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Aus: Ausgabe vom 20.11.2021, Seite 1 (Beilage) / Wochenendbeilage
Kuba

»Wir alle haben dazu beigetragen, die Revolution zu bewahren«

Über die Zusammenarbeit mit Fidel Castro und die Filme, mit denen er kubanische Geschichte festgehalten hat. Ein Gespräch mit Roberto Chile
Interview: Flor de Paz
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»Es ging mir immer darum, zu berühren oder zu fesseln, nicht bloß zu informieren. Das ist möglich, wenn die Botschaft von Herzen kommt. Anders kann man die Seele der anderen nicht erreichen«: Porträt einer jungen Kubanerin, fotografiert von Roberto Chile

Vor fast fünf Jahren starb Fidel Castro. Sie haben ihn mehr als zwei Jahrzehnte lang fotografiert und den kubanischen Staatsmann und Revolutionsführer von 1981 an überall hinbegleitet. Woran erinnern Sie sich bei Fidel am meisten?

Es ist diese Konvergenz von Größe und Spiritualität. Auf der Tribüne: der Anführer mit Weltformat. Wenn er mit den Menschen sprach und sie berührte: ein einfacher Mann. Außerdem fielen mir immer sein Blick und sein Zeigefinger auf, der die Richtlinie vorgab, wenn er nach oben, nach vorne oder zu einer der beiden Seiten zeigte, nie nach unten. Diese Gesten konnte ich in vielen Bildern verewigen, die ich im Laufe der Jahre von ihm gemacht habe, und auch in einigen relativ aktuellen Fotos.

Wie war es, mit Fidel zu arbeiten?

Das war eine ständige Hektik. Es waren Tage, Jahre, in denen es schwer war, zu Hause zu sein und Zeit für meine Familie zu finden, obwohl ich mich immer um sie gekümmert habe. Nachdem ich meine Pflicht erfüllt hatte, über die wichtigsten Momente von Fidels revolutionärem Wirken zu berichten oder diese festzuhalten, konnte ich mich mit Dokumentarfilmen versuchen.

Welche Spuren hat die Zusammenarbeit bei Ihnen hinterlassen?

Fidel war ein Mensch, der in der Lage war, Widrigkeiten zu überwinden. Er fürchtete keine Niederlage, sondern hoffte immer, noch mehr tun zu können. Ich erinnere mich an ihn wie an ein Familienmitglied. Einmal sagte er über Che: »Manchmal träume ich von ihm.« Nun, manches Mal träume ich von Fidel, wie wir zusammen arbeiten, uns unterhalten, weil ich das Glück hatte, mit ihm zu sprechen, ihn in verschiedenen Gemütszuständen zu erleben, mit ihm Momente der Frustration, der Trauer und der Freude zu teilen.

Eine der schwierigsten Situationen, mit denen ich als Kameramann konfrontiert wurde, war, als ich den Moment dokumentieren sollte, in dem Fidel seine Proklamation an das kubanische Volk unterzeichnete (am 31. Juli 2006 übertrug Fidel Castro nach einer schweren Operation u. a. sein Amt als Präsident des Staats- und Regierungsrates der Republik Kuba vorläufig auf den damaligen Ersten Vizepräsidenten, Raúl Castro Ruz, jW). Er war auf dem Weg der Genesung und lag in seinem Bett. Als wir ankamen, sah er uns erstaunt und sagte: »Erschrecken Sie nicht, die Revolution muss bis zum letzten Blutstropfen verteidigt werden, wenn sie angegriffen wird.« Es war offensichtlich, dass er nicht an sein Leben dachte, an seine Gesundheit, sondern an die Gefahren, denen das Land ausgesetzt war. Und er wollte, dass dieser Moment festgehalten wird, damit seine Feinde im Falle seines Todes nicht sagen könnte, dass dies eine Erfindung seiner Anhänger sei. Als er diese Worte sagte, hob ich meine Hand und sagte: »Lang lebe Fidel!« Er hob seine und machte mit getrübten Augen – ohne eine Träne – die gleiche Geste.

Sie haben einmal gesagt, dass einer der bewegendsten Momente Ihres Lebens war, als Sie Teil der Karawane waren, die die sterblichen Überreste Fidels von Havanna nach Santiago de Cuba transportierte.

Manchmal schließe ich die Augen und spüre immer noch den donnernden Ruf aller: »Ich bin Fidel, ich bin Fidel!« Ich erinnere mich, dass die Mobiltelefone der Menschen, die nachts an der Route in den verschiedenen Städten standen, wie leuchtende Kerzen aussahen. Das Volk hat sich von Fidel verabschiedet, wofür es, da bin ich mir sicher, immer noch dankbar ist. Das waren Momente, die mich mit Trauer erfüllten, aber auch mit revolutionärem Stolz.

Ihre Arbeit über Fidel, über kulturelle wie historische Themen ist über das Format der Reportage hinausgegangen und hat sich in der Produktion von Dokumentarfilmen manifestiert. Wie sind Sie zu diesem Genre gekommen?

Ein bisschen durch Eingebung. Ein Dokumentarfilm ist nicht wie ein Spielfilm, der ein strenges Drehbuch erfordert, bei dem jeder wissen muss, was er zu sagen oder zu tun hat. Für einen Dokumentarfilm braucht man Inspiration, eine Idee, die der Filmemacher kennt und in die er sich vertieft. So entstanden die Werke, in die ich mich stürzte, manchmal ohne zu wissen, worauf ich hinauswollte. Aber es gibt Dutzende von ihnen zu verschiedenen Themen, mit einem eigenen Stil, mit einer natürlichen Sensibilität.

Menschliches Feingefühl?

Als Journalist, als Dokumentarfilmer ging es mir immer darum, zu berühren oder zu fesseln, nicht bloß zu informieren. Das ist möglich, wenn die Botschaft von Herzen kommt. Anders kann man die Seele der anderen nicht erreichen. Mein Ziel war es, in den Menschen mit Bildern und Tönen die gleichen Emotionen zu wecken, die die Ereignisse auf dem Bildschirm ausgelöst hatten.

Ich erinnere mich mit großer Ergriffenheit an einige dieser Ereignisse, wie zum Beispiel an die Rückkehr des Jungen Elián nach Kuba und an die Momente, die ich mit Fidel und dem kubanischen Volk in diesem Kampf zusammen verbracht habe (der damals fünfjährige Elián González, dessen Mutter auf der Flucht mit ihm in Richtung USA im Ozean ertrunken war, stand 1999/2000 im Mittelpunkt eines erbitterten Rechtsstreits um die Vormundschaft zwischen Eliáns Vater in Kuba und seinen Verwandten in Miami, jW). Das sind unvergessliche Bilder, die mein Wirken kennzeichnen, das, was ich für dieses Land tun konnte.

Alles das, was wir über so viele Jahre hinweg gefilmt haben, spielte eine unmittelbare Rolle im Leben des kubanischen Volkes, und das Beste, was passieren könnte, ist, dass es die Zukunft erreicht. Es wäre großartig, wenn künftige Generationen den Fidel kennenlernen könnten, den wir porträtiert haben.

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Roberto Chile (r.) mit Fidel Castro

Sie haben sowohl die klassische Fotografie als auch die Kunst der Filmtechnik kennengelernt. Was bringt das eine dem anderen?

Ich komme aus der klassischen Fotografie. Als ich anfing, diesen Beruf zu meinem eigenen zu machen, musste ich mich dem bewegten Bild widmen, dem Drehen von Videos und Dokumentarfilmen. In jedem Werk, das ich umsetzte, habe ich stets versucht, mich selbst zu filmen. Die Fotografie war wie mein Banner, mein Amulett, das ich immer vor mir hergetragen habe. Ich war Cutter, ich habe bei Dokumentarfilmen Regie geführt, ich habe Drehbücher und Produktionen gemacht, aber das Wichtigste war für mich immer die Kamera.

Die Fotografie bietet einen begrenzten Raum, um eine Idee auszudrücken. Der Dokumentarfilm, das bewegte Bild, bietet viel mehr, weil andere Ressourcen und Faktoren ins Spiel kommen. Aber beides hat seinen Reiz. Wenn man mich fragen würde, was ich lieber wäre, Fotograf oder Filmemacher, würde ich mich wieder für beides entscheiden. Ich könnte das eine nicht gegen das andere austauschen.

Gibt es eine Manie, eine fixe Idee, die Sie im Prozess Ihres kreativen Arbeitens nicht aufgeben können?

Ja, ich habe eine Manie, die ich nie aufgeben werde: Ich strebe immer nach Perfektion, auch wenn ich weiß, dass ich sie nicht erreichen kann. Manche sagen, dass das Perfekte der Feind des Guten ist, aber wir, die wir Perfektionisten sind, streben immer danach, der Perfektion näherzukommen. Nichtsdestotrotz: Vor allem versuche ich, ein Dichter des Bildes, der Szene zu sein. Ich glaube, dass es ohne Poesie keine Kunst gibt und dass die Poesie die Herrin der ergreifendsten Gefühle ist. Deshalb strebe ich nach dieser unerreichbaren Poetik, wie Wichy Nogueras zu sagen pflegte (Luis Rogelio Nogueras, auch bekannt als Wichy der Rote, war ein kubanischer Schriftsteller und lebte von 1944 bis 1985, jW).

Und welche Rolle räumen Sie der Musik in Ihren Filmen ein? Warum verwenden Sie häufig die des kubanischen Komponisten Frank Fer­nández?

Die Musik ist für das filmische Werk essentiell. Sie trägt dazu bei, die Motivation des Zuschauers zu verstärken, sie erzeugt Emotionen, sie bewegt, sie ist in der Lage, die Seele zu erschüttern. Für mich war es ein Glück, den Maestro Frank Fernández zu treffen, seine Musik beflügelt meine Bilder. Ich glaube sogar, wenn meine Bilder in manchen Momenten flogen, dann auch dank der Flügel, die seine Musik ihnen verlieh. Ich habe auch Musik von Silvio Rodríguez und vielen anderen Komponisten verwendet.

Natürlich messe ich der Musik eine entscheidende Bedeutung bei. Und das nicht nur intuitiv, sondern durch Gespräche mit Santiago Álvarez (kubanischer Filmregisseur, 1919–1998, jW), durch Studium, den Austausch mit Kollegen. Die Filmkunst ermöglicht es, Kräfte zu bündeln, Arsenale zu vereinen, damit das Bild und der Schnitt ihr Ziel erfüllen, aufzurütteln und zu bewegen.

Wieviel haben Sie von Santiago Álvarez gelernt, und welche anderen Einflüsse haben Sie während Ihrer Lehrzeit aufgenommen?

Er ist mein Vorbild als Filmemacher, als Dokumentarfilmer. Ich halte ihn für den größten kubanischen und lateinamerikanischen Dokumentarfilmer und möglicherweise für einen der größten der Welt. Er hat die Realität unseres Landes meisterhaft eingefangen. Er brachte Talente zusammen, die gemeinsam mit ihm das ermöglichten, was heute universelles Erbe ist. Ich konnte mit ihm an Fidels Reisen zu verschiedenen Orten teilnehmen. Ich habe gesehen, wie er mit seinen Leuten arbeitete, und konnte Teil seines eigenen Teams sein. Ich habe an seinen Dokumentarfilmen mitgearbeitet, und später war ich sein Freund. Freunde wie ihn zu haben gehört zu dem großen Glück, das ich in meinem Leben hatte. Sie waren Ansporn für mich zu versuchen, als Künstler und als Mensch besser zu werden.

Im März 2019 haben Sie den José-Martí-Preis für Ihr Lebenswerk erhalten, der vom kubanischen Journalistenverband Upec verliehen wird. Was bedeutet das Ihnen?

Auszeichnungen erfreuen immer die Seele. Sie bereiten große Freude, auch wenn man sich ihrer nicht für würdig hält. Aber dieser Preis war einer, den ich mit der größten Genugtuung, aber auch mit einer Mischung aus Demut und Dankbarkeit entgegengenommen habe. Demut, weil man weiß, dass es andere gibt, die ihn ebenso verdient haben, und dass es noch viel zu tun gäbe, um ihn sich zu verdienen. Und Dankbarkeit, weil Liebe mit Liebe vergolten wird. Diese Auszeichnung war eine Geste der Liebe des kubanischen Volkes als Dank für meine Arbeit und an diejenigen, die mit mir diese unvergesslichen Jahre teilten, in denen ich bei diesen wichtigen Ereignissen dabei sein durfte, um sie für das Heute und das Morgen festzuhalten. Ich danke allen, die mich hierbei begleitet und mir immer geholfen haben, damit ich das beste Bild bekomme. Ich möchte auch dem kubanischen Volk für die Zuneigung danken, die es mir zu verschiedenen Zeiten auf der Straße bekundet hat, und natürlich meiner Familie, insbesondere meiner Frau, die mich immer im Hintergrund begleitet hat, meinen Kindern, die mich inspiriert haben, meiner Mutter und meinem Vater.

Ich kann wie Silvio Rodríguez in einem seiner Lieder sagen: »Ich bin ein Sandkorn, ein weiteres Blatt an einem Baum.« Wir alle haben mit unserem Stückchen Tugend, mit unserem Stück Herz dazu beigetragen, die Revolution oder die kubanische Nation als audiovisuelles Erbe, als historisches Erbe, als journalistisches Erbe zu bewahren. Jeder von uns allein hätte nichts erreicht – gemeinsam haben wir es geschafft, Kapitel der von uns gelebten Geschichte zu hinterlassen, der ruhmvollen Geschichte dieses Volkes, in der nicht nur die Führungspersönlichkeiten und Amtsträger Protagonisten sind, sondern auch die einfachen Menschen, die aus dem Volk, die sich die Geschichte zu eigen gemacht haben und dank derer wir hier sind.

Der Beitrag erschien am 13. August 2021 anlässlich des 95. Geburtstags von Fidel Castro bei Cubaperiodistas.cu, der Webseite des kubanischen Journalistenverbandes. Wir danken für die Genehmigung des Abdrucks. Übersetzt wurde das Interview von Katja ­Koschmieder.

Roberto Chile …… ist Filmemacher und Fotograf. Er wurde am 29. September 1954 als Sohn einer Hausangestellten und eines Metzgers in Havanna geboren. Die Familie war gerade in ein Gebäude im Stadtbezirk Centro Habana umgezogen, als der kleine Roberto am 8. Januar 1959 ein gewaltiges Getöse, einen Volksaufruhr, erlebte. Es ist eine der Erinnerungen, die er an seine frühe Kindheit hat, und wenn er sich daran erinnert, sieht er sich selbst auf dem Balkon stehen und die Menschen beobachten, die revolutionäre Slogans rufen. Nur wenige Meter von ihrem Haus entfernt zog Fidels Siegeskarawane mit der Rebellenarmee nach dem Sturz der Diktatur von Fulgencio Batista vorbei.

Exklusiv im jW-Shop erhältlich:

Deutschsprachige Ausgabe des Fotobands »Fidel es Fidel. Fotografien von Roberto Chile«52 Seiten, 35 Farb- und Schwarzweißfotos, inkl. DVD mit Kurzfilmen von Roberto Chile, deutsch untertitelt (41 Min.). Mit Texten von Eusebio Leal Spengler, Volker Hermsdorf, Arleen Rodríguez Derivet und Lesbia Vent Dumois. 19,90 Euro.

Postkartenset »Fidel es Fidel« in einer Geschenkmappe. Das Set enthält 10 Postkarten mit Motiven aus der Ausstellung »Fidel es Fidel«, die 2016 in der jW-Ladengalerie in Anwesenheit des Fotografen Roberto Chiles präsentiert wurde. 5,00 Euro.

Bestellungen online unter www.jungewelt-shop.de oder telefonisch: 0049 (0)30/ 53 63 55 37

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