiner Trans-Witze tobte.

Aber Chappelle wäre nicht Chappelle, wenn auf empathische, kluge Passagen nicht immer ein grenzüberschreitender Schockmoment folgen würde. Etwa wenn er die Post-OP-Vulva bei Trans-Frauen in Anlehnung an den veganen Fleischersatz »Beyond Burger« als »Beyond Pussy« bezeichnet – schmeckt nicht schlecht, ist aber ganz sicher nicht echt. Und mit Rote-Bete-Saft statt echtem Blut.

Es gibt zwei Gründe, warum Chappelle immer wieder zu unbequemen Trans-Witzen zurückkehrt. Der erste ist eben genau, dass es zu einem solchen Backlash führt. Die Gesellschaftsgruppe hinter den Protesten sei seiner Ansicht nach keine Minderheit, sondern eine weiß und männlich dominierte Gruppe. Und er als Schwarzer, dessen Community seit 400 Jahren auf Gerechtigkeit warte, sei eifersüchtig auf das Tempo, mit dem die Trans-Aktivisten ihre Rechte und die Respektierung ihrer Gefühle durchsetzen könnten. Etwa dass der Rapper Da Baby für transphobische Kommentare »gecancelt« wird – aber zuvor keiner daran Anstoß nahm, dass Da Baby vor Jahren einen schwarzen Mann in einem Walmart erschossen hatte.

Der zweite Grund für den ständigen Tabubruch ist Chappelles Kunstverständnis: Bei seiner Dankesrede für den Mark Twain Prize for American Comedy im Jahr 2020 betonte er seine Überzeugung, dass Stand-up die Aufgabe habe, uns durch Lachreflexe unbequeme Themen neu betrachten zu lassen. Seine Aufgabe sei nicht, das Richtige zu sagen – sondern es sei im Gegenteil wichtig, dass es einen öffentlichen Raum gebe, in dem Leute wie er »dumme Scheiße« reden könnten.

Mit seiner Verteidigung der grenzverletzenden Comedy knüpft er in den USA an eine Tradition an. Der Afroamerikaner Richard Pryor wurde in den 70er Jahren mit Schallplatten voller Schimpfwörter zur kulturellen Ikone, weil er ohne Tabus Witze über die Rassengegensätze in den USA machte, George Carlin inspirierte mit seinen Tiraden gegen Gott und Kapitalismus Nachfolger wie Bill Hicks. Die Kunstform entwickelte dabei einen großen Respekt für Humor, der »dark« oder »sick« war.

Chappelle scheut sich nicht vor Auseinandersetzungen. 2005 machte er weltweit Schlagzeilen, als er aus einem 50-Millionen-Dollar-Vertrag mit ­Comedy Central ausstieg und damit seine eigene TV-Show aufgab, weil er Holly­wood als ausbeuterisch empfand. Er kämpfte sich zurück und erstritt 2020 die damals verlorenen Rechte an der Show. Im jetzigen Konflikt hat er einen Kompromiss vorgeschlagen: Er will in Specials keine Trans-Witze mehr veröffentlichen. Wer aber in einen Club komme, um ihm zuzuhören, müsse weiter den ein oder anderen Haken einstecken können.

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