75 Ausgaben junge Welt für 75 €
Gegründet 1947 Donnerstag, 27. Januar 2022, Nr. 22
Die junge Welt wird von 2569 GenossInnen herausgegeben
75 Ausgaben junge Welt für 75 € 75 Ausgaben junge Welt für 75 €
75 Ausgaben junge Welt für 75 €
Aus: Ausgabe vom 17.11.2021, Seite 8 / Ausland
Feminismus der Herrschenden

»Notlage der Frauen wurde zu einem ›First Lady‹-Projekt«

Afghanistan-Krieg sollte angeblich Schutz der Menschenrechte dienen. Lage weiterhin gefährlich. Ein Gespräch mit Paniz Musawi Natanzi
Interview: Jakob Reimann
imago0141657704h.jpg
Eine Mädchenschule in Afghanistan (8.11.2021)

Es ist mittlerweile rund drei Monate her, dass die Taliban die afghanische Hauptstadt Kabul einnahmen und westliche Armeen fluchtartig das Land verließen. Sie lebten bis dahin zusammen mit Ihrem Mann in Kabul, befanden sich aber zur Zeit des Einmarschs in Leipzig. Wie haben Sie die ­Situation Mitte August wahrgenommen?

In diesem katastrophalen historischen Moment, in dem die NATO-Staaten offenbarten, dass es in 20 Jahren »Krieg gegen den Terror« nie um einen nachhaltigen Frieden ging, durchlebte ich wie viele andere Schock, Wut, und lähmende Sorgen um meine Liebsten und all die unschuldigen Menschen in Afghanistan. Mein Ehemann, ein Fotograf aus Kabul, begab sich inmitten des Chaos zum Flughafen. Wir wussten nicht, ob wir uns je wiedersehen. Mit Tausenden anderen war er stundenlang im Kreuzfeuer zwischen Taliban und US-Soldaten gefangen. Kinder und Senioren wurden von panischen Massen zertrampelt und Menschen bei dem Versuch erschossen, es in eines der US-Flugzeuge zu schaffen.

Als er mir am nächsten Morgen schrieb, dass er in Doha angekommen war, begannen wir in Leipzig, die Arbeit zur Unterstützung gefährdeter Afghanen aufzunehmen. Zu sehen, wie wenig Wert afghanisches Leben für Regierungen wie die deutsche hat, ist äußerst desillusionierend. Das Ende der Evakuierung zeigte uns, dass die vermeintlich universalen Menschenrechte nicht für jeden gelten.

Nach der Machtübernahme versicherten die Taliban, die neue Regierung werde Frauenrechte respektieren – Frauen würden »Schulter an Schulter mit uns arbeiten«. Wie ist es drei Monate später um dieses Versprechen bestellt?

Die Aussage war vor allem Teil einer PR-Kampagne. Die schwarz verschleierten Frauen und Mädchen, die an dem inszenierten Protest in Kabul teilnahmen, erklärten zwar, sie seien Repräsentantinnen aller Afghaninnen. Allerdings vertreten sie nur einen Teil der sehr vielfältigen weiblichen Bevölkerung in dem Land. Die gegenwärtige politische und soziale Lage ist sehr dynamisch, doch prägen vor allem die katastrophale Wirtschaftskrise und die Ernährungsunsicherheit sowie das Fehlen von Rechtsstaatlichkeit und politischen Perspektiven das Leben der Afghaninnen.

Die Taliban haben bislang weder eine Moralpolizei aufgestellt noch landesweit geltende Fatwas (islamische Rechtsgutachten, jW) zum Thema Frauen ausgegeben. Zur Zeit herrscht in Gemeinden, Dörfern und Städten das Recht der lokalen Taliban-Gouverneure. Es bleibt abzuwarten, ob, und, wenn ja, was für eine Rolle afghanische Frauen, die die Taliban unterstützen oder mit ihnen sympathisieren, künftig einnehmen werden.

Mit Blick auf Aggressionen des Westens unter dem Verweis auf Frauenrechte sprechen Sie von einem »neoimperialen Feminismus«. Was meint der Begriff?

Im Zeitalter des Kolonialismus wurden Invasionen und wirtschaftliche Ausbeutung unter anderem mit dem Verweis darauf gerechtfertigt, wie Frauen in den Kolonien behandelt würden. Dabei gaben die Kolonialherren ihren eigenen Frauen weder das Wahlrecht noch das Recht auf Selbstbestimmung oder Privatbesitz. Im Kolonialismus wurden weiße Frauen der politischen Elite zum Maßstab der »zivilisierten« und gehorsamen Frau erhoben, während die in den Kolonien vor den dortigen Männern angeblich geschützt werden sollten.

Die Notlage der afghanischen Frauen wurde im Rahmen der US-Invasion 2001 zu einem »First Lady«-Projekt. Im November 2001 erklärte Laura Bush in der wöchentlichen Radiosendung des Weißen Hauses, dass angesichts der »Brutalität gegen Frauen und Mädchen« das terroristische Netzwerk von Al-Qaida und den Taliban gestoppt werden müsse. Ein Feminismus der politischen Elite liberaler Demokratien rechtfertigte so die militärische Invasion und die Ausdehnung der freien Marktwirtschaft durch einen Krieg, der zur menschenrechtlichen Notwendigkeit hochstilisiert wurde. Das ist gemeint, wenn von einem »neoimperialen Feminismus« die Rede ist.

Paniz Musawi Natanzi ist ­Politikwissenschaftlerin und ­Geschlechterforscherin

Zeitung gegen Profitlogik

Die junge Welt ist die einzige parteiunabhängige Tageszeitung, die zeit ihres Bestehens gegen Krieg und Faschismus angeschrieben hat. Wenn wir nun unseren 75. Geburtstag feiern, dann möchten wir das zusammen mit unseren Leserinnen und Lesern tun.

Um dieses Jubiläum entsprechend zu würdigen, hat die junge Welt die 75er-Aktion gestartet. Schenken Sie sich, Ihren Lieben und der jW 75 Ausgaben für 75 Euro. Danach endet das Abo automatisch und muss nicht abbestellt werden.

Ähnliche:

  • Zehn Jahre kommunistische Revolution: Afghanische Dorfverteidigu...
    26.08.2021

    Mär von der Frauenbefreiung

    Afghanistan: Westen instrumentalisiert Feminismus für eigene Interessen. Kampf um gleiche Rechte schon seit 60er Jahren torpediert
  • Schrauben vergeblich an ihrem Image: Taliban wollen moderat ersc...
    25.08.2021

    Verbrannte Erde

    Massenhinrichtungen und Rekrutierung Minderjähriger: UN-Bericht kritisiert schwere Menschenrechtsverbrechen nach Machtübernahme der Taliban
  • Tatort Kundus: Inspektion der ausgebrannten Tanklaster am 4. Sep...
    04.09.2019

    Straflos bis heute

    Massaker von Kundus: Europäischer Gerichtshof für Menschenrechte verhandelt nächstes Jahr über Klage eines Geschädigten

Regio: