75 Ausgaben junge Welt für 75 €
Gegründet 1947 Freitag, 3. Dezember 2021, Nr. 282
Die junge Welt wird von 2593 GenossInnen herausgegeben
75 Ausgaben junge Welt für 75 € 75 Ausgaben junge Welt für 75 €
75 Ausgaben junge Welt für 75 €
Aus: Ausgabe vom 18.11.2021, Seite 15 / Medien
Berichterstattung zu Migration

Offene Karten

Bürgerliche Medien hetzen gegen Geflüchtete und nutzen Kritik an Lukaschenko zur Verteidigung des EU-Grenzregimes
Von Kristian Stemmler
imago0087214386h.jpg
Die AfD-Anhänger wird es freuen: FAZ, Zeit, Welt, Süddeutsche und Co. liefern das Futter für rechte Hetze (Berlin, 1.12.2018)

Auf erschreckende Weise hat die Berichterstattung über die Vorgänge an der polnisch-belarussischen Grenze wieder einmal gezeigt, dass die deutschen Leitmedien jederzeit bereit sind, die Maske bürgerlicher Biederkeit fallen zu lassen. Als die Lage an der Grenze eskalierte und in den Fokus der Öffentlichkeit geriet, gaben die sonst zumindest um den Anschein von Seriosität bemühten Leib- und Magenblätter des Bildungsbürgertums jede Zurückhaltung auf. FAZ, Zeit, Welt, Süddeutsche und Co. entfachten eine Kampagne auf Bild-Niveau und lieferten das Futter für die Hetze von AfD-Anhängern und anderen Rechten. Hand in Hand mit den Nachrichtensendungen von ARD und ZDF lieferten sie ein Lehrbeispiel dafür, wie mittels Framing eine bestimmte Lesart eines Themas durchgesetzt wird.

Bereits seit dem Sommer hatten vermehrt Geflüchtete vor allem aus Afghanistan, dem Irak und Syrien versucht, die komplett abgeschottete Europäischen Union über Belarus zu erreichen. Davon wurde lange kaum Notiz genommen. Das änderte sich erst Ende Oktober/Anfang November, als die humanitäre Katastrophe in den Wäldern an der Grenze nicht mehr zu übersehen war. Doch die Mehrheit der Berichte skandalisierten nicht das Elend der Geflüchteten oder die Abschottungsagenda der EU, sondern das Verhalten der belarussischen Regierung. Staatschef Alexander Lukaschenko, meist als »Diktator« bezeichnet, führe einen »hybriden Krieg« gegen die EU, erpresse die Union, nutze »Flüchtlinge als Waffen«.

Die FAZ demonstrierte, wie Framing funktioniert. Sie machte ihre Titelseite am 10. November mit einem Foto auf, das in der rechten Bildhälfte die stacheldrahtbewehrte Grenze und einen polnischen Schützenpanzer zeigt sowie links eine in Staub gehüllte Karawane von Geflüchteten, die wie ein Heerzug wirkt. Überschrift: »Lukaschenkos Truppen«. Diese zynische Komposition wurde noch unterboten von einer Karikatur im Berliner Tagesspiegel. Sie zeigte ein Maschinengewehr mit der Aufschrift »Belarus«, in dessen Patronengurt statt Munition Personen steckten, die offensichtlich die Geflüchteten darstellen sollten. Überschrift: »Lukaschenkos Angriff auf Europa«.

Mit diesen und ähnlichen Darstellungen betrieben die beiden genannten Blätter und viele andere bürgerliche Medien – ob gewollt oder nicht – das Geschäft von AfD, Pegida und Co., lieferten Vorlagen für die Hetzer in den sozialen Netzwerken. Wenn aus Kriegs- und Krisenregionen geflüchtete Menschen als Waffe, als Rammbock gegen die EU beschrieben werden, führt das zu einer Dehumanisierung, die den Hass auf die Geflüchteten weiter anheizt. Einen ähnlichen Effekt hatten die Berichte über die Aktivitäten von »Schleusern«, die mit der Zuspitzung der Lage an der polnisch-belarussischen Grenze in großer Zahl in den Medien auftauchten.

So brachte Spiegel online am 10. November eine Reportage unter der Überschrift »Wie Schmuggler in der Türkei von Lukaschenkos Erpressung profitieren«. Der Text beschreibt, wie ein »Ibra­him« genannter Mann in Istanbul »für die türkische Mafia« Geflüchtete nach Belarus schleust. Auch in vielen anderen Medien, etwa im ZDF-»Mittagsmagazin«, wurden »die kriminellen Aktivitäten der Schleuser« beleuchtet, die Flucht aus Kriegs- und Krisenregionen dabei manchmal wie ein touristisches Vergnügen dargestellt. So schrieb die Welt am Sonntag am 14. November über den »Check-In« von Geflüchteten in Istan­bul: »Keiner von ihnen will den Flug ihres Lebens versäumen: B2784, 13.20 nach Minsk. Jeder hat dafür inklusive Visum und Hotel zwischen 2.500 Dollar und 4.500 Dollar pro Person bezahlt. Teuer, aber schließlich gilt die belarussische Hauptstadt als neue Drehscheibe auf dem Weg nach Europa.« Auch das eine Steilvorlage für rechte Hetzer – unausgesprochene Schlussfolgerung: Wer so viel Geld ausgeben kann, der lebt doch nicht wirklich im Elend.

Nach und nach erschienen in nicht wenigen Blättern auch Reportagen über die katastrophale Lage der Menschen in den Wäldern an der Grenze, dies dürfte das perfide Framing der bürgerlichen Medien jedoch nicht aufwiegen. Die Dämonisierung Lukaschenkos dient der Rechtfertigung der Abschottungspolitik der EU und des brutalen Vorgehens der polnischen Regierung gegen Geflüchtete und soll zugleich davon ablenken. Ein verrohtes Bürgertum und dessen Sprachrohre in den Medien wollen nicht für Elend und Sterben der Menschen an EU-Außengrenzen verantwortlich gemacht werden.

Zeitung gegen Profite mit der Gesundheit

Die junge Welt ist die einzige parteiunabhängige Tageszeitung, die Zeit Ihres Bestehens gegen Krieg und Faschismus angeschrieben hat. Wenn wir nun unseren 75. Geburtstag feiern, dann möchten wir das zusammen mit unseren Leserinnen und Lesern begehen.

Um dieses Jubiläum gebührend zu feiern, hat die junge Welt die 75er-Aktion. Schenken Sie sich, Ihren Lieben und der jW 75 Ausgaben für 75 Euro. Danach endet das Abo automatisch und muss nicht abbestellt werden.

  • Leserbrief von Istvan Hidy aus Stuttgart (17. November 2021 um 22:44 Uhr)
    Bedauerlicherweise stelle ich fest, dass mittels Framings eine bestimmte Lesart eines Themas durchgesetzt wird, das betrifft nicht nur die Migration, sondern generell auf dem Journalismus basierende Berichterstattung jeglicher Art. Der Journalismus ist sozusagen mit der neoliberalen »Privatisierung« ins Mittelalter zurückgeworfen worden, nach dem Motto: »Wessen Brot ich esse, dessen Lied ich singe.« Die Dichter hatten selten eine feste Anstellung und mussten von Hof zu Hof ziehen. Dort hat man Lieder gesungen. Meistens handelte es sich um Gesänge, die einen Herrscher, einen Grafen, einen Fürsten priesen und Geschichten von seinen Heldentaten erzählten. Der Sänger musste den Ruhm dieses Adligen in seinen Liedern verewigen, und dafür bekam er dann etwas Geld, eine Unterkunft, eine Ehrengabe, vielleicht auch einen schönen Ring, so dass man bis heute hat: Wes Brot ich ess ... Dann sing ich lieber nichts Schlechtes über diesen, sondern etwas Gutes. Denn würde ich den kritisieren, bekäme ich natürlich nichts zu essen.

Ähnliche:

  • Lieber sterben als zurückzukehren: In Belarus gestrandete Flücht...
    13.11.2021

    Hilfe dringend nötig

    UNHCR in Belarus. Bagdad will irakische Flüchtlinge heimholen. Türkei untersagt Flüge für Syrer, Iraker und Jemeniten

Mehr aus: Medien