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Aus: Ausgabe vom 17.11.2021, Seite 11 / Feuilleton
Literatur

Kimchi im Paradies

Als Mutter starb: Japanese-Breakfast-Sängerin Michelle Zauner verarbeitet in ihrem ersten Buch Trauer und Identitätskonflikte
Von Christina Mohr
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Auf der Suche nach Erinnerungen: Foto einer interkulturellen Jugend in Eugene, Oregon

Dieses Buch ist schonungslos und zärtlich, Versuch der Ablösung und Annäherung zugleich – und im Grunde die literarische Weiterführung dessen, was Michelle Zauner mit ihrem Bandprojekt Japanese Breakfast auf den bisher drei erschienenen Alben erreichen wollte: den Tod der Mutter verarbeiten. Zauner, einziges Kind eines US-amerikanischen Vaters und einer koreanischen Mutter, wuchs in Eugene, Oregon, auf und sah sich als Schulkind dem üblichen Alltagsrassismus ausgesetzt. Wenn Mitschülerinnen fragten, »Bist du Chinesin? Bist du Japanerin? Was bist du denn dann?« hielt Mutter Chongmi dagegen, »Du bist keine Koreanerin, du bist Amerikanerin.« Komplette Verwirrung.

Wichtiger Bestandteil der Identitätsbildung und -findung für Mutter und Tochter ist koreanisches Essen, zubereitet mit in Läden der Kette H-Mart gekauften Zutaten. Nach Chongmis Tod sind die asiatischen Supermärkte Michelles liebste Zufluchtsorte: »Wenn ich in den H-Mart gehe, bin ich nicht nur auf der Suche nach Tintenfisch und drei Büscheln Frühlingszwiebeln für einen Dollar: Ich bin auf der Suche nach Erinnerungen. Ich sammle den Beweis dafür, dass die koreanische Hälfte meiner Identität nicht gestorben ist, als sie starb.« Zauner fällt es schwer, sich an das Todesdatum ihrer Mutter zu erinnern, aber sie weiß genau, was sie gegessen hat, und wie: mit Begeisterung und eigenwillig. Der Geschmack ihrer Mutter, schreibt Zauner, war salzig und scharf – und so auch ihr Erziehungsstil: »Egal wie kritisch oder grausam sie sein konnte – sie drängte mich ständig dazu, ihre Erwartungen zu erfüllen. Ich konnte immer ihre Zuneigung spüren, die von den Mittagessen ausging, die sie einpackte, und von den Mahlzeiten, die sie für mich so zubereitete, wie ich sie mochte.«

Zur Erziehung gehörten auch Besitzansprüche: »Wenn ich mir weh tat, wurde meine Mutter fuchsteufelswild, gerade so, als hätte ich böswillig etwas kaputtgemacht, das ihr gehörte.« Als Teenager entdeckt Michelle das Musikmachen für sich, nachdem sie Karen O mit den Yeah Yeah Yeahs live gesehen hat, deren Bühnenpräsenz »das Klischee der sanftmütigen Asiatin auslöschte«. Zauner flüchtet von Eugene aufs College, spielt in verschiedenen Bands und versucht, ihren eigenen kreativen Weg zu finden. Das »Leben einer erfolglosen Künstlerin«, kommentiert Chongmi. Dann erkrankt die Mutter unheilbar an Krebs. Zauner bricht zusammen, hofft aber auf den Zauber des Rollentauschs, in dem sie sich in die Pflege stürzt: Wenn sie den Schmerz der Mutter tragen hilft, kann sie vielleicht die Heilung herbeiführen. Das gelingt nicht. Die Mutter stirbt, überdies wird die ohnehin heikle Beziehung zum Vater noch schwieriger. Aber: »Erst nach ihrem Tod begannen die Dinge, wie von Zauberhand zu geschehen«.

Japanese Breakfast touren durch Asien und landen schließlich in Seoul, wo Zauner mit ihrer verbliebenen koreanischen Familie über sprachliche und kulturelle Grenzen hinweg durch Musik und natürlich Essen in Kontakt tritt. Wobei sich Michelle Zauner kaum mit Metaphysischem beschäftigt, den christlichen Glauben vieler Koreanerinnen und Koreaner ablehnt und auch Chongmis Hinwendung zum Christentum an ihrem Lebensende nur äußerst knapp kommentiert (»Na, hast du Jesus in dein Herz gelassen?« »Ja, ich schätze schon.«). Chongmis Glauben an ein Leben nach dem Tod respektiert sie dennoch: Das erste Album von ­Japanese Breakfast nach Chongmis Ableben heißt »Psychopomp«, der griechische Begriff für Seelenbegleitung ins Jenseits. Für Chongmi dürfte am wichtigsten sein, dass es dort Kimchi gibt.

Michelle Zauner: Tränen im Asia-Markt. Eine Geschichte von Trauer, Liebe und koreanischem Essen. Aus dem amerikanischen Englisch von Corinna Rodewald, Ullstein-Verlag, Berlin 2021, 320 Seiten, 18 Euro

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