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Aus: Ausgabe vom 18.11.2021, Seite 15 / Medien
»EJS retten!«

Kirche geizt

Berlin: Evangelischer Journalistenschule droht das Aus. EKD will nötige Kosten nicht mehr tragen
Von Ralf Wurzbacher
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Diese Tür bleibt bald vielleicht dauerhaft geschlossen: Evangelische Journalistenschule in Berlin

Die Lage der Evangelischen Journalistenschule (EJS) sei »kritisch, aber nicht aussichtslos«. So lautet die Einschätzung von Natascha Gillenberg, früher selbst einmal Schülerin der Ausbildungsstätte am Bahnhof Zoo in Berlin und heute Vorsitzende der Initiative »EJS retten!« Wie junge Welt wiederholt berichtete, steht die 1995 gegründete Einrichtung seit längerem mit dem Rücken zur Wand, weil ihr indirekter Finanzier, die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD), wegen stark rückläufiger Mitgliederzahlen einen harten Kürzungskurs fährt. In der Vorwoche hatte das EKD-Leitungsgremium die Bereitstellung zusätzlicher Finanzmittel zur Weiterführung der Schule abgelehnt. Damit sei ihr Aus aber noch nicht besiegelt, versicherte Gillenberg am Mittwoch im jW-Gespräch. Eine endgültige Entscheidung in der Sache solle aber im kommenden Frühjahr fallen.

Derzeit ruht der Betrieb der EJS weitgehend. Der 13. Ausbildungsjahrgang war schon vor Monaten verabschiedet worden, nachdem es vor knapp zwei Jahren erste Anzeichen für eine Schließung gegeben hatte. Ein neuer Kurs wurde daraufhin nicht mehr ausgeschrieben, lediglich »ein oder zwei Angebote für Volontäre von Tageszeitungen« liefen noch, »tröpfelten aber aus«, schilderte Gillenberg. Sie hatte unmittelbar nach Bekanntwerden der Schieflage mit ehemaligen Absolventen und Prominenten eine Solidaritätskampagne ins Leben gerufen, die sich für den Erhalt der Einrichtung stark macht. Ausdruck findet dies in einem Mitte Februar 2020 verbreiteten offenen Brief, in dem es heißt: »›Fake News‹, wachsender Zuspruch für rechtsradikale Parteien und eine sich durch die Digitalisierung rasant wandelnde Medienlandschaft setzen Demokratie und Pressefreiheit zunehmend unter Druck. Es braucht Journalist*innen, die gelernt haben, ihren Beruf kritisch zu reflektieren, und die Konzepte für einen zeitgemäßen Qualitätsjournalismus entwickeln können.« Der Aufruf erhielt binnen acht Monaten mehr als 1.500 Unterschriften – auch von einer Reihe namhafter Journalisten.

Der Kirche würde durch den Wegfall der EJS etwas »sehr Wesentliches verloren gehen, nämlich eine Brücke in die Gesellschaft hinein über unabhängige Journalisten«, bemerkte Gillenberg. »Dann sind in Zukunft in der Öffentlichkeit viele andere Stimmen zu hören, die der protestantischen Kirche aber nicht mehr.« An der EJS haben auch zahlreiche jW-Volontäre im Rahmen ihrer Ausbildung Kurse absolviert. Tatsächlich setzt die Kirche den Rotstift nicht direkt bei der Schule an, sondern bei ihrem Träger, dem Gemeinschaftswerk der Evangelischen Publizistik (GEP). Zu diesem gehören unter anderem die Zentralredaktion des Evangelischen Pressedienstes (epd) und die Zeitschrift Chrismon. Nach den Vorgaben der EKD muss das GEP bis 2024 im Rahmen einer Restrukturierung jährliche Kosten von 1,9 Millionen Euro abbauen. Die EJS-Volontärsausbildung soll pro Jahr rund 400.000 Euro kosten. Angesichts von nahezu sechs Milliarden Euro, die die evangelische Kirche in diesem Jahr allein an Steuereinnahmen generiert, erscheint der Posten durchaus erschwinglich.

Die Aktiven von »EJS retten!« hatten schon Ende März ein Zukunftskonzept vorgelegt, das die Schule zur »Vorreiterin der Digitalisierung« machen soll. »Als ›Labor‹ und auf der Schnittstelle zwischen verschiedenen Milieus und Branchen will sie neue Denk- und Experimentierräume schaffen« und so über »Fort- und Weiterbildung auch in Kirche hineinwirken«. Die EKD-Leitung hat sich zuletzt mit den Plänen befasst, sah aber »keine Möglichkeit«, dem GEP zusätzliche Gelder für deren Realisierung zu bewilligen. Aber noch sei nicht aller Tage Abend, erklärte Gillenberg, die für die kommenden Wochen und Monate eine »Intensivierung der Überzeugungsarbeit« ankündigte. Im März werde der GEP-Aufsichtsrat dann einen finalen Beschluss fassen, »wie und ob es mit der Journalistenschule weitergeht«.

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  • Leserbrief von Helmut Türk-Berkhan aus Rosenheim (21. November 2021 um 17:47 Uhr)
    1. Qualitätsjournalismus ist ein rares Gut in diesem Land geworden, und darum ist es ein Weckruf, einen Anbieter, der das für sich noch in Anspruch nimmt, erhalten zu wollen. Trotzdem ist zunächst die Frage zu stellen, ob es sich beim Gemeinschaftswerk evangelischer Publizistik um eine diesen Maßstäben gerecht werdende Ausbildungstätte handelt. Als einer, der diese Einrichtung vor vielen Jahren durchlaufen hat, waren zumindest damals erhebliche Zweifel angebracht – alte Ausbildungskonzepte und Inhalte mussten beseitigt, alte Mitarbeitende entbunden, neue gefunden werden. 2. Die Kirchen sind wirtschaftende Unternehmen wie andere Unternehmen auch, sie verkaufen nur eine andere Ware – diese heißt Glauben/Religion. Und wenn es aufgrund vielfältiger Gründe zu zunehmenden Einnahmeausfällen kommt, muss Kirche sparen. Wie macht sie das? Einmal werden die bisher durchgeführten Arbeitsfelder überprüft, ob sie überhaupt oder noch so aufrechterhalten werden sollen, und zum anderen wird bei den Gehältern gespart (der Großteil der Ausgaben sind personenbezogene Löhne und Gehälter) – das sind nach wie vor die beiden wichtigsten Prüfkriterien. Aufgrund des Markenkerns »Verkündigung und Seelsorge« und der Lobby der Pfarrerinnen und Pfarrer wird versucht, hier am wenigsten zu sparen, also werden die »Randbereiche« durchforstet, und dazu zählt nun mal auch das GEP. Auch die Forderung der Kirchenleitungen an das GEP, sich um sogenannte Drittmittel zu kümmern, ist so alt, wie das GEP selbst, und damit bleibt die Frage nach dem Weiterbestehen mehr als offen. Die Kirchen sind aktuell massiv mit sich selbst beschäftigt, ihre Wahrnehmung in der Öffentlichkeit nimmt ab, ihre Glaubwürdigkeit ebenso, recht viel mehr als die circa fünf Prozent Kerngemeinde bleiben da nicht übrig.

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