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Aus: Ausgabe vom 20.11.2021, Seite 4 (Beilage) / Wochenendbeilage
Kriminalität in Schweden

Svensson bekommt den Job

Hohe Kriminalität in Schweden: Über parallele Gesellschaften und einen imaginierten Wohlfahrtsstaat
Von Gabriel Kuhn, Stockholm
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Besonders großer Aufschrei: Der Mord am Rapper Einár im Vorzeigestadtviertel (Stockholm, 25.10.2021)

Am 25. Oktober titelte Bild: »Statistik beweist: Schweden ist Europas gefährlichstes Land.« Der Artikel stand der Überschrift in nichts nach: »Das einstige nordische Musterland hat sich seit 2005 zum wahren Alptraum verwandelt.« Nun ja.

Das Springer-Blatt bezog sich auf schwedische Kriminalstatistiken, denen zufolge in dem Land mehr Menschen durch Schusswaffen ermordet werden als in jedem anderen in Europa. Betroffen sind vor allem Männer im Alter zwischen 20 und 29 Jahren. Doch nicht nur Bild berichtet über Schießereien, Bombenanschläge und Bandenkriminalität in Schweden. Viele europäische Medien greifen das Thema bereitwillig auf. Es bildet einen faszinierenden Kon­trast zum Bild des fortschrittlichen Wohlfahrtsstaats, das die internationale Wahrnehmung Schwedens so lange geprägt hat. Gleichzeitig verpasst es dem populären Krimigenre »Nordic noir« eine Prise Realität. Besorgte Freunde erkundigen sich immer wieder, wie es um uns inmitten des kriminellen Chaos bestellt sei und ob man es als Stockholmer wirklich nicht wagte, nach Malmö zu reisen, wie jüngst in der liberalen österreichischen Tageszeitung Der Standard suggeriert wurde.

Die internationalen Medien folgen dabei nur dem schwedischen Beispiel. Die Themen Sicherheit und Kriminalität prägen seit Monaten die innenpolitische Diskussion. Die Moderaten, größte Partei der bürgerlichen Allianz, rüsten damit für den Wahlkampf 2022. Die U-Bahn-Wagen Stockholms sind voll mit Werbeplakaten, die mehr Überwachungskameras, Polizeibeamte und ein härteres Durchgreifen der Justiz versprechen. Die Partei folgt dabei einer einfachen Logik: »Bei doppelt so harten Strafen ist das Leben als Bandenmitglied nur halb so attraktiv.«

Schweden sind die anderen

Hier vermischen sich Elemente, die für rechte Politik charakteristisch sind. Die schwedische Gesellschaft ist enorm segregiert. Das hat mit der Wohnpolitik, der Stadtplanung und dem gesellschaftlichen Klima zu tun. Schweden gibt sich gerne weltoffen, doch das Fremde soll nicht allzu nahe kommen. Migrantische Viertel werden schnell sehr migrantisch. In Stockholmer Vororten wie Rinkeby, Tensta oder Husby sind 90 Prozent der Bevölkerung Migranten erster oder zweiter Generation. Andere Menschen ziehen weg. Das Leben in den Vororten ist von einem strukturellen Rassismus geprägt, zu dem Kürzungen von Sozialleistungen genauso gehören wie mangelnde Ausbildungs- und Arbeitsmöglichkeiten. Die Bevölkerung hat wenig Vertrauen in staatliche Institutionen, schon gar nicht in die Polizei. Ein Zugehörigkeitsgefühl zur schwedischen Gesellschaft existiert nicht. Hunderttausende Menschen, die hier geboren wurden und schwedische Staatsangehörige sind, sprechen wie selbstverständlich von »Schweden« als anderen.

In den 1990er Jahren wurden die mi­grantischen Vororte zur besonderen Zielscheibe extrem rechter Organisationen. »Sozialschmarotzer« würden sich dort zusammenrotten und den schwedischen Wohlfahrtsstaat zerstören. Menschen, die lieber ein krummes Ding drehten, als ordentlicher Arbeit nachzugehen. Die »Vororte« wurden zum Symbol für Arbeitsverweigerung, Drogenkonsum, Kriminalität und sozialen Verfall.

Eine der Organisationen, die damals den Ton angab, waren die Schweden­demokraten. Sie wurden 1988 von Personen aus dem neonazistischen Milieu gegründet. Heute sind sie mit 17,5 Prozent die drittstärkste Partei im schwedischen Parlament. Es ist gut möglich, dass sie 2022 als Teil einer rechten Koalition in die Regierung einziehen. Bis zu den Wahlen 2018 galt in Schweden ein stilles Übereinkommen zwischen allen anderen Parteien, die Schwedendemokraten außen vor zu halten. Das war einmal. Nicht nur die Moderaten, auch die Christdemokraten und die Liberalen signalisieren heute deutlich ihre Bereitschaft, mit den Rechten zusammenzuarbeiten.

Das Erscheinungsbild der Schwedendemokraten mag sich auf dem Weg ins Parlament geändert haben, die Inhalte der Partei nicht. Bis heute werden mi­grantische Vororte ungeniert als »No-Go-Zonen« bezeichnet. In Wahrheit sieht man bei einem Besuch in Rinkeby oder im Malmöer Stadtteil Rosengård Obst- und Gemüsehändler ihre Waren anbieten, Pensionisten auf Parkbänken scherzen und Kinder Fußball spielen. Angst muss hier niemand haben, auch wenn sich manch ein Bewohner über Gruppen Jugendlicher beschwert, die abends rund um die U-Bahn-Stationen die Zeit totschlagen und Passanten belästigen. Doch die Bomben, mit denen Läden und Wohnungen zerstört werden, und die Schießereien, die Todesopfer fordern, bleiben fast ausschließlich auf Konflikte zwischen rivalisierenden kriminellen Gruppen beschränkt. Deshalb erregten sie auch lange wenig Aufsehen. Solange sich die mi­grantischen Kids selbst bekriegen, kümmert es die Mehrheitsgesellschaft wenig. Fragt man betroffene Eltern, ist nicht zuletzt das ein Grund für die Gewaltspirale, die mittlerweile auch andere einholt.

Im August 2020 kam bei einem Schusswechsel vor einem McDonald’s-Restaurant im Süden Stockholms ein zwölfjähriges Mädchen ums Leben. Im Juli 2021 wurden nicht weit davon entfernt zwei Kleinkinder auf einem Fußgängerweg angeschossen. Der öffentliche Aufschrei war besonders groß, als im Oktober 2021 der 19jährige Rapper Einár nach dem Verlassen seiner Wohnung in Hammarby Sjöstad erschossen wurde. Hammarby Sjöstad ist kein migrantischer Vorort, sondern ein moderner Vorzeigestadtteil nahe dem Stockholmer Zentrum. Einár war der Sohn einer bekannten schwedischen Schauspielerin. Ulf Kristersson, der Vorsitzende der Moderaten, ließ sich zu einer entlarvenden Stellungnahme hinreißen: »Jetzt kann es jeden treffen, überall. Es ist fürchterlich. Auch Menschen in Stadtteilen, in denen ganz gewöhnliche Familien wohnen.«

Selbstorganisiertes Leben

Nicolas Lunabba arbeitet seit 20 Jahren in dem Projekt Helamalmö (»Ganz Malmö«). In dem Projekt geht es darum, die Lebensverhältnisse in Malmös Vororten zu verbessern und gleichzeitig eine öffentliche Debatte über soziale Gerechtigkeit und gesellschaftliche Machtverhältnisse anzustoßen. Im Gespräch mit junge Welt zieht Lunabba nach 20 Jahren ein ernüchterndes Fazit: Nachdem die schwedische Gesellschaft so viele Menschen über einen so langen Zeitraum sich selbst überlassen habe, könnten sich diese nur selbst helfen. Lunabba spricht von »parallelen Gesellschaftsstrukturen«, die zu diesem Zweck aufgebaut werden müssen und bereits aufgebaut würden. So werde Vertrauen geschaffen, Ausbildung und Arbeit ermöglicht.

Bei der Frage nach dem Programm »Sluta skjut« (»Hör auf zu schießen«) wird Lunabba vorsichtig. Das Programm wurde 2018 in Malmö eingeführt, um in einer gemeinsamen Anstrengung von Polizei, Justiz und Zivilbehörden Gewaltverbrechen zu reduzieren. Tatsächlich kam es 2020 zu einem signifikanten Rückgang von Schießereien und Bombenanschlägen. Manche meinen, dass dies eher der Coronapandemie als »Sluta skjut« geschuldet sei, doch für Lunabba ist eine andere Frage wichtiger. Auch wenn Programme wie dieses möglicherweise Symptome bekämpfen können, würden sie nichts an den grundlegenden Problemen ändern. »Du kannst ein paar Leute wegsperren, aber solange sich die Verhältnisse nicht ändern, folgt ihnen die nächste Generation.« Eine Lösung der grundlegenden Probleme erfordere die aktive Einbeziehung der Menschen vor Ort. Dafür würden Programme wie »Sluta skjut« keinen Beitrag leisten.

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Interessiert die schwedische Mehrheitsgesellschaft eher wenig: Bombenexplosionen in Vierteln wie Husby

Emanuel ist wohlvertraut mit den Lebensbedingungen in den schwedischen Vororten. Mehrere Jahre lang engagierte er sich in dem Projekt »Ung inlåst« (»Jung eingesperrt«). »Ung inlåst«, mittlerweile aufgrund mangelnder Finanzierung eingestellt, informierte Jugendliche, die mit dem Gesetz in Konflikt geraten waren, über ihre Rechte und bot zusätzlich Studienzirkel und Schreibwerkstätten an. Die Jugendlichen sollten eine Stimme in der öffentlichen Debatte erhalten.

Für Emanuel ist die Segregation der schwedischen Gesellschaft ein wesentlicher Grund für den Weg, den viele Jugendliche einschlagen. Die Polizeibehörden veröffentlichen jährlich eine Liste mit den Vororten, die sie als besonders problembehaftet einstufen. Im Gespräch erklärt Emanuel, dass diese Liste für viele Jugendliche eine Tabelle sei, die anzeigt, wo die Härtesten von ihnen zu Hause sind. »Wer sonst keine Chance hat, irgendeine Liste anzuführen, will wenigstens hier ganz oben stehen.«

Gleichzeitig gibt es Emanuel zufolge für die Jugendkriminalität auch einfache ökonomische Gründe. Für Jugendliche ohne Jobaussichten verspricht eine kriminelle Karriere den schnellsten Weg, an eigenes Geld zu kommen. Dazu komme die Verachtung gegenüber der schwedischen Gesellschaft. Unter den Jugendlichen der Vororte ist diese weit verbreitet. Emanuel meint, dass es enormer gesellschaftlicher Anstrengungen bedürfe, um diese Situation zu ändern.

Nur manche schaffen es

Selbstorganisation in schwedischen Vororten ist keine neue Idee. Um 2010 erregten Gruppen migrantischer Jugendlicher in verschiedenen Städten Aufsehen. Im Göteborger Vorort Biskopsgården formierten sich nach dem Vorbild der Black Panther Party die »Pantrarna«. 2012 kam gar der ehemalige Vorsitzende der Black Panther, Bobby Seale, zu Besuch. Im Stockholmer Vorort Husby besetzte zur selben Zeit die Gruppe »Megafonen« ein Gemeindezentrum.

Ein Jahr später war die Tötung eines verwirrten Mannes durch eine Spezialeinheit der Polizei in Husby der Anlass einer mehrtägigen Jugendrevolte, die sich auf zahlreiche schwedische Städte ausdehnte. Die Pantrarna veröffentlichten in der größten schwedischen Tageszeitung Aftonbladet einen Text, der viele der bis heute ungelösten Probleme auf den Punkt brachte: »Während du aufwächst, hört dir nie irgendwer zu. Du kannst dich an niemanden wenden. Du versuchst Routinen aufzubauen, aber du findest keine Beschäftigung. Du suchst eine Arbeit, aber Daniel Svensson hat den Job schon vor dir bekommen – jedes Mal. Du verlierst Hoffnung. Du suchst nach anderen Möglichkeiten. Manchen landen auf der schiefen Bahn, andere schaffen es.«

Weder Pantrarna noch Megafonen sind heute aktiv. Die Jugendlichen waren enormem öffentlichen Druck ausgesetzt. Ein Ende der Selbstorganisation in den Vororten bedeutete dies jedoch nicht.

In Zusammenhang mit der gegenwärtigen Kriminalitätsdebatte bildete sich in Stockholm das Netzwerk »Nationell kris«. Im September veröffentlichte es ein 34-Punkte-Programm zur Bekämpfung der Ursachen der Jugendkriminalität. Das Programm ist eine Antwort auf das 34-Punkte-Programm zur Verbrechensbekämpfung, das die schwedische Regierung im September 2019 präsentiert hatte. Im Regierungsprogramm ist von Grenzschutz, Kronzeugenregelungen, Hausdurchsuchungen und Handyüberwachung die Rede. Und von härteren Strafen für alle möglichen Vergehen. Das Netzwerk »Nationell kris« fordert statt dessen kostenlosen Nachhilfeunterricht, mehr Sommerjobs für Jugendliche, die Unterstützung alleinerziehender Eltern und billigere Mietwohnungen. Und härtere Strafen für Leute aus wohlhabenden Vierteln, die in den Vororten Drogen kaufen.

Es wäre verfehlt, das Problem der Kriminalität in Schweden kleinzureden. Menschen sterben, und Menschen trauern. Aber es ist nicht die Folge von »Masseneinwanderung«, kein Problem »fehlenden Respekts«, keine Konsequenz »kultureller Unterschiede«. Es ist die Folge einer fehlgeleiteten Politik und der sozialen Probleme, die diese geschaffen hat.

Für Nicolas Lunabba ist diese Entwicklung nicht einzigartig. Er sieht in vielen Ländern die Schere zwischen Reich und Arm immer weiter auseinandergehen. Die soziale Ungerechtigkeit verschärft sich. Ganze Bevölkerungsgruppen werden vom gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen. Das Besondere an Schweden sei, so Lunabba, dass das Selbstbild des Landes der Anerkennung der Probleme im Wege stehe und damit auch ihrer Bewältigung. Auch die Schweden zeigen sich über die Entwicklung in ihrem Vorzeigeland verwundert – ohne wahrhaben zu wollen, dass die Zeiten des Vorzeigelands längst vorbei sind.

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