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Aus: Ausgabe vom 18.11.2021, Seite 12 / Thema
Medizin

Planet der Keime

Widerstandsfähige Krankheitserreger breiten sich infolge eines ausufernden Medikamenteneinsatzes in der Tier- wie Humanmedizin weltweit rasant aus. Über Antibiotikaresistenzen (Teil 2 und Schluss)
Von Michael Kohler
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Der Abfall der industriell betriebenen Massentierzucht: verendete Legehennen im Mülleimer einer Hühnerzuchtanlage und entsorgte Antibiotika- und Hormonflaschen in einem Schweinemastbetrieb

Den Nutzen der Antibiotikakrise haben mächtige Akteure, die mächtig Profit machen. Den Schaden hat die Allgemeinheit. Und diese Feststellung führt uns zu Gründen der Antibiotikakrise, die in der breiten Öffentlichkeit bisher weitgehend bedeckt gehalten werden konnten.

Das Vergütungssystem für niedergelassene Ärzte fördert Antibiotikaresistenzen: In Deutschlands Praxen gab es 2020 etwa eine Milliarde Arzt-Patienten-Kontakte. Unabhängig von Corona und ohne circa 20 Millionen stationäre Behandlungen.¹ Das Vergütungssystem niedergelassener Ärzte bringt es mit sich, dass sich die Einnahmen nicht nach der Zeit richten, die sie ihren Patienten widmen, sondern nach der Anzahl der Patientenkontakte. Deshalb werden rasch Rezepte ausgeschrieben, ausführliche Diagnose- oder Aufklärungsgespräche rechnen sich nicht.

Auch das Vergütungssystem für Tierärzte fördert Antibiotikaresistenzen: Das sogenannte Dispensierrecht berechtigt Tierärzte dazu, die Medikamente, die sie verordnen, auch zu verkaufen. Sie sind also Arzt und Apotheker in einer Person. Die Betreuung einer Massentierhaltung kann so riesige Einnahmen fast ohne Aufwand möglich machen. Der wissenschaftliche Beirat für Agrarpolitik beim Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft forderte schon 2015, dieses System zu ändern. Aber Agrar- und Gesundheitsministerinnen neigen dazu, diese Forderung taktvoll zu übergehen.

Je mehr Korruption und je mehr Privatisierung, desto mehr Resistenzen: Die Menschenrechts- und Hilfsorganisation Medico International weist schon lange auf diesen weitgehend unbeachteten Zusammenhang hin.² Eine Studie in 28 europäischen Ländern zeigte aber nicht nur, dass es einen Zusammenhang zwischen dem Ausmaß der Korruption und der Entstehung von Multiresistenzen gibt, sondern auch, dass Resistenzlagen stärker mit der Korruption privater Gesundheitsfinanzierung zusammenhängen als mit dem Einsatz von Antibiotika. Resistenzen breiten sich unter diesen Bedingungen aus, weil bestehende Bestimmungen weder durchgesetzt noch kontrolliert werden. Mit dem Zusammenbrechen von Sozialsystemen nach dem Ende der Sowjetunion stiegen Tuberkulose- und HIV-Infektionen stark an, ebenso wie Resistenzen gegenüber Tuberkulosemitteln. Auch hier bedeutet der Übergang zu einer marktorientierten Gesundheitsversorgung, dass mehr und stärkere Breitbandantibiotika verordnet und Resistenzen dadurch gefördert werden.

Keime in Hospitälern

Krankenhauskeime: Antibiotikaresistenzen werden vor allem mit den sogenannten Krankenhauskeimen assoziiert. Bei diesen handelt es sich aber nicht nur um Bakterien, sondern auch um Viren sowie – in jeweils sehr geringem Umfang – um Parasiten und Pilze. Infektionen durch Krankenhauskeime werden bezeichnet als nosokomiale Infektionen. Man versteht hierunter diejenigen Infektionen, die im Zusammenhang mit einer medizinischen Maßnahme erworben werden, also vor allem in Krankenhäusern, Pflegeheimen oder ambulanten Arztpraxen.

Gérard Depardieus erstgeborener Sohn Guillaume wurde in Frankreich nicht nur als talentierter Schauspieler bekannt, sondern auch durch seine Infektion mit dem Krankenhauskeim MRSA (methicillinresistenter Staphylococcus aureus).³ Staphylokokken kommen auf der Haut und den Schleimhäuten der meisten gesunden Menschen vor. Zwei Dinge machen sie unter Umständen hochgefährlich: Sie können gegen das Antibiotikum Methicillin und auch gegen die meisten anderen Antibiotika resistent werden. Und sie können, falls sie ins Körperinnere gelangen, schwere Wundinfektionen, Lungenentzündungen und Blutvergiftungen auslösen. Die eben nicht mehr behandelbar sind, falls sie eine Resistenz entwickelt haben. Mit 24 Jahren infizierte sich Guillaume Depardieu bei einer Knieoperation in einem Krankenhaus mit MRSA. Von da an konnte er nur mit starken Schmerzmitteln leben. Nach siebzehn weiteren Operationen, die erforderlich wurden, weil die Infektion nicht aufzuhalten war, entschied er sich dafür, sich das rechte Bein amputieren zu lassen. Er gründete eine Stiftung zum Kampf gegen antibiotikaresistente Killerkeime und zeigte sich in vielen Talkshows als scharfer Kritiker des französischen Gesundheitssystems. Seine wütenden Fernsehauftritte sollen dazu beigetragen haben, dass Frankreich 2003 damit begann, Erkrankungen durch resistente Keime sowohl zu erfassen als auch zu publizieren, und als erstes europäisches Land deren Anzahl reduzieren konnte. 2008, im Alter von 37 Jahren, erkrankte er an einer von MRSA ausgelösten Lungenentzündung, an der er auch verstarb.

Seit 2011 müssen in Deutschland nosokomiale »Ausbrüche« (wenn bei mindestens zwei Personen nosokomiale Infektionen im Zusammenhang mit einer medizinischen Maßnahme auftreten) nicht nur an die Gesundheitsämter, sondern auch an das Robert-Koch-Institut (RKI) gemeldet werden. Immerhin schätzt das RKI deren Anzahl auf 400.000 bis 600.000 pro Jahr allein in Deutschland, dessen Gesundheitssystem als vergleichsweise gut gilt. Die meisten dieser Infektionen ereignen sich hierzulande vermutlich auf Intensivstationen. Sie führen jetzt schon zu der erschreckenden Zahl von etwa 10.000 bis 15.000 jährlichen Todesfällen. Etwa 85 Prozent der nosokomialen Infektionen werden durch Viren ausgelöst und 15 Prozent durch Bakterien. Etwa 30.000 bis 35.000 der Infektionen gehen auf multiresistente Erreger zurück, und etwa 2.400 Menschen sterben pro Jahr in Deutschland an einer solchen Infektion.⁴

Multiresistente Erreger überall

Verbreitung in der Umwelt: Je mehr Antibiotika, desto mehr Resistenzen, und deshalb treten resistente Erreger in großem Umfang zunächst da auf, wo besonders viele Antibiotika eingesetzt werden: in der Massentierhaltung, in Kliniken und in Pflegeheimen. Da in der Humanmedizin und noch mehr in der Tiermedizin, vor allem in der Nutztierhaltung, gewaltige Mengen an Antibiotika – auch an Reserveantibiotika – eingesetzt werden, breiten sich resistente und multiresistente Erreger immer mehr in der Umwelt aus. Reserveantibiotika werden verabreicht, wenn übliche Antibiotika aufgrund von Resistenzen nicht mehr wirken. Sie sind nicht Plan B, sondern Plan Z. Wenn sie nicht wirken, hilft nichts mehr. Außerdem haben sie besonders schwere Nebenwirkungen. In der Humanmedizin werden sie deshalb nur als letztes Mittel verabreicht, in der Tiermedizin stören die Nebenwirkungen nicht. Etwa 40 Prozent der Masthühner erhalten Reserveantibiotika und geben ihre Multiresistenzen über ihr Fleisch an die Menschheit weiter. Es gibt wohl keine wortgetreuere Erfüllung der Prophezeiung des Pythagoras, dass alles, was der Mensch den Tieren antut, auf die Menschen zurückkommen werde.

Auch über Tierfäkalien, die zur Düngung verwendet werden, geraten die resistenten Bakterien in die Böden und in die Luft, von dort aus in die Gewässer. Immer mehr Menschen werden so Träger und damit auch potentielle Überträger pathogener Keime. Über Nahrungsmittel, vor allem über Fleisch, aber auch Salat, Gemüse und Obst, gelangen sie in die Haushalte. Nicht nur hochpathogene Bakterien, sondern bereits die Antibiotika finden ihren Weg in die Umwelt, etwa über die Abwässer der Krankenhäuser oder der Produktionsanlagen in Indien. Vor zwei Jahren deckte eine Recherche von NDR, WDR und Süddeutsche Zeitung auf, dass rund um Fabriken in Indien, wo fast alle großen Pharmakonzerne produzieren lassen, große Mengen an Antibiotika in die Umwelt gelangen und so resistente Erreger entstehen, die sich global ausbreiten. Besonders verseucht ist die Millionenmetropole Hyderabad. Auch fast alle großen Pharmakonzerne in Deutschland beziehen Antibiotika und Pilzmittel aus der Stadt, die sich selbst als die »Pharmahauptstadt Indiens« bezeichnet und mit dem Slogan »Minimale Kontrolle, maximale Förderung« wirbt.⁵

Eine wachsende Gefahr der Verbreitung von Resistenzen entsteht ferner durch die Transporte von Tieren oder Tierprodukten. Noch vor hundert Jahren wurden die meisten Tiere dort geschlachtet und verarbeitet, wo sie geboren wurden und auch lebten. Dies ist im Zeitalter der industriellen Tierhaltung radikal anders. Zwischen der Geburt der Tiere und ihrem Ende als Fleisch im Supermarktregal stehen Verarbeitungsschritte wie die Besamung, die Mast, die Schlachtung, die Weiterverarbeitung und die Lagerung in Auslieferungslagern. Aufgrund der Spezialisierung in der industriellen Fleischproduktion finden fast alle diese Schritte an einem anderen Ort statt. Bei jedem der Verarbeitungsschritte fallen also Transporte an, manchmal über Landesgrenzen hinweg und über Tausende Kilometer. Bei Eiern, Milch und Milchprodukten findet dieses gewaltige Transportaufkommen ebenfalls statt. Der Biologe und Autor Clemens Arvay zeigte auf, dass neun verschiedene Transporte vorgenommen werden, bis ein Hühnerei im Regal liegt.⁶ Selbstverständlich schaden diese Transporte dem Klima, es spricht sich auch langsam herum, dass sie in aller Regel mit einer besonders rücksichtslose Verletzung des Tierwohls verbunden sind. Sie sind aber auch, und das ist weniger bekannt, ein besonders wirksamer Weg, um alte oder neue Krankheitserreger, seien es Viren oder Bakterien, in der Welt zu verbreiten. Global wird heute viermal soviel Fleisch produziert wie noch vor 60 Jahren. Das bedeutet viermal soviel Tierleid und mindestens viermal soviel Potential für neue Pandemien.

Der Mythos vom guten Bioei

Das Lebensmittel, bei dem Verbraucher am häufigsten zu Bioprodukten greifen, sind Hühnereier. Ob sie als Bioeier verkauft werden dürfen, regelt eine EU-Richtlinie. Der Einsatz von Antibiotika für die Legehennen ist dort keinesfalls verboten. Biolegehennen sind züchterisch ebenso auf Leistung getrimmt wie ihre Schwestern in der konventionellen Massenhaltung. Für Biohennen sind 3.000 Tiere pro Stalleinheit erlaubt und eine Besatzdichte von jeweils sechs Tieren auf einem Quadratmeter. In der Regel werden diese Vorgaben auch ausgeschöpft, andernfalls wäre die Konkurrenzfähigkeit bedroht. In einer Halle befinden sich mehrere Stalleinheiten, die »Produktionsanlagen« beherbergen bis zu 70.000 Tiere. Die konventionelle Haltung erlaubt bis zu 40.000 Hennen pro Stalleinheit, aber auch bei 3.000 Tieren können sich Krankheiten mühelos ausbreiten. Und die Tiere stehen ebenso unter Dauerstress, der nicht nur das Wohlbefinden, sondern auch das Immunsystem beeinträchtigt.

Arvay recherchierte 2012 die Lebensbedingungen der Biohühner. Er berichtet, wie er eine Vorzeigeanlage des deutschen Marktführers für Bioeier, Wiesengold Landei GmbH und Co. KG, besichtigte. Zunächst beschreibt er, wie er beim Auftreten zentimeterhohen Hühnerkot unter den Füßen spürt, dass in jeder Halle die jeweils 3.000 Hennen spürbar gestresst sind, dass die scharfen Dämpfe der Ausscheidungen ihm die Augen tränen ließen, seine Nasenschleimhäute brannten und er Hustenreiz verspürte und deshalb den Besuch sehr bald abbrechen musste. Und er beobachtet, dass die meisten der Legehennen nackt sind, keine Federn mehr haben, dass also auch in diesem Biovorzeigebetrieb der sogenannte Federnkannibalismus auftritt. Dies ist eine der häufigsten Verhaltensstörungen bei Hühnern in konventioneller wie auch in biologischer Intensivhaltung. Die Tiere picken einander Federn aus, dadurch werden große Bereiche der Körperoberflächen in kurzer Zeit nackt, woraufhin es zu sekundären Infektionen des Haut- und Bindegewebes kommen kann. Ausgelöst wird die Verhaltensstörung sowohl durch Nährstoffmängel aufgrund des widernatürlich schnellen Wachstums als auch durch die fehlende Sozialstruktur. Hühner sind sehr soziale Tiere, die in freier Natur in Gruppen mit bis zu 20 Tieren in einer hochdifferenzierten Sozialordnung (meist anthropomorph als Hackordnung bezeichnet) zusammenleben. In großen Herden können die Tiere keine natürliche Sozialstruktur entwickeln, was – zusammen mit dem Lärm und der permanent von Ausscheidungen getränkten Luft – zu einem andauernd erhöhten Stressniveau und gestörtem Verhalten führt.

Biohühner sind wie konventionelle Hühner die Produkte von Qualzucht, leben unter tierquälerischen Umgebungsbedingungen, werden geschlachtet, bevor auch nur zwei Prozent ihrer Lebenserwartung verstrichen sind, erreichen selbst dieses Alter nur durch wiederholte Antibiotikagaben, und ihre männlichen Küken werden genauso wie in der konventionellen Industrie grausam getötet, entweder werden sie gehäckselt oder vergast. Arvay fand bei seiner Recherche keinen einzigen Bioverband, der dieses Verfahren ablehnte. Das alles sorgt dafür, dass es auch in der Biohaltung ohne Antibiotika nicht geht. Zwar ist die Menge geringer als in der konventionellen Haltung, trotzdem entstehen auch hier Resistenzen und breiten sich aus. Außerdem sind auch Biohühner dem Umstand ausgesetzt, dass die gesamte Umwelt immer mehr mit resistenten Keimen besiedelt wird.

Antibiotika üben einen Selektionsdruck aus, der resistenten Bakterien die Vermehrung erleichtert, die dann andere, weniger schädliche bzw. nützliche Bakterien verdrängen. Das kann bedeuten, dass hochpathogene Erreger in großer Anzahl entstehen und gleichzeitig das Immunsystem geschwächt wird. Antibiotika verursachen bei Mensch und Tier einen Diversitätsverlust, eine Verarmung des Mikrobioms. Auch die Zunahme von Kaiserschnitten sowie der verbreitete Einsatz von Desinfektionsmitteln und Antiseptika führen zu einem Artensterben innerhalb unseres Mikrobioms. Es gilt heute als erwiesen, dass diese Verarmung nicht nur Adipositas mit verursacht, sondern auch viele andere moderne Seuchen: Allergien und Asthma, Typ-1-Diabetes, Neurodermitis, Krebs und verschiedene Erkrankungen des Verdauungssystems. Kinder sind besonders betroffen. Profitierten sie einst von der Einführung der Antibiotika am stärksten, werden sie inzwischen besonders häufig Opfer des Antibiotikaoverkills. Die Inzidenz des Typ-1-Diabetes, der Zuckerkrankheit im Kindes- und Jugendalter, verdoppelt sich in den Industrieländern alle 20 Jahre, und die Erkrankung bricht heute im Schnitt drei Jahre früher aus. In Deutschland erkranken etwa zehn bis 15 Prozent der Kinder und etwa fünf bis sieben Prozent der Erwachsenen an Asthma – das sind rund acht Millionen Menschen.

One-Health-Ansatz

Bei der Bekämpfung der Antibiotikaresistenzen bekennen sich mittlerweile ausnahmslos alle Beteiligten zum One-Health-Konzept. Kurz gesagt, bedeutet dies, dass die Gesundheit von Mensch, Tier und Umwelt voneinander abhängt und nur durch einen Schutz aller drei Bereiche zu erreichen ist. Historisch lässt sich das zugrundeliegende Gedankengut weit zurückverfolgen. Hippokrates schrieb bereits, dass die öffentliche Gesundheit von einer sauberen Umwelt abhänge. In diesen Tagen begehen wir den 200. Geburtstag von Rudolf Virchow (der den Begriff der Zoonose für Krankheiten einführte, die von Tieren auf Menschen übertragen werden können). Er erkannte, dass Tier- und Human­medizin eng miteinander verbunden sind.

Nach dem Zweiten Weltkrieg verbreitete sich in den USA und Europa die Einsicht, dass Virchows Erkenntnis von grundlegender Bedeutung ist für die Lösung globaler Gesundheitsprobleme. Im Zusammenhang mit dem Übersprung der Vogelgrippe H5N1 auf Menschen Anfang der 2000er Jahre wurde das One-Health-Konzept Gegenstand der großen Politik. US-amerikanische Veterinär- und Humanmediziner initiierten eine Kooperation, daraufhin schlossen sich die Welternährungs- und -gesundheitsorganisationen FAO, WHO und OIE, das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen (UNICEF), die Influenzakoordination der Vereinten Nationen und die Weltbank zusammen, um Infektionskrankheiten unter dem One-­Health-Ansatz zu bekämpfen. 2018 kam das Konzept auch in der deutschen Politik an, wurde vom »Staatssekretärsausschuss für nachhaltige Entwicklung« als Ziel der Bundesregierung benannt und ist seitdem als gesundheitspolitisches Grundkonzept allgemein anerkannt.

Das Konzept tatsächlich ernstzunehmen würde aber bedeuten, das volle Ausmaß der bereits angerichteten und noch in Gang befindlichen Umweltzerstörung anzuerkennen. In den vergangenen 50 Jahren haben Menschen nach Aussage führender Ökologen mehr in die Natur eingegriffen als in den zehntausend Jahren davor. Wenn von Eingriffen in die Natur und von Umweltzerstörung gesprochen wird, denken die meisten an den rücksichtslosen Verbrauch endlicher Ressourcen, an die Veränderung des Klimas durch Treibhausgase und an die Belastung der Luft, der Böden und des Wassers durch Schadstoffe und Umweltgifte. Ein Bereich aber, der für das Verhältnis von Menschen zur Natur vielleicht der entscheidende ist, bleibt meist im dunkeln, bekommt erst in der allerletzten Zeit überhaupt größere Aufmerksamkeit. Es ist das Verhältnis der Menschen zu den Tieren. Zur Zeit besteht die Masse von 94 Prozent aller auf der Erde lebenden Säugetiere aus Nutztieren. Nur sechs Prozent der Masse der Säugetiere sind sogenannte Wildtiere. Dies besagt eine großangelegte und mit modernsten Methoden der Satellitenerkundung und der Gensequenzierung durchgeführte Studie aus Israel.⁷ Die Studie ergab auch: Nur 30 Prozent aller Vögel leben in freier Wildbahn. 70 Prozent von ihnen sind für den menschlichen Gebrauch gefangengehaltenes Geflügel. Wenn man alle Tiere dieser Welt wiegen würde, wäre das Gewicht der in menschlicher Gefangenschaft lebenden Tiere etwa sechsmal so groß wie das Gewicht aller freilebenden Tiere.

Man schätzt, dass vor etwa 10.000 Jahren, als die Menschen begannen, sesshaft zu werden, sie etwa ein Prozent der Biomasse der Säugetiere ausmachten, die anderen 99 Prozent waren sogenannte Wildtiere. Heute stellen letztere nur noch zwei Prozent der tierischen Biomasse dar, die übrigen 98 Prozent sind die Menschen und ihre sogenannten Nutztiere. Es gibt derzeit etwa 70 Milliarden Nutztiere, mehr als 60 Milliarden werden pro Jahr geschlachtet und verzehrt. Daraus lässt sich berechnen, dass die durchschnittliche Lebenserwartung der Nutztiere etwa 1,16 Jahre beträgt. Ihre natürliche Lebenserwartung aber beträgt 15 bis 25 Jahre. Für jeden Erdenbürger werden in einem Jahr etwa neun Tiere getötet. Das sind etwa 320 Millionen Tonnen Fleisch. In einem Jahr. Es wird geschätzt, dass bis 2050 der Konsum von 320 auf 500 Millionen Tonnen steigen wird. Nicht einberechnet sind die Tiere der Meere, Seen und Flüsse sowie jene, die bei der Jagd getötet werden.

Voraussetzungen des Wandels

Ein Vergleich der Antibiotikaresistenzen mit anderen großen ökologischen Themen wie der Erderwärmung, dem Artensterben und der wachsenden Gefahr von Epidemien und Pandemien zeigt eine verblüffende Vielzahl von Parallelen: Immer wird eine menschengemachte Katastrophe als schicksalhaftes Ereignis dargestellt, und in den Mainstreammedien wird die Diskussion hauptsächlich über die Folgen der Krise und deren Bewältigung geführt, aber kaum über die Ursachen. Jede dieser Krisen bedroht Millionen von Menschenleben. Unter Wissenschaftlern besteht bei den genannten Themen seit langem weitestgehende Einigkeit hinsichtlich des Vorliegens extremer Gefahren sowie über deren Ursachen. Trotzdem steigen die Risiken unvermindert weiter an. Dies bedeutet, dass Erkrankung und Tod von Millionen Menschen bewusst riskiert bzw. in Kauf genommen werden, hauptsächlich, um Konzernprofite zu sichern. Die Fleischindustrie ist in jedem dieser Problembereiche der oder einer der Hauptverursacher. Das Erkrankungsrisiko, noch mehr das Sterberisiko betrifft vor allem ärmere Länder bzw. die ärmeren Teile der Bevölkerung der reicheren Länder.

Mögliche Lösungen der Krise sind alles andere als einfach. Einige Länder haben die Dringlichkeit des Problems durchaus erkannt, viele Überwachungssysteme wurden eingerichtet und einige leider meist regional sehr beschränkte Erfolge wurden erreicht. Generell gilt: Menschengemachte Entwicklungen können auch von Menschen geändert werden.

Für durchschlagende Erfolge gelten mindestens drei Voraussetzungen: Die grundlegende lautet, die Entwicklung, Produktion und Verwendung von Medikamenten konsequent vom Profitinteresse zu lösen. Eine privatwirtschaftliche Gesundheits­industrie steht in prinzipiellem und immer deutlicher zutage tretendem Gegensatz zur Sicherung und Förderung der Gesundheit der Menschen, der Tiere und der Natur.

Die zweite Voraussetzung heißt Kooperation. Weder Viren noch Bakterien halten sich an Grenzen, die Antibiotikakrise kann nur durch enge und langfristige internationale Kooperation bekämpft werden. Dass diese Kooperation extrem schwierig zu sein scheint, wird von vielen Akteuren beklagt. Zuwenig offengelegt wird, dass hinter mangelnder Kooperation häufig die Identifikation der jeweiligen Regierungen mit den Interessen ihrer Großindustrie, hier vor allem der Pharma- und der Fleischbranche, steht. Statt dessen werden Kooperationsmängel als menschliche Schwächen kognitiver oder moralischer Art betrachtet.

Die dritte Voraussetzung wäre die Einsicht in die Tatsache, dass bereits ein Zurückdrängen der Resistenzen ausgeschlossen ist, solange die Massentierhaltung weiter besteht. Diese ist ohne intensiven Antibiotikaeinsatz nicht möglich, was für die Entstehung neuer resistenter Keime und deren Verbreitung in der Umwelt sorgt, in einem Ausmaß, das die Eindämmung der Resistenzen völlig unmöglich macht.

Anmerkungen

1 https://www.bundesaerztekammer.de/ueber-uns/aerztestatistik/aerztestatistik-2020/
2 https://www.medico.de/fileadmin/user_upload/media/DPGG__Aus_der_Traum__Antibiotika.pdf
3 https://programm.ard.de/TV/arte/guillaume-depardieu----es-ist-die-hoelle--/eid_287245793590522
4 https://www.rki.de/DE/Content/Infekt/Ausbrueche/nosokomial/nosokomiale_Ausbrueche_node.html
5 https://www.tagesschau.de/ausland/antibiotika-113.html
6 Clemens G. Arvay: Friss oder stirb. Wie wir den Machthunger der Lebensmittelkonzerne brechen und uns besser ernähren können. Ecowin, Salzburg 2013
7 https://www.theguardian.com/environment/2018/may/21/human-race-just-001-of-all-life-but-has-destroyed-over-80-of-wild-mammals-study

Teil 1 erschien in der Ausgabe von Mittwoch.

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  • Leserbrief von Emmo Frey aus Dachau (24. November 2021 um 10:50 Uhr)
    Immer wieder ganz hervorragende Themenseiten in der jW! Michael Kohler spricht alles umfassend an, was man als interessierter Laie schon ein wenig, aber nie so genau ahnte bzw. wusste. Für mich ist die Tiermast in industrieller Massenproduktion, genauso aber auch die großagrarische Herstellung von Getreide, Gemüse, Obst mit Hilfe von Ackergiften (»Pflanzenschutzmittel«), Mineraldünger und Gentechnik nichts anderes als Tier- und Pflanzendoping in großem Stil. Nicht alles ist erlaubt, was in Ställen und auf Äckern so verfüttert, gespritzt, gesprüht wird, aber Konsequenzen? Fehlanzeige! Die Zerstörung unserer Gesundheit via Antibiotika oder auch via Glyphosat und Co. geht beschleunigt weiter. Es gibt zwar Leute und Organisationen, die das in Fachmedien bisweilen kritisieren, manchmal wird ein gerade aktueller Schadstoff des Monats durchs Dorf getrieben, aber sonst erscheint Doping nur als aufreißerische Meldung, wenn mal wieder ein prominenter Spitzensportler beim Dopen erwischt wurde. Riesenbohei in den Schlagzeilen, Anwälte und Gerichte werden eingeschaltet, ab und an gibt's sogar Strafen oder das Karriereende als Sportler. Wem schaden gedopte Sportler eigentlich? (Machen eh alle.) Muss man Radrennfahrer, Skilangläufer oder Kugelstoßerinnen essen? »… und auch nicht das Pferd von Isabell Werth«, wie der Lyriker Fritz Eckenga einmal so schön reimte in dem Gedicht »Sportler nicht essen« (aus »Fremdenverkehr mit Einheimischen, Rettungsreime«, Seite 105).
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Susanne R. aus Stuttgart (19. November 2021 um 15:49 Uhr)
    Ein erschütternder Artikel! Irgendwie wissen die meisten von uns ja schon, dass es nicht gut ist, soviel Antibiotika zu nehmen, aber die globalen Folgen habe ich mir bisher nicht bewusst gemacht, auch die Auswirkungen des »Konsums« von Tieren nicht. Was machen wir jetzt damit? Viel mehr Menschen müssen das wissen. Vielleicht kann der Artikel ja auch in Form einer Broschüre rauskommen? Die kann man dann z. B. in Arztpraxen und Supermärkten verteilen. Ach ja, wieder eines der Probleme, die der Kapitalismus wohl nicht lösen kann.
    Susanne Riedhammer, Stuttgart

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