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Aus: Ausgabe vom 20.11.2021, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

»Nur Idioten sprechen davon«

Von Arnold Schölzel
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Im sonntäglichen »Interview der Woche« des Deutschlandfunks (DLF) spricht die in Kiew stationierte Osteuropakorrespondentin Sabine Adler mit dem Chefredakteur der russischen Tageszeitung Nowaja Gaseta, Dmitri Muratow. Er erhielt zusammen mit der philippinischen Journalistin Maria Ressa den diesjährigen Friedensnobelpreis. Muratow berichtet, dass die Nachricht davon zu einer Flut von Bittbriefen an seine Redaktion geführt habe. Die Ursache sei, »dass die Leute nicht auf ihre Lokal- und Regionalpolitiker zählen, sondern glauben, dass ich einen Zauberstab in den Händen halte, mit dem man irgendwelche Probleme lösen kann.« Sie seien mit ihren Interessen »im Parlament nicht vertreten«. Muratow ist zwar der Ansicht, dass für russische Medien »die größte Gefahr vom Staat ausgeht«, reduziert den aber im Gegensatz zu Frau Adler nicht auf eine Person. Er berichtet vielmehr von regelmäßigen Chefredakteurstreffen mit dem Präsidenten: »Da gibt es richtig Streit, was Putin nicht fürchtet. Er geht harten Fragen auch nicht aus dem Weg. Ich habe viel mehr diesen Eindruck: Je härter die Fragen, desto lieber antwortet er.« Das Gesetz zu sogenannten ausländischen Agenten habe Putin als »unsinnig« bezeichnet und wolle es ändern.

Auf die Frage Sabine Adlers, ob er nicht die Sorge habe, »dass es noch schlimmer wird? Bis jetzt ging es immer nur in die eine, schlimmere Richtung«, reagiert Muratow genervt: »Hören Sie mir mal zu! Ich bin ein erwachsener Mensch und leite schon lange eine Redaktion. Ich versuche zu verstehen, dass man solche Fragen nicht stellt. Denn das wäre ein Verrat an unserer professionellen Gemeinschaft. Ich hoffe, dass die Staatsführung an die Lösung dieser Krise vernünftig herangeht. Ja, ich nehme das an.« Als Frau Adler anschließend die säuerliche Kritik einiger Putin-Hasser an der von Muratow angekündigten Verwendung des Preisgeldes anspricht – es soll an eine Stiftung gehen, die auch Putin unterstützt – platzt dem Moskauer der Kragen: »Nur Idioten sprechen von einer Stiftung des Präsidenten.« Sie sei auf dessen Anweisung gegründet worden, um Kindern, die an spinalem Muskelschwund leiden, eine Behandlung mit extrem teuren Medikamenten zu ermöglichen. Muratow: »Es wird nicht der Präsident behandelt, das muss doch auch ein Idiot verstehen. Es geht um die Heilung von Kindern, die keine andere Chance haben, wenn sie nicht die teuerste Medizin der Welt bekommen.« Auf weitere »Fragen« hat der Mann offenbar keine Lust und antwortet nur sparsam.

Eine antirussische Frontfrau wie Frau Adler lässt sich von einem Ostkerl wie Muratow nicht entmutigen. Am Dienstag war die wendige Absolventin der DDR-Jounalistenfakultät an der Leipziger Karl-Marx-Universität erneut auf DLF-Sendung und übermittelte in »Europa heute« Phantasien der Kiewer Regierung. Wenn Angela Merkel mit Alexander Lukaschenko telefoniere, dann deswegen, weil die Kanzlerin »nichts mehr zu verlieren« habe. Die Sanktionen der EU reichten nicht aus, aber die Ukraine könne helfen, wenn mit ihr »auf Augenhöhe« verhandelt werde: »Das war nicht der Fall.« Nun müsse die EU auf deren Wünsche eingehen und da stehe »an vorderster Stelle sicher die enge Anbindung an die Europäische Union und die NATO, sicherlich auch Unterstützung für die Armee in der Ostukraine«.

Mehr ist nicht nötig, damit es endlich etwas wird mit einem richtigen Krieg. Der ist auf jeden Fall die letzte Rettung für die nationalistischen Pleitiers in Kiew, aber auch für die russophobe Korrespondentin. Wäre sogar eine Krönung ihres Lebenswerks. Mit Muratow kommentiert: »Nur Idioten sprechen davon, EU und NATO von Kiew in einen Krieg gegen Russland hineinziehen zu lassen.«

Muratow ist zwar der Ansicht, dass für russische Medien »die größte Gefahr vom Staat ausgeht«, reduziert den aber im Gegensatz zu Frau Adler nicht auf eine Person. Er berichtet vielmehr von regelmäßigen Chefredakteurstreffen mit dem Präsidenten: »Da gibt es richtig Streit, was Putin nicht fürchtet.«

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