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Aus: Ausgabe vom 24.11.2021, Seite 11 / Feuilleton
Kunst und Corona

»Es fehlt an freien Flächen«

Über kollektive Kunst während der Pandemie und eine Kultur, die nie einfriert. Interview mit der Gruppe Sensus Berlin
Von Frank Willmann
Livestream (Copyright. Jesse Koch).jpg
Die Gruppe Sensus Berlin trotz Corona in Aktion ...

Erklären Sie bitte kurz, was Sensus Berlin ist?

Bei Sensus Berlin steht die Kollaboration von Kreativen zur gemeinsamen Gestaltung eines Gesamtkunstwerkes im Vordergrund. Das individuelle Werk einzelner Künstlerinnen und Künstler soll dabei verstärkt in ein kollektives Konzept eingebettet werden. Dieser Anspruch soll durch intensive Zusammenarbeit während des Schaffensprozesses erreicht werden. Ein zentraler Gedanke ist, dass Kunst verschiedenster Stilrichtungen verbunden wird. Bei den von uns organisierten Clubevents spielen auch visuelle Kunstformen eine wichtige Rolle, um multisensorische Erlebnisse zu schaffen.

Sie sind alle etwas über 20 und kommen aus Berlin. Was ist Ihr Antrieb? Was wollen Sie?

In erster Linie möchten wir die Kunst und Kultur dieser Stadt mitgestalten. Wir wollen ein Netzwerk von jungen Künstlerinnen und Künstler aufbauen und sie auf ihrem Weg unterstützen. Dabei ist es uns wichtig, der zunehmenden Kommerzialisierung und dem Mainstream konsequent entgegenzuwirken.

Ihr Konzept, Kunst und Party zu verbinden, erinnert mich an die Anfänge des Techno in Berlin. Sehen Sie da Anknüpfungspunkte?

Die Anfänge der Berliner Technoszene haben wir leider nicht miterleben dürfen. Die Grenzenlosigkeit der frühen 90er beeinflusst unsere Arbeit aber trotzdem. Im Gegensatz zum räumlich kaum regulierten Berlin der Generation unserer Eltern ist es heute allerdings recht schwer, Räume zu erschließen, in denen wir die Konzepte der damaligen Zeit weiterentwickeln können.

Hat Sie Corona ausgebremst, wie sind Sie mit der Seuche umgegangen?

Aufgrund der pandemischen Situation mussten auch wir in bezug auf Veranstaltungen im konventionellen Sinn umdenken und uns etwas Neues einfallen lassen. So haben wir unter anderem 2020 einen Livestream produziert, bei dem das Zusammenwirken zwischen DJs, VJs sowie Malerinnen und Malern erforscht wurde. Letztere standen zu Beginn vor einer leeren Leinwand und begannen, zum Sound zu malen. Die DJs haben sich daraufhin vom Entstehen der Malerei inspirieren lassen und die Musik auf die entstehenden Kunstwerke abgestimmt. Der Entstehungsprozess kann mit einem Pingpongspiel verglichen werden.

Im Kühlhaus Berlin haben wir zwei Tage lang Künstlerinnen und Künstler aus der Malerei, Bildhauerei, interaktiver und digitaler Kunst, Klangkunst und Fotografie mit Live DJ-Sets unter ein Dach gebracht.

Wie wählen Sie die Künstlerinnen und Künstler aus, kommen sie aus Ihrer Community?

In unserem Dunstkreis gibt es viele kreative Menschen, mit denen wir zusammenarbeiten. Wir sind jedoch nicht nur auf unsere Community beschränkt. Uns ist wichtig, dass wir mit den Künstlerinnen und Künstlern sympathisieren können.

Spielt der Frauenanteil eine Rolle bei Ihrer Arbeit?

Definitiv. Kunst, als Spiegel der Gesellschaft, sollte alle repräsentieren. Bei der kuratorischen Arbeit achten wir immer darauf, das Talent und den Menschen selbst zu beurteilen, nicht aber das Geschlecht oder andere gesellschaftliche Einordnungskriterien.

Berlin war bis 2020 die Partyhauptstadt Europas, wie sieht das heute aus?

Viele Menschen aus der Clubszene müssen sich sicherlich noch von den Folgen der Pandemie erholen. So eine Ausnahmesituation bietet aber auch Nährboden für neue Denkansätze. Auch andere Kollektive haben in dieser Zeit nicht die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen. Die Clubkultur in Berlin ist in Coronazeiten nicht eingefroren, das wird sie auch nie.

Man hört, Sie haben in den Weiten Brandenburgs im Sommer ein kleines Festival gestartet? Wie lief es?

Im Frühjahr dieses Jahrs bekamen wir die Möglichkeit, uns auf drei Hektar Land in Brandenburg über den Sommer kreativ auszuleben. Nach intensiver Vorbereitung wurde ein Wochenende lang zu vielfältiger Musik getanzt und gefeiert. Daneben gab es Licht- und Videoinstallationen sowie einen Ort für Graffiti, einen Volleyballplatz und Tanz- und Yogakurse.

Wie wichtig ist Berlin?

Wir sind alle in Berlin aufgewachsen. Von Kindheitstagen an hatten wir dadurch viele Berührungspunkte mit Berlins diverser Kultur. Berlin ist nicht ohne Grund bekannt für seine Vielfältigkeit. Diese erlebte Kultur in unserer Heimat selbst mitgestalten zu können, das ist eine tolle Möglichkeit. In Berlin fehlt es, vor allem im Vergleich zu den 90er Jahren, an freien Flächen für Kunst und Kultur. Berlin sollte seine Vielfältigkeit, Buntheit und seinen besonderen Charme beibehalten. Subkulturen dürfen nie ihre Daseinsberechtigung verlieren.

Wo wollen Sie mit Sensus Berlin in zehn Jahren stehen?

Im Moment schauen wir uns nach Standorten für eine eigene Veranstaltungsstätte um. Dort hoffen wir, gemeinsam mit anderen Kunst- und Kulturschaffenden unser Konzept weiter auszubauen, um dann in einer eigenen Location unseren Beitrag zur Aufrechterhaltung der Berliner Kreativszene zu leisten.

Sensus Berlin ist ein Kollektiv experimenteller Künstler

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