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Aus: Ausgabe vom 17.11.2021, Seite 12 / Thema
Medizin

Die schleichende Pandemie

Die Bekämpfung von krankheitserregenden Bakterien durch Antibiotika ist immer weniger oder gar nicht mehr erfolgreich. Eine enorme Menschheitsbedrohung. Über Antibiotikaresistenzen (Teil 1)
Von Michael Kohler
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Darf’s noch etwas mehr sein? Das völlig aus dem Ruder gelaufene Ausmaß der Produktion, Anwendung und Umweltverbreitung von Antibiotika ist die maßgebliche Ursache für die immer häufiger auftretenden Resistenzen der Bakterien

Pathogene Bakterien entwickeln in wachsendem Maße Resistenzen. Ihre Bekämpfung durch Antibiotika ist deshalb immer weniger oder gar nicht mehr erfolgreich. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) bezeichnet die Resistenzen als eine der größten Bedrohungen, mit denen die Menschheit konfrontiert ist. Seit langem ist dies auch einer breiten Öffentlichkeit bekannt. Zwei Dinge aber sind es noch kaum: Erstens, welchen Umfang diese Resistenzen und deren Folgen bereits angenommen haben und künftig annehmen werden. Und zweitens, in welchem Ausmaß Profitinteressen vor allem der Pharmaindustrie und der Fleischindustrie, aber auch der niedergelassenen Ärzte beigetragen haben und weiterhin beitragen zu dieser Katastrophe.

»So was bringt bei uns heute keinen mehr um!« Die Sprecherin von »Ärzte ohne Grenzen« hält ihren rechten Zeigefinger, an dessen Spitze ein Pflaster klebt, dicht vor die Kamera.¹ Sie fährt fort: »Aber bald könnte so eine kleine entzündete Wunde lebensgefährlich sein.« Sie spricht von Antibiotikaresistenzen. Was sie erzählen möchte, bezeichnet sie als »Horrorgeschichte aus dem echten Leben«. Der Gesundheitswissenschaftler Gerd Glaeske, Professor für Arzneimittelversorgungsforschung und früheres Mitglied des Sachverständigenrates zur Entwicklung im Gesundheitswesen, nennt die Resistenzen den »Super-GAU in der Antibiotika-Therapie«.²

Krise der gesamten Medizin

Allein in der EU erkranken – trotz vergleichsweise guter Gesundheitssysteme – jährlich circa 670.000 Menschen an resistenten Erregern, und 33.000 von ihnen versterben – an Erkrankungen, die eigentlich gut behandelbar sind. Weltweit sterben bereits jedes Jahr 700.000 Menschen an Infektionen durch antibiotikaresistente Bakterien, die meisten von ihnen nach einem langen und qualvollen Leiden. Die WHO schätzt, dass die Anzahl der Todesfälle bis 2050 auf zehn Millionen anwachsen kann.³ Pro Jahr. Bakterielle Infektionen durch resistente Erreger wären dann die Todesursache Nummer eins auf dem Planeten, noch vor den Krebserkrankungen. Die volkswirtschaftlichen Schäden sollen sich entsprechend auf 100 Billionen Dollar belaufen – ebenfalls pro Jahr. Zwischen 2007 und 2015 hat sich die sogenannte Krankheitslast (infolge von Krankheit und Tod verlorene Lebensjahre) durch Infektionen mit antibiotikaresistenten Erregern in Deutschland wie in Europa deutlich erhöht. Zum Beispiel hat sich die Anzahl von Todesfällen durch resistente Klebsiella pneumoniae (sie verursachen vor allem Harnwegsinfekte und Lungenentzündungen) in diesen wenigen Jahren versechsfacht, die infolge einer Infektion mit resistenten Escherichia coli (Kolibakterien, können unter Umständen Hirnhautentzündung oder Sepsis auslösen) vervierfacht.⁴

Antibiotika werden seit den letzten Jahren des Zweiten Weltkrieges zur Behandlung von Krankheiten eingesetzt, die durch Bakterien ausgelöst werden. Dazu gehören zum Beispiel Lungenentzündungen, Blasenentzündungen, Tuberkulose, Tetanus, Pest, Typhus, generalisierte Entzündungen des Organismus (Sepsis), Hirnhautentzündungen (Meningitis) und Entzündungen des Herzens (Myokarditis). Antibiotika wurden zum Hauptgrund dafür, dass die meisten Menschen nun eine Lungenentzündung überlebten, dass nur noch wenige an »Blutvergiftung« oder an entzündeten Wunden starben. Vor allem bei Kindern konnten Antibiotika die Sterblichkeit drastisch verringern. Eine Behandlung mit Antibiotika kann auch präventiv erforderlich sein, um also eine bakterielle Infektion zu verhindern, beispielsweise bei Operationen oder Organtransplantationen oder während einer Krebsbehandlung mittels Chemotherapie. Oder bei Erkrankungen, die mit einer Immunschwäche einhergehen wie beispielsweise die Mukoviszidose. Dies bedeutet, dass durch Resistenzen nicht nur bakterielle Erkrankungen gefährlicher werden, sondern dass auch bei allen invasiven (in den Körper eindringenden) Diagnose- und Therapieverfahren (das sind vor allem Operationen, aber auch Spritzen) das Risiko steigt, dass sie zu schweren und möglicherweise tödlichen Komplikationen führen. Das mächtigste Mittel der modernen Medizin, ihre tragende Säule, droht wirkungslos zu werden.

Und ausgerechnet jetzt, da die schärfste Waffe stumpf wird, brechen die Infektionskrankheiten immer öfter aus. Etwa bis zum Jahr 1980 nahmen sie weltweit ab, seitdem steigen sie wieder. Das größte Netzwerk zu ihrer Erfassung nennt sich Gideon, eine Abkürzung von »Global Infectious Disease and Epidemiology Network«.⁵ Im Gideon sind mehr als 12.000 Ausbrüche von 215 Infektionskrankheiten erfasst, die im Zeitraum von 1980 bis 2013 in 219 Ländern auftraten und rund 44 Millionen Menschen betrafen. Das Ergebnis der Auswertung all dieser Daten lautet: In den fünf Jahren zwischen 1980 und 85 fanden knapp 1.000 außergewöhnlich starke Ausbrüche statt. Aber in den fünf Jahren zwischen 2005 und 2010 waren es fast dreimal so viele. Auch dies ist in der breiten Öffentlichkeit kaum bekannt.

Ursache der Resistenzen

Von Anfang an stellte sich beim Einsatz der Antibiotika auch das Problem der Resistenzen. Bereits Alexander Fleming, der als Entdecker der Antibiotika gilt, hatte in seiner Nobelpreisrede 1945 schon darauf hingewiesen. Dass Bakterien Resistenzen herausbilden, ist ein natürlicher Vorgang. Sie besitzen schon seit Millionen Jahren die Fähigkeit, sich gegen Angriffe wie den des Schimmelpilzes zur Wehr zu setzen. Man fand Resistenzen bei Bakterien aus dem ewigen Eis sowie in einer unterirdischen Höhle in Mexiko, die seit mindestens vier Millionen Jahren vollständig von der Umwelt getrennt ist. Antibiotika töten die meisten Bakterien ab, aber einige überleben immer und vermehren sich anschließend – jetzt aber unter günstigeren Konkurrenzbedingungen.

Resistente Bakterien entstehen also auch in der Natur, Lobbyisten der Pharma- und der Fleischindustrie, ihnen nahestehende politische Kräfte sowie Teile der Ärzteschaft argumentieren deshalb, auch die Antibiotikakrise sei ein völlig natürliches und normales Geschehen. Bekanntlich wird die Erderwärmung, das Artensterben und die steigende Pandemiegefahr ähnlich begründet. Die Ursachen werden nur am Rande angesprochen. Sie bleiben weitgehend unverändert bestehen, vor allem weil effektive Maßnahmen zur Ursachenbeseitigung die Profitchancen besonders mächtiger Großkonzerne berühren könnten. Dabei kann man in puncto Resistenzen der Pharmaindustrie keinesfalls vorwerfen, sie würde die Lage verharmlosen. Im Gegenteil. Liest man ihre Analysen und Verlautbarungen, entsteht der Eindruck, die Menschheit könne sehr bald keine drei Tage mehr überleben ohne intensive Hilfe der Pharmaindustrie, die dafür selbstverständlich öffentliche Gelder in großem Umfang benötigt. Die Antibiotikakrise, das drohende postantibiotische Zeitalter, der mögliche Rückfall der Medizin in Zustände, die Anfang des 20. Jahrhunderts bestanden, sind aber keine unvermeidliche Naturkatastrophe. Sie sind menschengemacht, genauer gesagt, sie sind erwartbare Folge der Gesetzmäßigkeiten einer kapitalistischen Wirtschaftsweise, die nicht bestehen kann, ohne die Ausbeutung von Menschen, Tieren und Umwelt systematisch und endlos zu steigern.

Die grundlegenden Umstände, die zur Antibiotikakrise geführt haben, sind lange bekannt und weitgehend unstrittig. Sie lassen sich in vier Sätzen zusammenfassen. Der erste lautet: Je mehr Antibiotika, desto mehr Resistenzen. Martin J. Blaser ist seit Jahrzehnten einer der weltweit führenden Forscher auf dem Gebiet des menschlichen Mikrobioms. Mit dem Ausdruck Mikrobiom bezeichnet man heute die Gesamtheit der Mikroorganismen, die die Erde oder eines ihrer Lebewesen besiedeln. Meist meint man aber vor allem die früher als Darmflora bezeichneten Darmbakterien. Für das US-Gesundheitsministerium leitet Blaser den Expertenbeirat gegen Antibiotikaresistenzen. Sein populärwissenschaftliches Buch »Missing Microbes« wurde in 20 Sprachen übersetzt und erschien unter dem Titel »Antibiotika Overkill« auf deutsch.⁶ Darin beschreibt er, wie schnell und einfach ein resistentes Bakterium gewonnen werden kann: Man nehme einen winzigen Klecks Escherichia coli (Kolibakterien, abgekürzt E. coli, ein meist harmloses Darmbakterium, das aber bei Immunschwäche unter anderem eine lebensbedrohliche Sepsis auslösen kann) und bringe es auf eine Petrischale mit Nährlösung. Dazu gebe man Streptomycin, ein Antibiotikum, das die meisten E.-coli-Stämme abtötet. Am nächsten Morgen wird man in der Nährlösung kleine Punkte finden. Sie bestehen aus E.-coli-Bakterien, die nicht abgetötet wurden und sich inzwischen bereits millionenfach vermehrt haben. Sie verfügen über eine Genvariante zur Herstellung von Proteinen, die zwar nicht besonders effizient ist, die aber durch das Antibiotikum nicht zerstört wird. Sobald aber das Streptomycin sich nicht mehr in der Umwelt des Erregers befindet, haben die effizienteren nichtresistenten E.-coli-Bakterien wieder einen Selektionsvorteil und bringen das resistente Bakterium zum Verschwinden.

Das Problem sind nicht die Antibiotika an sich, sondern das völlig aus dem Ruder gelaufene Ausmaß ihrer Produktion, ihrer Anwendung und ihrer Verbreitung in der Umwelt. Von den in Milligramm verordneten und verabreichten Medikamenten wurde 2020 weltweit die schwer vorstellbare Menge von circa 160.000 Tonnen verbraucht, 75 Prozent davon in der Nutztierhaltung.⁷ In der Tierhaltung werden sie – trotz entsprechender Verbote – vor allem zur Prophylaxe oder als sogenannte Mastbeschleuniger eingesetzt. Der Weltmarkt für Tierarzneimittel ist in den vergangenen Jahren um fünf bis sechs Prozent jährlich gewachsen. Ohne politische Interventionen werden 2030 circa 200.000 Tonnen pro Jahr produziert und verbraucht werden.

Ökonomische Indikation

In der Humanmedizin aller reichen Länder werden Antibiotika immer noch weitgehend ohne Indikation und in viel zu großer Menge verabreicht; vor allem bei banalen Erkältungskrankheiten, die bei uns der häufigste Grund sind, eine Arztpraxis aufzusuchen, die aber zu 85 Prozent gar nicht durch Bakterien, sondern durch Viren verursacht werden. Millionen Tonnen Antibiotika werden über Menschen ausgeschüttet, die gar keine benötigen, am meisten über Kinder. Jeder dieser Menschen wird damit nicht nur unnötig den keineswegs geringzuschätzenden Nebenwirkungen ausgesetzt, sondern auch zu einem Brutofen für resistente Bakterien gemacht, die er dann weiterverbreitet. Die resistenten Bakterien schaden ihm oder ihr meist nicht unmittelbar, sondern wirken wie eine Zeitbombe, die aufgrund einer Schwäche des Immunsystems oder eines ärztlichen Eingriffs hochgehen kann. Nur die Pharmaindustrie, die entsprechend handelnden Ärzte und die Apotheken haben einen Nutzen von dieser Praxis.

Sowohl in der Human- als auch in der Tiermedizin sind bis zu 60 Prozent der eingesetzten Antibiotika nicht medizinisch indiziert, sondern ökonomisch. Aber auch der größte Teil der medizinisch begründeten Antibiotikagaben könnte entfallen, wenn minimale Anforderungen an die Prävention von Infektionskrankheiten erfüllt würden. An erster Stelle stünden hier die Versorgung mit sauberem Trinkwasser und der Bau von Abwassersystemen. Wasserversorgung, Kanalisation und Kläranlagen haben in Europa und den USA ab den 1870er Jahren die Lebenserwartung erhöht. Viel später erst kamen die Segnungen der Antibiotika und der Impfungen. Mehr als eine Milliarde Menschen hat noch keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser, und etwa zweieinhalb Milliarden Menschen haben keine Toilette. Etwa vier Milliarden Menschen ziehen sich jedes Jahr entsprechende mehr oder minder schwere Erkrankungen zu. Vor allem in Indien, dem Land, in dem auch die meisten Antibiotika für die westliche Welt produziert werden – und zwar unter haarsträubenden Bedingungen.⁸

An zweiter Stelle einer Prävention, die den Antibiotikaeinsatz in der Humanmedizin reduzieren könnte, stünde, dass sich die Therapie bakterieller Infektionen nicht nur auf großindustriell fabrizierte Medikamente stützt, sondern auch andere Behandlungsmethoden einbezieht. Solche existieren durchaus, ihre Wirksamkeit ist gut belegt, und zudem sind sie ärmer an Nebenwirkungen. Dies wären vor allem pflanzliche Antibiotika⁹ und die seit 100 Jahren bewährte Phagentherapie (pathogene Bakterien werden hier mit speziellen Viren bekämpft).¹⁰

Der zweite Satz lautet: Je größer die Armut, desto mehr Resistenzen. Von Antibiotikaresistenzen besonders gefährdet sind vor allem diejenigen, die zu einer der vielen Risikogruppen gehören: Jüngere und Ältere, Menschen mit einem schwachen Immunsystem oder mit Autoimmunerkrankungen (Diabetes Typ 1, Rheuma, Psoriasis, Morbus Crohn, Colitis ulcerosa, multiple Sklerose etc.) Ebenfalls besonders gefährdet sind Typ-2-Diabetiker, Krebserkrankte und alle, bei denen eine Operation oder ein anderer invasiver Eingriff durchgeführt werden muss. Sowohl in wissenschaftlichen Publikationen als auch in den Veröffentlichungen der Ärztevereinigungen, der Gesundheitsministerien oder der Lobbyverbände werden diese Risiken benannt. Das größte Risiko von allen wird aber meistens nicht angesprochen. Es heißt Armut. So hat die Zunahme von Antibiotikaresistenzen in Afrika besonders schwere Folgen:¹¹ Die prekären Lebens- und Wohnverhältnisse, das wärmere Klima und die größere Diversität pathogener Erreger verursachen mehr bakterielle Infektionskrankheiten als in den reichen Ländern des Nordens. Zugleich wird die bestehende Rezeptpflicht kaum überwacht, und Antibiotika werden frei verkauft. Meistens kaufen Erkrankte aber nur so viele Antibiotika, wie sie gerade bezahlen können, und beenden die Therapie, wenn die Symptome nachlassen – ideale Voraussetzungen für die Entstehung von Resistenzen und Multiresistenzen. Zum wachsenden Problem wird beispielsweise die Lungentuberkulose. Eine kenianische Studie ergab, dass von fast 300 untersuchten Tuberkulosepatienten ein Drittel zumindest gegen ein Antibiotikum resistent war – und zwar gegen jenes, das zur Standardbehandlung bei Tuberkulose gehört. Die Oberschicht in den Ländern des globalen Südens ist mit den privaten Gesundheitssystemen gut versorgt. Die Verordnung von Antibiotika erfolgt auch hier eher nach finanziellen als nach medizinischen Aspekten, was ebenfalls die Resistenzlage verschärft.

Gleichzeitig mit dem bei uns betriebenen Antibiotikaoverkill erhalten also Menschen in armen Ländern, die sie dringender benötigen, keine Antibiotika oder nicht in der ausreichenden Menge. Aber auch in Europa nehmen Menschen Antibiotika ohne ärztliche Verschreibung ein, vor allem in Griechenland, Rumänien, Portugal, Italien und Zypern. Dies ist ein Ergebnis des EU-geförderten Forschungsprojekts »Antimicrobial Resistance and Causes of Non-prudent Use of Antibiotics« (ARNA). Die Europäische Union sieht gar im »unsachgemäßen Gebrauch die Hauptkraft für die Entstehung von Antibiotikaresistenzen«.¹² Weder Pharma- und Fleischindustrie noch gar die Politiker tragen demgemäß also die Hauptverantwortung, sondern die Patienten. Das Opfer ist schuld. Die Studie führt neunzehn europäische Länder auf (unter denen sich auch Deutschland befindet), in denen zumindest einige Antibiotika ohne Rezept erhältlich sind. Im Internet, in Drogerien, auf Marktplätzen und in Apotheken. In Ländern wie Portugal, Rumänien und Bulgarien ist es gängige Praxis, dass Apotheken Antibiotika rezeptfrei abgeben. Die Apotheker befürchten, die Patienten würden sich sonst an eine andere Apotheke wenden. Und die Ärzte befürchten, die Patienten würden sich an andere Ärzte wenden, falls sie nicht bei jedem viralen Schnupfen Antibiotika bekommen. Auch diese beiden Berufsgruppen scheinen sich also darin einig, dass die Patienten an der Misere schuld sind, und stellen die Profitpflicht über die Rezeptpflicht.

Die ARNA-Studie stellt aber auch fest, »das Gesundheitssystem« trage zum unsachgemäßen Antibiotikagebrauch bei. Und zwar durch zu große Packungsgrößen. Es stellt sich allerdings die Frage: Wer und was ist »das Gesundheitssystem«? In Deutschland werden Packungsgrößen von Medikamenten nicht von der Pharmaindustrie festgelegt, sondern vom Bundesamt für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) mit Sitz in Köln, in Zusammenarbeit mit dem Bundesministerium für Gesundheit. Die ARNA-Studie der EU lässt sich somit auch als dezenter Hinweis darauf lesen, wie hocheffizient die internationale Pharmalobby arbeitet.

Kein Interesse an Entwicklung

Die dritte Ursache der Resistenzentstehung ist, dass die meisten Antibiotika nicht kranken Menschen gegeben werden, sondern Nutztieren wie Hühnern und Schweinen. Nicht, weil sie krank wären, sondern um sie möglichst schnell zu mästen. Antibiotika sind in der Massentierhaltung ein unerlässliches und auch ausgesprochen billiges Mittel, um die Tiere soweit frei von schweren Krankheiten zu halten, dass sie gerade noch den Schlachttag erleben. Dies ist wesentlich billiger, als die Haltungsbedingungen so zu gestalten, dass die Tiere gesund bleiben. Der ausschlaggebende Grund für die massenhafte Verabreichung ist aber, dass Antibiotika sowohl die Größen- als auch die Gewichtszunahme fördern. Dass dies nicht nur für Rinder, Schweine und Hühner gilt, sondern auch für Menschen, und dass Antibiotika deshalb eine Rolle spielen bei der Häufung aller sogenannter Zivilisationskrankheiten, ist eine inzwischen bestens belegte, aber trotzdem besonders effektiv unsichtbar gemachte Tatsache.

Der vierte Faktor in diesem Drama ist, dass sich trotz eines steigenden Bedarfs an neuen Antibiotika fast alle großen Firmen aus dieser Forschung zurückgezogen haben. Die Pharmaindustrie macht überdurchschnittlich hohe Profite. Ihr Umsatz beträgt mehr als eine Billion Dollar. Die zehn größten Pharmakonzerne allein generieren einen Jahresumsatz von circa 430 Milliarden Dollar und einen jährlichen Profit von ungefähr 90 Milliarden Dollar.¹³ Mehr als 20 Prozent des Umsatzes sind also Profit. Diese Zahlen stammen von 2015, im Coronazeitalter sind sowohl Umsätze als auch Profite nochmals enorm gestiegen.

Diese riesenhaften Profite werden aber nicht vorrangig mit Antibiotika gemacht. Die Patente dafür sind meist schon ausgelaufen, Antibiotika werden zwar in enormen Mengen produziert, aber sie sind billig und machen nur zehn Prozent des Umsatzes der Pharmariesen aus. Und es braucht durchschnittlich fünfzehn Jahre, bis sie zur Marktreife entwickelt sind, und weitere acht Jahre, bis sie Profit abwerfen. Außerdem werden sie in der Humanmedizin zwar viel zu häufig, aber nur bei akuten Erkrankungen und nicht dauerhaft verschrieben. Das ist anders bei chronischen Krankheiten. Mit Krebs- und mit Immunerkrankungen wie etwa Rheuma lässt sich das meiste Geld verdienen, es folgen Herz-Kreislauf- und Stoffwechselerkrankungen. Auch hier ist der Overkill das elementare Marketingprinzip. So werden beispielsweise 90 Prozent der blutdrucksenkenden Medikamente von Menschen eingenommen, die nur einen milden Hochdruck aufweisen, für den jedoch noch niemand einen lebensverlängernden Effekt der Medikamente belegen konnte. Ein gleiches trifft auf Operationen zu, besonders in der Orthopädie. Am besten wird aber mit Krebs verdient, deshalb wird hier auch am meisten für die Forschung ausgegeben, von den zehn größten Pharmakonzernen alleine etwa 66 Milliarden Dollar im Jahr. Viele Untersuchungen zeigen: Der medizinische Zusatznutzen, den die neu entwickelten Medikamente bringen, ist minimal, der ökonomische Zusatznutzen aber maximal.¹⁴ Fast die Hälfte mehr als für ihre Forschung, nämlich 98 Milliarden Dollar, geben die zehn größten Konzerne für Marketing aus. Profit und Marketing zusammen machen also circa 40 Prozent des Umsatzes aus. Und die obszön hohen Einkünfte der Aufsichtsräte, Vorstände und anderer Führungskräfte sind dabei noch gar nicht berücksichtigt.

Wie destruktiv und wie gemeingefährlich Gesundheitssysteme sind, die sich letztlich in der Hand großer Konzerne befinden, geht auch aus folgenden Zahlen hervor: Weltweit werden pro Jahr etwa 40 Milliarden Dollar für Antibiotika ausgegeben. Die Kosten aber, die in den Gesundheitssystemen durch die Resistenzen entstehen, übersteigen diesen Betrag um ein Vielfaches. 2015 wurden sie allein für die USA auf 20 Milliarden Dollar geschätzt. Den Nutzen der Antibiotikakrise haben mächtige Akteure, die mächtig Profit machen. Den Schaden hat die Allgemeinheit.

Anmerkungen

1 https://www.aerzte-ohne-grenzen.de/unsere-arbeit/aktuelles/antibiotika-resistenzen-gefahr-video

2 Gerd Glaeske: Resistenzen – der Super GAU in der Antibiotika-Therapie, in: Dr. med. Mabuse – Zeitschrift für alle Gesundheitsberufe, Nr. 215 Mai/Juni 2015

3 https://www.who.int/medicines/areas/rational_use/who-amr-amc-report-20181109.pdf?ua=1

4 https://www.rki.de/DE/Content/Infekt/Antibiotikaresistenz/Uebersichtsbeitraege/AMR_Europa.html

5 https://www.ebsco.com/health-care/products/gideon

6 Martin J. Blaser: Antibiotika-Overkill - So entstehen die modernen Seuchen. Freiburg 2017

7 https://www.boell.de/de/de/fleischatlas-2021-jugend-klima-ernaehrung (einige Quellen schätzen 66 Prozent)

8 https://www.deutsche-apotheker-zeitung.de/news/artikel/2017/05/04/supererreger-aus-indischen-pharmafabriken

9 siehe z. B. Gisela Sonnenburg zu pflanzlichen Heilmitteln in der Krebstherapie, jW vom 21.8.2021: https://www.jungewelt.de/artikel/408842.integrative-medizin-nicht-zu-untersch%C3%A4tzen.html?sstr=artemisia

10 K. Moelling: Kampf den Keimen – Mit Viren aus der Antibiotika-Krise? München 2020

11 https://www.deutschlandfunk.de/afrikas-vergessene-krankheiten-antibiotika-resistenzen.676.de.html?dram:article_id=293850

12 https://www.euro.who.int/__data/assets/pdf_file/0018/263151/Press-release,-Pharmacists-have-decisive-role-in-combating-antibiotic-resistance,-says-new-WHO-European-survey-Ger.pdf

13 https://www.brandeins.de/magazine/brand-eins-wirtschaftsmagazin/2015/oekonomischer-unsinn/die-antibiotika-industrie-in-zahlen

14 Dazu ausführlich: P.C. Götzsche: Tödliche Medizin und organisierte Kriminalität – wie die Pharmaindustrie das Gesundheitswesen korrumpiert. München 2015

Michael Kohler beschäftigt sich seit einigen Jahren mit dem Thema Zoonosen. Für den ­Bermudafunk Rhein-Neckar, ein regionales freies Radio mit Sitz in Mannheim, macht er seit 2019 eine monatliche einstündige Sendung mit dem Titel »Von Menschen und anderen Tieren«. Auf diesen Seiten schrieb er zuletzt am 9. und 10. Juni über kommende Epidemien: »Vor der nächsten Seuche« und »Seuchenherd Maststall«.

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  • Leserbrief von Joachim Seider (19. November 2021 um 11:54 Uhr)
    Dieser Artikel liefert ein weiteres Beispiel dafür, wie verheerend und zerstörerisch der Kapitalismus heute wirkt. Zynisch könnte man sagen, dass es bald keiner Atombomben mehr bedarf, um die Menschheit auszurotten, an so vielen Stellen untergräbt das Profitmotiv ihre Fortexistenz. Wie so oft scheint es am mangelnden Denkvermögen der Handelnden zu liegen, wenn Unsinnigstes getan wird. Die Fähigkeit der Menschheit zu untergraben, sich auch in Zukunft gegen verheerende Krankheiten wehren zu können, scheint verbrecherisch und völlig unverständlich. Es sind, wie beschrieben, völlig verdrehte Verhältnisse, die erst gar nicht nach Sinn oder Unsinn menschlichen Tuns fragen lassen, wenn es um Geld und Profit geht. »Das Kapital ist gleichgültig gegenüber dem Gebrauchswert«, schrieb Marx einst. Was wohl einschließen kann, auch die Zerstörung der menschlichen Zivilisation zu riskieren, sollte sich das irgendwie profitabel gestalten lassen.
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Rudi E. aus Langenhagen (17. November 2021 um 15:51 Uhr)
    Der Verfasser dieses Artikels hat es auf den logischen und für die Zukunft apokalyptischen Punkt gebracht: Je mehr Antibiotika unkontrolliert in riesigen Mengen prophylaktisch in der Nutztierhaltung eingesetzt werden, je mehr Ärzte unüberlegt massenhaft Antibiotika in der Humanmedizin verschreiben, um so schlimmer werden die Auswirkungen für Patienten, die auf diese Medikamente angewiesen sind. Noch verwerflicher ist es, dass die Pharmaindustrie selbst seltene Reserveantibiotika an große Schlachtbetriebe verkauft, die eigentlich der Humanmedizin vorbehalten bleiben müssten. Der aus Profitgier unkontrollierte Einsatz dieser Reservemedizin in anderen Bereichen führt künftighin unweigerlich zu einer für die Menschheit desaströsen Situationen mit Millionen von Opfern, weil pathogene Bakterien nicht mehr zu bekämpfen sind. Die Entwicklung weiterer Antibiotika sieht die Pharmaindustrie – vermutlich aus Kostengründen – als nicht primär an. Als Folge schlittert die Menschheit in eine pandemische, vermutlich todbringende Katastrophe mit unvorstellbaren Folgen. Von den Politikern ist keine Hilfe zu erwarten – wie auch, sie sind als Steigbügelhalter und Pressesprecher der Pharmaindustrie gar nicht daran interessiert, dem Einhalt zu gebieten.

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