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Aus: Ausgabe vom 17.11.2021, Seite 10 / Feuilleton
Oper

Am Ende kein Ganzes

An der Deutschen Oper Berlin komplettiert Stefan Herheim seine Inszenierung von Richard Wagners »Der Ring des Nibelungen«
Von Kai Köhler
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»Zu dem Horte hin drängt sich / Gott und Held:/ vor meinem Nicken / neigt sich die Welt«: Mime (Ya-Chung Huang, r.) und sein Mündel Siegfried (Clay Hilley)

In den vier Teilen von Wagners »Ring« verschränken sich viele Fragestellungen: etwa die nach dem Verhältnis von Natur und Ausbeutung, oder wie sich der Mythos auf die Moderne übertragen lässt, nicht zuletzt das Problem der Handlungsfreiheit. So herrscht Wotan, der oberste der Götter, mittels seiner Gesetze. Sein Feind Alberich hingegen hat den Ring geschmiedet, der der Tetralogie ihren Titel gibt und seinem Träger unbegrenzte Macht verleiht. Wie kann nun Wotan den Ring an sich bringen, ohne ihn zu stehlen?

Jeder Versuch, die Widersprüche zu lösen, führt zu Widersprüchen auf höherer Ebene – in dieser Hinsicht stellt der »Ring« Menschheitsgeschichte dar. Dem Inhalt entspricht die Werkgestalt. Oft stellt man sich unter Wagners Gebrauch musikalischer Leitmotive etwas ziemlich Primitives vor: Die Riesen stampfen auf die Bühne, und gleichzeitig ertönt im Orchester die entsprechende Floskel. Doch sind von Beginn an die Leitmotive auseinander abgeleitet und stellen so inhaltliche Verbindungen her. Und je mehr sich die Handlung verwickelt, desto mehr erinnert die nun mit Bedeutung aufgeladene Musik an frühere Situationen, weist sie auf künftige voraus und vermag so das Geschehen kommentierend zu bereichern. Immer komplexer werden die Beziehungen – nicht nur innermusikalisch, sondern auch zwischen Musik, Text und szenischem Verlauf. Die Welt verliert ihre naive Direktheit, sie altert gleichsam.

Die Abfolge der Teile ist also wichtig; um so ärgerlicher, dass Corona auch die Deutsche Oper Berlin zu Schließungen zwang und darum mit der »Walküre« zuerst der zweite Teil auf die Bühne kam, mit »Rheingold« der eigentliche Auftakt folgte, die »Götterdämmerung« im Oktober den Schluss und nun »Siegfried« den dritten Teil brachte. Jede Inszenierung dieses Riesenwerks muss ihre ganz eigene Zeichenwelt entwickeln, deren Sinn sich vom Ende her erschließt. Deshalb sind hier die »Siegfried«-Premiere und die auf sie folgende zweite Aufführung der »Götterdämmerung« besprochen.

In den ersten beiden Teilen hatte Regisseur Stefan Herheim buntestes Treiben inszeniert, das nie langweilig wurde, dessen Bedeutung aber oft rätselhaft blieb. Große, weiße Tücher spielten eine Rolle, optisch hübsch und inhaltlich nichtssagend. Ab und an schauten die Figuren in einen überdimensionierten Klavierauszug (»Achtung! Wir wissen, dass wir spielen!«). Ein zentrales Bühnenelement war ein unechter Flügel, auf dem die Figuren zuweilen unhörbar klimperten und aus dem die stark geforderte Bühnentechnik viele der Auftritte und Abgänge zu bewerkstelligen hatte.

Klavierauszug und -spiel dominieren nun in »Siegfried«, mehr Tücher wehten in »Götterdämmerung«, zumeist ohne dass eine inhaltliche Funktion zu erahnen wäre. In der »Götterdämmerung« leistet zuweilen die Bühne die mediale Reflexion: wenn in der Deutschen Oper das Foyer zum Ort der Handlung wird; und wenn zur Jagdrast, während der Hagen mittels Speer seinen Feind Siegfried erlegt, exakt jene Tresen zu sehen sind, an denen sich in der Pause zuvor das Publikum verköstigt hat.

All das ergibt kein Ganzes. Herheim überwältigt, nicht ohne Geschick, sein Publikum mit ungeheuer aufwendigen Bühnentricks, arbeitet dann aber mit Mitteln der Illusionsbrechung, wie sie die Moderne seit langem verbraucht hat. Wie in den beiden früheren Teilen gelingt ihm auch jetzt passagenweise eine einfühlsame und am musikalischen Gestus orientierte Personenführung. Im ersten Aufzug von »Siegfried« gibt Clay Hilley den Helden nicht nur als brutal-­rohen Naturburschen, sondern als jemanden, der differenziert empfinden, ja: sich einfühlen kann (was ihn nicht ungefährlicher macht). Hilley kann, darstellerisch wie stimmlich, differenzieren, aber auch machtvoll auftreten, worauf ihn dann die Regie in der »Götterdämmerung« reduziert. Ya-Chung Huang zeigt seinen Gegner Mime nicht nur als tückischen Zwerg, der den kleinen Siegfried aufzog, damit der als jugendlicher Held ohne Kenntnis der Zusammenhänge den Ring erkämpft und mittels Gift beiseite geräumt werden kann. Nicht nur dieser Möchtegernmörder bekommt seine Gefühle und damit sein Recht, sondern sogar, eine Oper weiter, der wirkliche Mörder Hagen (Albert Pesendorfer). Bei Wagner von Alberich zu dem einzigen Zweck erzeugt, ihm den Ring zu erobern, leidet er unter der eigenen Kälte.

Der vollendete Manipulator in der bürgerlichen Spätzeit, in der die »Götterdämmerung« spielt, endet so schlecht wie der Naivling Siegfried, der sich manipulieren lässt – erst plangemäß von Wotan, indem er den Ring an sich bringt, ohne zu wissen, wozu der taugt, und dann planwidrig von Hagen, der, von Alberich auf die Spur gesetzt, vielleicht doch auf eigene Rechnung handelt. Denn Liebe gibt es in dieser Welt nicht – anders als für die von Nina Stemme darstellerisch wie stimmlich überzeugend verkörperte Brünnhilde, die zuletzt die alte, verderbte Welt zum Einsturz bringt.

Und was ist nach dem Weltenbrand? Zu den Schlusstakten der Musik zeigt Herheim, nach auch für »Ring«-Verhältnisse exzessivem Aufwand, einen leergeräumten Bühnenraum, in dem eine Reinigungskraft übriggebliebenen Müll zusammenkehrt. Wahr ist daran, dass ein Neuanfang nötig ist; falsch, dass eine Stunde Null innerhalb der Geschichte möglich wäre. Große, einzelne Bilder ermöglichen solche Überlegungen. Im Ganzen aber schwankt dieser »Ring« zwischen Überwältigungsästhetik und desillusionierender Medienreflexion, zwischen sensibler Figurenführung und groben Momenten, in denen sich Sex and Crime verselbständigen. Herheim gibt ein Versprechen, das er bis zuletzt nicht einlöst.

Nächste Vorstellungen zweiter Zyklus: 17.11. (»Die Walküre«), 19.11. (»Siegfried«) und 21.11. (»Götterdämmerung«)

Dritter Zyklus: 4., 5., 7. und 9.1.2022

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