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Aus: Ausgabe vom 17.11.2021, Seite 4 / Inland
Folgen des Afghanistan-Kriegs

Retten statt zusehen

Initiative »Kabul-Luftbrücke« evakuierte mehr als 100 Menschen aus Afghanistan
Von Annuschka Eckhardt
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Auf dem Flughafen in Kabul (20.9.2021)

Die Bilder von Menschen, die sich auf dem Kabuler Flughafen verzweifelt an startende Maschinen klammern, verblassen zusehends aus dem kollektiven Gedächtnis der Bundesbürger. Wenig wird derzeit über die Situation der Afghaninnen und Afghanen berichtet, die nach wie vor auf Listen stehen und darauf warten, in die BRD einreisen zu dürfen. Das bedeutet nicht, dass diese Menschen sicher und warm in sogenannten Sammelunterkünften versorgt werden und sich mit den bürokratischen Hürden der Ausländerbehörden auseinandersetzen dürfen. Das Gros der vom Bundesinnenministerium als rettenswert erachteten afghanischen Personen versteckt sich in Afghanistan oder harrt in sogenannten Drittländern aus, wie Pakistan oder dem Iran.

Nach langem Stillstand die Überraschung der letzten Woche: Erstmals seit der »Luftbrücke« im August – dem als »Rettungsmission« deklarierten Militäreinsatz der Bundeswehr in Afghanistan als Reaktion auf den Einmarsch der Taliban in die Hauptstadt Kabul – hatte die Bundesregierung deutsche Staatsangehörige, lokale Mitarbeitende und weitere Schutzbedürftige mit einer Chartermaschine aus Kabul evakuiert. Insgesamt seien inklusive der Familienangehörigen 329 Menschen außer Landes gebracht worden, teilte das Auswärtige Amt am Mittwoch per Twitter mit. Sie wurden zunächst nach Katar gebracht.

Weitaus schneller und effizienter als die Bundesregierung arbeitet die Initiative »Kabul-Luftbrücke«, die schon Ende August, vor dem Abzug der internationalen Truppen, Evakuierungen durchführte. Am Samstag morgen brachte sie 148 Personen aus dem Land, in dem NATO-Truppen 20 Jahre lang Krieg geführt hatten. Unter ihnen zwei der afghanischen Fluglotsen, die zuvor für die Bundeswehr gearbeitet hatten, sowie lokale Mitarbeitende, Personen von der sogenannten Menschenrechtsliste und eine deutsche Familie. Bereits in den letzten Monaten hatte die Initiative mehr als 600 Gefährdeten die Flucht über den Land- und Luftweg ermöglicht.

Die Initiatoren der »Kabul-Luftbrücke« kritisierten am Dienstag auf einer Pressekonferenz in Berlin die Unentschlossenheit der Bundesregierung. Diese habe nach der Machtübernahme der Taliban deutlich mehr Evakuierungen zugesagt. Während etwa die deutsche Botschaft in Islamabad den aktuellen Flug und andere Evakuierungen von Initiativen mit den vorhandenen Kräften unterstützt habe, fehle der politische Wille in Berlin, eigene Aktionen in ausreichender Zahl selbst zu organisieren. »Die Haltung der Bundesregierung zeugt schlichtweg von Unwillen, die Personen zu evakuieren, denen sie es zugesagt hat«, kommentierte Ruben Neugebauer, Mitglied der »Kabul-Luftbrücke«, am Dienstag gegenüber junge Welt.

Um ihre rein spendenfinanzierten Charterflüge bezahlen zu können, hat sich die »Kabul-Luftbrücke« auf die Zusammenarbeit mit der »Stiftung Familienunternehmen und Politik« eingelassen. Bekannte Personen aus der Wirtschaft wie Patrick Adenauer von der Bauwens-Gruppe, Enkel des früheren Bundeskanzlers Konrad Adenauers, und zwölf weitere Unternehmerinnen und Unternehmer haben einen offenen Brief an die Bundesregierung unterschrieben, in dem sie die Evakuierung der lokalen Mitarbeitenden aus Afghanistan fordern. Ruben Neugebauer erklärte die Zusammenarbeit gegenüber junge Welt: »Wir brauchen die Spenden und hoffen, dass die Personen aus der Wirtschaft mehr Druck auf die Bundesregierung ausüben können als Menschenrechtsaktivisten.«

Auf der Pressekonferenz bedankte sich am Dienstag Tobias Merckle, Sprecher der Unternehmerinitiative, etwas unbeholfen bei den Initiatorinnen und Initiatoren der »Kabul-Luftbrücke«. Er wünsche ihnen, dass sie das Bundesverdienstkreuz verliehen bekämen. Auf junge Welt-Nachfrage, ob die Engagierten diese Auszeichnung überhaupt annehmen würden, antwortete Neugebauer: »Wenn man das Bundesverdienstkreuz verticken könnte, um von dem Geld gültige Pässe zu kaufen und dadurch Menschen aus Afghanistan die Ausreise zu ermöglichen, dann ja.«

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