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Aus: Ausgabe vom 20.11.2021, Seite 4 / Inland
Geschichtspolitik

Kopf, Faust und Fahne

Einweihung von Kunstinstallation am Ernst-Thälmann-Denkmal in Berlin. Proteste gegen symbolischen Denkmalsturz des KPD-Vorsitzenden
Von Nick Brauns
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Proteste gegen Kunstinstallation am Thälmann-Denkmal (Berlin, 18.11.2021)

»Thälmann ist niemals gefallen …« singen die rund zwei Dutzend zumeist älteren Menschen, die sich mit geballten Fäusten und roten Fahnen auf dem Sockel des Monumentaldenkmals für den 1944 von den Nazis ermordeten KPD-Vorsitzenden Ernst Thälmann im Berliner Ortsteil Prenzlauer Berg versammelt haben. »›Linke‹ Handlanger der Reaktion wollen unseren Arbeiter-Held vom Sockel stürzen!!!« heißt es auf einem Pappschild, das ein Mann in die Höhe hebt. Der Protest am Donnerstag nachmittag gilt der gleichzeitig stattfindenden Einweihung einer »künstlerischen Kommentierung« des Denkmals. Mit ihrer Arbeit »Vom Sockel denken« hatte sich die Berliner Künstlerin Betina Kuntzsch in einem 2019 vom Bezirksamt Pankow unter Linke-Bürgermeister Sören Benn ausgelobten Wettbewerb durchgesetzt.

Fünf rote Betonblöcke – verkleinerte Nachbildungen des Denkmalsockels – sind wie überdimensionierte Bauklötze auf dem Platz verteilt. Sie tragen Inschriften wie »Kopf Faust Fahne«, »Irmas Teddy« und »Ich sehe was« – Titel von Kurzfilmen, die über QR-Code mit dem Mobiltelefon auf der Website abgerufen werden können. Die teils experimentellen Filme zeigen Szenen von der Einweihung des Denkmals 1986 und von der Pionierorganisation, die Thälmann zu ihrem Namenspatron erwählt hatte. Erzählt wird von einer Kindheit inmitten »schwarzer Flocken« im Umfeld des 1982 stillgelegten Gaswerks und der Errichtung des Ernst-Thälmann-Parks mit seinen modernen Hochhäusern an dieser Stelle. Einen Blick auf die Persönlichkeit Thälmanns erfolgt anhand von Zitaten aus Irma Thälmanns »Erinnerungen an meinen Vater«. Dieses Kinderbuch dürfte auch das Bild über »Teddy« derjenigen geprägt haben, die zuvor protestiert hatten. Zur Präsentation der Filme im Kulturzentrum »Wabe« fanden sich die Kritiker des Kunstprojektes indessen nicht ein.

»Thälmann find ick jut!« stellte dort Jan B., der sich in der Anwohnerinitiative Thälmann-Park für den 2014 schließlich erteilten Denkmalschutz des Ensembles engagiert hatte, gegenüber junge Welt klar. Er nennt die Installation in Verbindung mit den Filmen einen »zeitgemäßen Umgang mit dem Denkmal«. Der Platz davor sei inzwischen vor allem Jugendtreffpunkt. So könnte der eine oder andere Jugendliche für Thälmann interessiert werden, hofft B.

Sie wolle gar nicht in Abrede stellen, dass Thälmann als Antifaschist ermordet wurde, erklärte die 1963 geborene und in dem Kiez am Gaswerk aufgewachsene Betina Kuntzsch im Gespräch mit junge Welt. Um den Politiker Thälmann, der in ihren Filmen in wenigen Sekunden abgehandelt wird, geht es ihr nicht so sehr. Aber aus ihrer Abneigung gegen das aus ihrer Sicht überdimensionierte Denkmal, das sie als »anachronistischen Koloss aus 50 Tonnen Bronze« bezeichnet, macht Kuntzsch keinen Hehl. Sie beruft sich dabei auch auf Willi Sitte. Der Präsident des Verbandes bildender Künstler der DDR war demonstrativ der Denkmaleinweihung ferngeblieben. Denn er hatte missbilligt, dass Erich Honecker persönlich den Auftrag an den sowjetischen Bildhauer Lew Kerbel erteilt hatte, anstatt einen Gestaltungswettbewerb unter DDR-Künstlern zu veranstalten.

Es sei gewollt, mit den roten Betonklötzen den Charakter als Aufmarschplatz zu brechen, erklärte Kuntzsch. Sie halte aber nichts davon, Denkmäler vom Sockel zu stoßen, egal ob Thälmann oder Bismarck. Es gehe darum, Diskussionen anzuregen. Doch diejenigen, die zuvor trotzig protestiert hatten, hätten bislang nicht das Gespräch mit ihr gesucht. Deren Haltung, hinter allem antikommunistische Propaganda zu wittern, könne sie ebensowenig nachvollziehen wie deren Wut.

Misstrauen gegen eine »Kommentierung« des antifaschistischen Denkmals, dessen Abriss ursprünglich 1993 von der Bezirksverordnetenversammlung beschlossen worden war, ist allerdings nicht grundlos. »Wichtig ist es, dass wir dieses Monstrum von Denkmal vom Sockel holen und sichtbar brechen«, hatte der inzwischen wiedergewählte Linke-Bürgermeister Benn noch im September die Linie vorgegeben. Eine historische Einordnung von Thälmann und seiner »Verklärung in der DDR« durch zwei Schautafeln ist noch geplant.

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  • Leserbrief von Ronald Brunkhorst aus Kassel (23. November 2021 um 14:28 Uhr)
    Es war gut, dass Montag drei Leserbriefe digital unter dem Artikel von Dr. Nikolaus Brauns waren, ich wünschte, meiner zeitigen Bitte um Korrektur des Namens von »Braun« auf »Brauns« und auch der um Einfügung eines »den« vor »Kommunistenführer« hätte irgend entsprochen werden können, aber wie ich ja selbst anmerkte: 2.000 Zeichen waren restlos gefüllt – da ging nichts. Wenigstens das Foto des alten Genossen über dem Artikel wurde aber nicht – wie von mir behauptet – in der Absicht verwendet, ihn vorzuführen, lächerlich zu machen! Der Artikel ist, was er ist, aber: Man hatte die Intention, auch dem Anliegen der Genossen Geltung zu verschaffen – das ist im Gesamtzusammenhang, wie euch zu dämmern beginnen dürfte, völlig schiefgegangen. Da ist ein doppelter Missbrauch draus geworden sozusagen: Erst reduziert man (der Autor respektive durchwinkender Chefredakteur) die Gegendemonstranten auf abschätzige »zwei Dutzend« (»dreckiges Dutzend« kennt man ...), wobei man sehr genau weiß, dass es sich um alte und sehr alte Menschen handelt und hinter ihnen sehr wohl eine größere Anzahl gleich denkender und fühlender alter Genossinnen und Genossen steht, die altersbedingt nicht vor Ort erscheinen könnten – was einen (wie bei einem Trauerzug oder aber auch einem Martinsumzug von kleinen Kindern auch) eher verpflichtet als nur legitimiert, die Zahl der Teilnehmer wie nirgends anders sonst – wo nicht menschlich-herzlich wohlwollend, da denn aber auf keinen Fall – mit »Dutzend« zu fassen! Und nachdem man so danebengelegen hatte (und jeder gute Journalist weiß das!), nimmt man das Fotos des Genossen noch als Alibi für seine nicht antikommunistischen Ambitionen – doppelter Missbrauch. Sich von der der Ultra-Position des Linksparteibezirksheinis abzugrenzen war ein Leichtes ...
  • Leserbrief von Hans Bauer aus Berlin (22. November 2021 um 12:26 Uhr)
    Nick Brauns Beitrag hätte auch in den bürgerlichen Medien stehen können. Ich nahm eigentlich an, dass sich die junge Welt als eine sozialistische Stimme versteht. Gerade heute, wo Kriegsgefahr und Rechtsentwicklung zunehmend auch deutsche Politik bestimmen, erwarte ich von der jW klare Orientierungen und Positionen. Das Gegenteil ist hier der Fall. Das Thälmann-Denkmal wird benutzt, um gegen die DDR die übliche Hetze zu betreiben. Abgesehen von den hässlichen Betonklötzen, die Teil eines »Kunstwerkes« sein sollen, vermitteln die Filmchen Gehässigkeiten und Bösartigkeiten. Sogar Sitte muss bemüht werden, um gegen Partei und Staat der DDR zu schießen. Wie die historische Einordnung durch beabsichtigte Schautafeln aussehen wird, kann sich jeder ausrechnen. Der Text ist schon eingestanzt in den Köpfen von Politikern und willigen Helfern. Der Angriff auf das Denkmal, Thälmann und die DDR verfolgt nur ein Ziel: Antikommunismus.
  • Leserbrief von Arndt Müller aus Frankfurt am Main (21. November 2021 um 23:56 Uhr)
    Da das Thälmann-Denkmal offensichtlich untauglich ist für die üblichen Verfahren zur Beseitigung der Denkmäler, wird jetzt zunächst die Diffamierung mittels einer »Installation« gewählt. Trotzdem ist der richtige sachlich-politische Begriff dafür Denkmalschändung, wie für den Klau der Plakette in Ziegenhals und den Vandalismus andernorts. Dabei wird der Antikommunismus, die Anti-DDR-Hetze als integraler Bestandteil von »Rot-Rot« als Grundlage der Aktion sichtbar. Sie soll vor allem im Bewusstsein tilgen, dass Ernst Thälmann ab 1933 als Gefangener ohne Prozess in aller Welt für ein anderes Deutschland stand als das faschistische. Siehe die Demonstrationen für seine Freilassung damals international, das Thälmann-Bataillon usw. Bis zur Ermordung in Buchenwald blieb er ungebrochen. Frau Kuntzsch hat sich als ausführende Künstlerin des Bezirksamtes Pankow für die Diffamierung des Denkmals und damit der Erinnerung an Thälmann hergegeben. Ihre Äußerungen zeigen keine Auseinandersetzung mit der Kunst der DDR, der UdSSR, Lew Kerbel und erst recht nicht mit Ernst Thälmann. Sich hinter Willi Sitte zu verstecken ist albern, weil er sich ja gar nicht gegen das Denkmal selbst ausgesprochen hat, sondern gegen das Prozedere der Bildhauerauswahl. Der Umstand, dass ihre Sockel an die Stelle der Stelen mit politischen Inhalten der DDR-Zeit gesetzt wurden, stört sie nicht. Ihre gesamte Argumentation, wenn auch modisch formuliert, wie auch ihr völliges Unverständnis gegenüber der Kritik der Demonstranten widersprechen ihrer angeblichen Distanz zur Denkmalstürmerei und meinen klipp und klar Denkmalbeseitigung. Und wenn sie »im Kiez« aufgewachsen ist und heute 58 Jahre alt ist, stellt sich zuletzt die Frage: Hat sie dann nie als Junger Pionier oder FDJ-Mitglied auf dem »Aufmarschplatz« gestanden? Als Fazit bleibt: (Das Denkmal) vom Sockel (weg)denken zielt auf es vom Sockel stürzen.
  • Leserbrief von Ronald Brunkhorst aus Kassel (21. November 2021 um 12:44 Uhr)
    Nachdem mich vor kurzem die Nachricht über einen temporäre Verhüllung des Ernst-Thälmann-Denkmals in Weimar durch einen örtlichen Bürgerbewegten erreichte, informierte ich einen noch jungen SDS-Genossen, der gebürtig aus eben Weimar in Thüringen stammt. Er wusste noch nichts von der Provokation, »eine Diskussion über den weiteren Umgang mit diesem Denkmal« anzustoßen – zwei Minuten später lag mir ein Tatortfoto aus Weimar digital vor. Man hatte der Thälmannfigur einen großen hellen Sack übergestülpt – gleichsam hätte man zur Vervollständigung der »künstlerischen Szenerie« noch ein Erschießungskommando vor dem derart präparierten Arbeiterführer in Aufstellung gehen lassen können! Wohl kein roher Umsturz kam mir in den Sinn, vielleicht aber Thälmanns Versetzung an den Stadtrand oder aber die Umwidmung des Denkmals in ein »Mahnmal gegen den Totalitärismus« mittels entsprechender Erläuterungstafeln. Auch die Installation einer »kritischen Gegenkunst« am Thälmann-Denkmal hielt ich für nicht unwahrscheinlich. Ich schlug vor, in Weimar dem Thälmann-Denkmal doch einen überlebensgroßen Joachim Gauck gegenüberzustellen – in der rechten ausgestreckten Faust das Schwert immerhin des Erzengels Michaels führend, mit der Linken das Buch der Bücher von 1871 sich an die Brust drückend, den stählernen Blick gleichsam bannend auf Kommunistenführer gerichtet. Tage nur später erfuhr ich dann erstmalig von den Bemühungen der »linken« (wohl im Sinne von »bunten«) Künstlerin Bettina Kuntzsch (geb. 1963) das Thälmann-Monument in Berlin betreffend – so geht das (mit E. T.s Filmworten: »So und nur so ...«) einfach nur nice – und Dr. Nikolaus Braun war im jW-Artikel happy. Der »Künstlerin« wurde breitester Raum gegeben, die »zwei Dutzend« Veteranen wurden vorgeführt (auch der Genosse auf dem Foto), ihnen wurde ungeachtet ihrer Hochbetagung mangelnde Diskussionsbereitschaft unterstellt, süffisant wurde ihr Wissen um und ihre Liebe zu Ernst Thälmann einem Kinderbuchwissen zugerechnet ...

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