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Aus: Ausgabe vom 25.11.2021, Seite 15 / Medien
Boulevardpresse

Fähnchen im Wind

Springers Bild setzt bei der Coronaberichterstattung neue Maßstäbe in Sachen Doppelmoral
Von Kristian Stemmler
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Gestern so, heute wieder ganz anders, Hauptsache, es verkauft sich, und niemand denkt nach – Springers Bild ...

Es ist bekannt, dass Boulevardblätter ihr Mäntelchen nach dem Wind hängen und manchmal heute das Gegenteil von dem behaupten, was sie gestern geschrieben haben. Was Springers Bild sich in der Coronaberichterstattung geleistet hat, setzt allerdings neue Maßstäbe – in Sachen Doppelmoral und mangelnder Selbstkritik. Unter Überschriften wie »Wann hört der Regelwahnsinn endlich auf?« wetterte das Blatt monatelang gegen die Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie und diffamierte Experten, die vor der vierten Welle warnten. Als die Inzidenz in die Höhe schoss, legte Bild dann eine 180-Grad-Wende hin, fragte am 17. November anklagend: »Warum sind wir wieder nicht vorbereitet?« und kritisierte, dass Testpflicht und Maskenzwang zurückgefahren worden waren.

Stefan Niggemeier, Gründer der medienkritischen Portale Bildblog und Übermedien, nahm das Verhalten des Blattes am selben Tag auseinander, sprach von »Bigotterie«. Bei Übermedien wies er darauf hin, dass der inzwischen abgelöste Bild-Chefredakteur Julian Reichelt bereits am 8. Juli im Fernsehableger Bild TV die Pandemie quasi für beendet erklärt hatte. Reichelt sprach damals von einem »autoritären Staat« und erklärte mit Blick auf die Maskenpflicht, er wolle sich nicht mehr vorschreiben lassen, »was ich mir ins Gesicht zu kleben habe«. In diesem Stil ging es weiter. Noch am 4. November machte sich das Blatt über den »Coronapanikchor« lustig und bildete dazu neben anderen Bundeskanzlerin Angela Merkel, Gesundheitsminister Jens Spahn (beide CDU) und Lothar Wieler ab, Chef des Robert-Koch-Instituts. Mit ihrer Berichterstattung, resümierte Niggemeier, habe Bild »maßgeblich dazu beigetragen, dass Menschen glauben, die Pandemie sei beendet, das Tragen von Masken sei überflüssig, das Verlangen von Tests sei völlig abwegig und hinter all den Maßnahmen stünden nur ein übergriffiger Staat und Politiker«.

Dass das auflagenstärkste Blatt des Landes monatelang den offiziellen Coronakurs kritisierte, hat dessen Beliebtheit beim »Querdenker«-Milieu gesteigert. Zugleich entlarvt es die Kritik der Coronaleugner als falsch, die Medien wären in Sachen Pandemie gleichgeschaltet. Umgekehrt wird ein Schuh draus. Die Berichterstattung zur Coronapandemie in der BRD hat die Schwächen einer von Konzernen beherrschten Medienlandschaft noch deutlicher hervortreten lassen. Die von Politikern beklagte Ausbreitung von Falschinformationen bei Bild und anderswo, von »Hass und Hetze« in den sozialen Netzwerken ist eben kein Auswuchs oder Kollateralschaden, sondern Ausdruck einer systemischen Eskalation. Warum sollte die allgemeine Verrohung die Medien und den Journalismus unangetastet lassen?

Zur Ehrenrettung des Journalismus bieten bürgerliche Journalisten und Medientheoretiker immer neue Theorien und Konzept auf. So thematisiert ein Projekt der Otto-Brenner-Stiftung (OBS), einer gemeinnützigen Einrichtung der IG Metall, den Ansatz des »konstruktiven Journalismus«. Dabei handelt es sich um eine aus Skandinavien stammende Strömung, die auf »lösungsorientierte statt negative und konfliktbasierte Nachrichten« baut. In einem Ende Oktober erschienenen Arbeitsheft der OBS wird eine »Orientierungs- und Sinnkrise« des Journalismus in Pandemiezeiten beklagt, der die Medienwissenschaftler Stephan Weichert und Leif Kramp dieses Konzept anhand von Beispielen – von der Apotheken-Umschau bis zur Zeit – entgegenhalten. Die Autoren konstatieren, »in existentiellen Krisen« komme es »auf Nachrichtenangebote an, auf die Verlass ist, Medien, die Verantwortung zeigen, statt oberflächlich, zynisch oder sensationslüstern zu berichten«.

So richtig diese Feststellung ist – Weichert und Kramp haben nur eine bürgerliche Idealisierung des Journalismus entgegenzusetzen. Sie verschließen die Augen davor, welche Funktion Journalismus und Medien im Kapitalismus tatsächlich haben. Sie sollen die herrschenden Verhältnisse absichern und absegnen. Kritisch und investigativ dürfen Journalisten nur solange sein, wie dies der Selbstreinigung des Systems dient. Grundsätzliche Kritik an den Verhältnissen ist nicht erwünscht, in der Coronakrise ebensowenig wie in jeder anderen Krise.

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  • Leserbrief von Roland Winkler aus Aue (26. November 2021 um 11:42 Uhr)
    Das Thema Schlangestehen und DDR hat Generationen bis heute belustigt. Bild und Co. haben sich am Thema Jahrzehnte köstlich ergötzt, bis heute prägt es das Bild von der DDR. Was gibt es dazu bis heute an Witzeleien, die sprichwörtlich geworden sind. Aber warum sind heutige Schlangen kein ebenso lustiger Stoff? Hängen die Fähnchen nicht auch aktuell im Wind? Nach medizinischer Versorgung, noch dazu im Not- und Pandemiezustand, haben DDR-Bürger nicht Schlange stehen müssen. Vielleicht stellt sich manch einer angesichts heutiger Bilder empört die Frage, wie diese marode, bankrotte, planwirtschaftlich träge und unfähige DDR es fertigbringen konnte, die wichtigsten nicht nur medizinischen Leistungen jederzeit zu gewähren. Wie konnte dieses unwirtschaftliche, nicht wettbewerbsfähige kommunistische Ländchen alle Pflicht-»Zwangs«-Impfungen, Untersuchungen, Versorgungen, »angeordneten« Maßnahmen ihrer Regierenden ohne Probleme organisieren und trotz »Mangels« eine gute Gesundheitsbetreuung der Bevölkerung garantieren? Beim Schlangestehen für eine Impfung oder auf der Suche nach einem Behandlungstermin oder einem Hausarzt wäre Zeit, darüber mal nachzudenken. Vielleicht lassen sich paar Witze zu jetzt und heute machen.

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