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Aus: Ausgabe vom 26.11.2021, Seite 2 / Kapital & Arbeit
Armutslöhne

»Wirtschaft muss konkurrenzfähig bleiben«

Zeitarbeitslobby zufrieden mit Koalitionsvertrag. Branche bezeichnet sich als systemrelevant. Ein Gespräch mit Wolfram Linke
Interview: Simon Zeise
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Ohne Erntehelfer geht hier nichts – zumindest nicht in Richtung Profite (Bornheim, 28.9.2021)

Der DGB hat Leiharbeit unlängst als Krebsgeschwür der Gesellschaft bezeichnet. Fürchten Sie sich vor neuen Regulierungen der kommenden SPD-geführten Bundesregierung, oder wurden im Koalitionsvertrag alle Forderungen Ihres Lobbyverbandes berücksichtigt?

Forderungen haben wir viele. Die wurden leider nicht alle berücksichtigt. Wir begrüßen es aber sehr, dass die Zeitarbeit im Koalitionsvertrag als notwendiges Instrument bezeichnet wird.

Im Shutdown während der Coronapandemie hat sich besonders gezeigt, dass Leiharbeiter kaum Rechte im Betrieb haben. Sie sind die ersten, die gefeuert werden. Zum Dank erhalten sie wegen der geringen Löhne eine Armutsrente. Wie bewerten Sie das?

Das ist nicht ganz richtig. In einer Wirtschaftskrise neigen die Unternehmen der Zeitarbeitsbranche natürlich dazu, zuerst die Zeitarbeitnehmer zurückzuschicken und ihre Stammitarbeiter zu behalten. Das hat den positiven Effekt, dass die Stammbelegschaft geschützt wird. Und wenn ein Zeitarbeitnehmer zurück in seine Zeitarbeitsfirma geht, ist er noch lange nicht arbeitslos. Es gibt so etwas wie Arbeitszeitkonten. Die werden dann erst einmal abgefeiert. Und wenn keine Aufträge da sind, dann werden die auch erst einmal weiter bezahlt. Uns war es sehr wichtig, dass die Zeitarbeitsbranche beim Kurzarbeitergeld mit berücksichtigt wird. Die Bundesregierung hat das auch so gesehen: Unsere Unternehmen wurden bei der Verlängerung des Bezugs von Kurzarbeitergeld bis März 2022 berücksichtigt.

In den Baracken von Leiharbeitern in der Fleischindustrie und von Erntehelfern grassierte das Coronavirus. Ist Leiharbeit lebensgefährlich?

Die Masse der Mitarbeiter in der Fleischindustrie wurde über Werkverträge beschäftigt. Deswegen haben wir unser Veto gegen die Gesetzesvorlage der Bundesregierung eingelegt, denn Zeitarbeit ist nur ein Nebenschauplatz in der Branche. Natürlich haben wir uns gegen das sektorale Verbot der Zeitarbeit gewehrt. Für uns ist das Verbot von Zeitarbeit in der Fleischindustrie nicht vereinbar mit den grundgesetzlichen Regeln.

Die Zeitarbeitsbranche boomt. Leiharbeit verdrängt reguläre Arbeitsverhältnisse. Sie fordern, als systemrelevante Branche anerkannt zu werden. Im Falle eines Shutdowns der Wirtschaft würden Leiharbeitsfirmen die Sozialbeiträge vom Staat erstattet bekommen. Ist das fair?

Das ist eine gute Frage. Das Wohl der Zeitarbeitnehmer spielt bei uns eine wesentliche Rolle. Deswegen haben wir so etwas wie einen Ethikkodex. Leute, die sich nicht fair behandelt fühlen, können sich direkt an unabhängige Juristen wenden. Bei Zuwiderhandlungen schließen wir Firmen aus unserem Verband aus. Wir wollen auch, dass das mal eine saubere Branche wird. Natürlich sind wir eine systemrelevante Branche. Zeitarbeit ist ein flexibles Instrument, um auf die ständig wechselnden Ansprüche der Wirtschaft zu reagieren. Man muss den Blick mal über den Tellerrand wagen: Im internationalen Wettbewerb muss die deutsche Wirtschaft konkurrenzfähig bleiben – Zeitarbeit ist ein probates Mittel dafür. Viele Menschen wollen ja auch nicht von der Wiege bis zur Bahre auf demselben Stuhl sitzen, sondern lieber flexibel bleiben, Stichwort Work-Life-Balance. In der Pflege liegt das Lohnniveau übrigens oberhalb des Branchentarifvertrags.

Sie pflegen engen Kontakt zu den etablierten Parteien, von links bis rechts. Anlässlich des 20jährigen Bestehens Ihres Verbandes ist etwa Gregor Gysi als Gastredner aufgetreten. Wieviel Einfluss konnten Sie bei SPD, Grünen und FDP geltend machen? Saßen Sie bei den Koalitionsverhandlungen mit am Tisch?

Das geht natürlich nicht. Wir sitzen vor der Tür und haben engen Kontakt. Zu den Parteien haben wir einen guten Draht, um auch da die Interessen unserer 3.600 Mitglieder zu vertreten. Würden wir mit am Koalitionstisch sitzen, dann hätten wir auch andere Ergebnisse. Wir reden mit allen außer der AfD. Sonst hätte ich Ihrer Zeitung ja auch kein Interview gegeben.

Wolfram Linke ist Sprecher des Interessenverbands deutscher Zeitarbeitsunternehmen (IGZ)

Zeitung für das Recht auf Wohnen

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