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Aus: Ausgabe vom 19.11.2021, Seite 10 / Feuilleton
Literatur

Was war das Schlimmste, das du je getan hast?

Gegen die Gewissheit: Norbert Gstreins Roman »Der zweite Jakob« nimmt die Leser in die Pflicht
Von Werner Jung
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Man kann das getrost psychologischen Realismus nennen: Norbert Gstrein

Und wieder hat er gnadenlos zugeschlagen, Norbert Gstrein, der Meister des zuverlässig-unzuverlässigen Erzählens, denn wieder einmal seziert er einen Ich-Erzähler, dessen psychische Abgründe – ihm selbst kaum bewusst – an den Rändern des erzählerisch nur Angedeuteten aufscheinen.

»Natürlich«, so beginnt der erste Satz seines Romans »Der zweite Jakob«, »will niemand sechzig werden, jedenfalls nicht als Jubilar, und natürlich will niemand, der bei Sinnen ist, ein Fest, um das auch noch zu feiern, aber obwohl ich alles darangesetzt hatte, es zu verhindern, war ich in die erwartbaren Abläufe geschlittert und musste mich am Ende vielleicht wirklich als bedeutender Künstler, verdienter Bürger, und was dergleichen sonst für Würdigungen kurz vor dem Grabstein (…) stehen, (…) wie ein Pfau ausstopfen und vorführen lassen.« Dann entfaltet dieser Jakob, gefeierter österreichischer Schauspieler aus bestem Tiroler Haus und Geldadel, seine Lebens-, Liebes- und Leidensgeschichte: gleich mit seiner ersten Rolle in einem amerikanischen Streifen über einen brutalen Frauenmörder zum Star geworden, dann anhaltend in Kinofilmen, zuweilen im TV präsent, immer wieder auf großen Bühnen gefeiert, mehrere gescheiterte Ehen und Sidekicks, aber auch die tiefe Liebe zur Tochter Luzie, die den Vater dazu nötigt, sich den Spiegel vorzuhalten.

»Was war das Schlimmste, das du je getan hast?« fragt sie ihn in einem Gespräch. In seiner Erörterung (keinesfalls Beantwortung) dieser Frage kann man so etwas wie den geheimen Kern von Jakobs Lebensgeschichte erkennen. Gleich einem Film spult sich in seiner Erinnerung eine Autofahrt in die nordamerikanische Wüste im Grenzgebiet zu Mexiko ab, unternommen mit der Filmschauspielerin Xenia, der Freundin seines besten amerikanischen Freunds. Bei einem tragischen Unfall stirbt eine junge Frau. Ohne sich um sie zu kümmern oder Polizei und Rettungskräfte zu verständigen, kehren die beiden zum Filmset zurück und müssen fortan mit dieser Schuld leben. Einer Schuld, die die Freundin sehr viel später mit finanziellen Zuwendungen zu kompensieren versuchte, während sich Jakob irgendwie mit seinem damaligen Versagen arrangiert hatte – bis eben Luzie ihre Frage stellt. Danach beginnt er, einzelne Lebensstationen Revue passieren zu lassen.

Gstrein entwirft in »Der zweite Jakob« das Psychogramm einer Figur, der vieles einfach nur in den Schoß gefallen ist und die grandios am eigenen Leben vorbeigeschrammt ist. Sie findet in dem schwachsinnigen Onkel Jakob, der nie aus dem heimischen Tirol hinausgekommen und dabei in seiner Idiotie glücklich geblieben ist, seinen Gegenpart. »Du weißt manchmal so wenig über dich, dass es erschreckend ist, wie du damit überhaupt hast so alt werden können«, ruft Luzie ihrem Vater zu und packt noch einen drauf: »Hast du dir einmal überlegt, dass dein Onkel Jakob sein Leben vielleicht besser hinbekommen hat als du?«

Gstreins Roman ist irritierend und faszinierend zugleich – ein Meisterstück dessen, was man getrost psychologischen Realismus nennen kann, ohne dass es zugleich altbacken oder antiquiert wirken würde. Erklärungen, Deutungen, gar Interpretationen bietet der Text nicht an. Die muss der Leser schon selbst finden.

Norbert Gstrein: Der zweite Jakob. Carl-Hanser-Verlag, München 2021, 448 Seiten, 25 Euro

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