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Aus: Ausgabe vom 15.11.2021, Seite 12 / Thema
Seuche als Literaturgegenstand

Chronisten der Plagejahre

Wiederkehrende Muster. Was Schriftsteller vom Umgang mit den Seuchen der Vergangenheit berichten, ähnelt deutlich den Verhaltensweisen in der Coronazeit. Über Literatur und Pandemie
Von Enno Stahl
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Querdenkerei und Wahn gab es auch schon bei vorangegangenen Epidemien. Ein Irrer predigt während der Großen Pest in London 1665/66. Aus: Cassell’s Illustrated History of England, Volume 3 (1857)

Corona hat vieles auf den Kopf gestellt. Wenig anerkannte und nur schlecht entlohnte Berufsgruppen – wie Angehörige der Pflegeberufe oder Supermarktkassiererinnen – erwiesen sich plötzlich als systemrelevant. Handwerker waren und sind gesucht wie nie. Bei anderen, deren Wirken man für wichtig erachtete, nahm man ihren Ausfall kaum wahr. Die Geschichte eines Börsenmaklers, der während des Shutdowns den Kitaaufenthalt seines Kindes mit dem Hinweis erzwingen wollte, er gehe einer systemrelevanten Tätigkeit nach, erregte nur Kopfschütteln und Heiterkeit – zu absurd war diese Behauptung.

Wird das nachhaltige gesellschaftliche Folgen haben? Manche meinen: ja. Die Soziologin Alexan­dra Manske etwa diagnostizierte vor dem Hintergrund der Krise eine Wiederkehr des »Solidarität«-Gedankens, und trotz »Querdenkerei« und harschen Auseinandersetzungen um Einschränkungen oder Lockerungen habe sich gar »das Fenster für eine gesellschaftspolitische Zeitenwende einen Spalt weit geöffnet«. Fachkollege Heinz Bude sah sogar schon vor Corona Anzeichen für ein neues »Wir-Gefühl«, nämlich den forcierten Wunsch vieler Menschen, sich dem System neoliberaler Selbstoptimierung zu entziehen, was sich beispielsweise bei »Fridays for Future« zeige.

Dass die Pandemie soziale Unterschiede krasser hat zutage treten lassen, ist unbestreitbar. Man konnte das sehr leicht daran ablesen, wie sehr die jeweilige gesellschaftliche Stellung der Menschen eine unterschiedliche Krisenbewältigung erlaubte oder aber behinderte: Die einen verbrachten die Zeiten des Shutdowns bei bester technischer Ausrüstung mit Homeoffice im eigenen Haus, die anderen drängten sich vielköpfig in einer Dreizimmerwohnung, die Kinder chancenlos, am digitalen Unterricht teilzunehmen, die Eltern entnervt. Die einen abgesichert durch ein festes Gehalt, die anderen auf Kurzarbeit mit reduzierten Bezügen, arbeitslos oder als Selbständige komplett der Einnahmen beraubt. Insofern ist es schon ganz richtig, wenn Manske sagt, dass sich die Zeichen für eine »substantielle Schwächung des Neoliberalismus als gesellschaftspolitisches Konzept« mehrten.

Aber ist all das nachhaltig? Fällt die Gesellschaft im ganzen, wenn die wirtschaftlichen Mechanismen sich wieder eingerenkt haben und die Versorgungsengpässe beseitigt sein werden, nicht erneut in den alten Trott zurück? Das kann im Moment wohl keiner treffend vorhersagen. Wir werden einige Jahre brauchen, um die Pandemie und ihre Auswirkungen im Rückblick analysieren und bewerten zu können.

Tempel voller Leichen

Vielleicht kann uns die Literatur dabei helfen. Die Menschheit hat schon viele Pandemien erlebt und überlebt, immer wieder waren Autoren Augenzeugen oder spätere Interpreten des Geschehens. Ihre Perspektiven könnten interessant sein für unseren Blick heute, für unser Nachdenken über die Phänomene der Coronazeit, deren Deutung und die Konsequenzen daraus. Die Frage wäre also, was historische Pandemietexte uns über das Verständnis der gegenwärtigen Situation vermitteln, welche Kontinuitäten sich daraus ableiten lassen und welche Ausblicke.

Zahllose Autoren haben Seuchen zum Thema gemacht. Den Beginn macht wahrscheinlich Homers »Ilias«: In deren erstem Gesang erbittet der Apollon-Priester Chryses seine Tochter Chryseis zurück, die Agamemnon als Kriegsbeute erhalten hatte. Der Heerführer der Griechen verwehrt es ihm, dafür sendet Apollon Seuchenpfeile ins Lager, erst sterben Maultiere und Hunde, dann Menschen, neun Tage lang brennen die Totenfeuer. Dann bewegt Achilles Agamemnon dazu, das geraubte Mädchen zurückzugeben, um Apollons Zorn zu besänftigen, Agamemnon fordert als Ersatz wiederum Achilles’ Kriegsgefangene Briseis.

Über Art und Ausbreitung der Krankheit, die das Volk der Griechen dahinraffen lässt, verrät Homer nichts. Aber der Priester Chryses spricht Apollon, als er ihn um dessen Beistand anfleht, mit »Smintheus« an, als Ratten- oder Mäusegott, auch für die ist Apollon zuständig. Der Romanist Jürgen Grimm wertete das als Hinweis darauf, dass man in der Antike bereits um die Bedeutung dieser Nagetiere als Pestverursacher gewusst haben könnte.

Etwas ausführlicher in der Beschreibung der Krankheitsbilder wurde der griechische Stratege und Geschichtsschreiber Thukydides, der selbst an der sogenannten Attischen Seuche erkrankt war, die zwischen 430 und 426 vor unserer Zeitrechnung ein Viertel der athenischen Bevölkerung dahinraffte. Es ist nicht bekannt, um was für eine Krankheit es sich handelte, eventuell eine, die heute nicht mehr existiert. Dass auch Seuchenerreger sterben können, ist tröstlich. Die damaligen Erreger jedoch waren ziemlich tödlich, sie befielen die Menschen »ohne irgendeinen Grund, ganz plötzlich bei voller Gesundheit, zuerst starke Hitze im Kopf, Röte und Entzündung der Augen; und innen, Schlund und Zunge, war alles gleich blutigrot, der ausströmende Atem war sonderbar und übelriechend«. Die Konsequenzen der Krankheit waren verheerend, nach sieben bis neun Tagen starben die meisten: »Tote und Sterbende lagen übereinander, halbtot wälzten sie sich auf den Straßen und bei den Brunnen, in wildem Verlangen nach Wasser. Die Tempel, in denen sie hausten, lagen voller Leichen der dort Verstorbenen.« Die üblichen Beerdigungsriten wurden nicht mehr eingehalten, viele warfen ihre Leichen einfach auf fremde Scheiterhaufen. Manche reagieren mit völliger Enthemmung: »Genuss für den Augenblick und alles, was dem diente, das galt als schön und nützlich. Weder Götterfurcht noch Menschensatzung hielt sie in Schranken; denn einerseits hielt man es für gleichgültig, ob man fromm sei oder nicht, da man alle ohne Unterschied dahinsterben sah, und andererseits glaubte niemand für seine Vergehen noch Gerichtsverhandlung und Strafe zu erleben.« Es ist verblüffend, wie sehr sich diese antike Schilderung mit späteren Darstellungen deckt. Auch Ovid beschreibt in seinen »Metamorphosen« diese Krankheit unter dem Namen Pest, wiewohl die Symptome den von Thukydides aufgezählten vollständig gleichen.

Schwarzer Tod in Florenz

Giovanni Boccaccio erlebte den »Schwarzen Tod« in Florenz, der dort im Frühjahr und Sommer 1348 wütete. Zwischen 1349 und 1353 verfasste er seinen berühmten Novellenzyklus »Il Decamerone« (Erstdruck 1470), also in direkter Reaktion auf die schauerlichen Erlebnisse. Sieben junge Frauen und drei junge Männer fliehen vor der Pest auf einen idyllischen Landsitz unweit der Stadt Florenz, dort wollen sie in Stille und Abgeschiedenheit das Ende der Epidemie abwarten – eine Maßnahme, die auch in der Folge immer wieder als probates Mittel gegen die Seuche erschien, heute in der nüchtern-rationalistischen Form des Homeoffice realisiert. Um sich die Zeit zu vertreiben und auf andere Gedanken zu kommen, erzählen die jungen Leute sich an zehn Tagen jeweils zehn Novellen. Das Werk selbst, das Dekameron, ist demgemäß für den Autor wie für den Leser eine Form der Bewältigung des erlebten Elends. Daran lässt Boccaccio in seiner Einleitung keinen Zweifel, indem er dort durchaus ausführlich und detailliert über das Wüten der Krankheit berichtet, zugleich aber die Leserinnen und Leser beschwört, weiterzulesen: »Dieser schreckensreiche Anfang soll euch nicht anders sein wie den Wanderern ein steiler und rauer Berg, jenseits dessen eine schöne und anmutige Ebene liegt.« Diese Ebene, seine 100 Novellen, mit denen diese Gattung literaturgeschichtlich überhaupt erst begründet wurde, ist die Literatur, das Reich des Schönen und der Kunst, das auch in Coronazeiten, trotz aller Einschränkungen, eigentlich vielen offen gestanden hätte.

Vor der Belletristik jedoch liegt die Pest, und Boccaccio schreibt, wie unaufhaltsam die Seuche sich ausbreitet. Man weiß kein Mittel dagegen, und die Menschen begegnen ihr entweder durch Rückzug ins Private, durch Flucht aus der Stadt oder durch Ignoranz, indem sie jetzt erst recht feiern, trinken, toben und sich fremden Eigentums bemächtigen – Varianten, die uns nicht unbekannt sind, wenngleich nicht ganz so heftig ausgeprägt. Doch die Bandbreite reichte ja auch während der jetzigen Pandemie von selbstgewählter Quarantäne bis zu illegalen Technopartys mit Hunderten von Besuchern.

Entseelte Körper

Wie im antiken Athen hörte man auch im Florenz von 1348 damit auf, die Totenrituale zu befolgen, und es kam zu Massenbeerdigungen mit Hunderten von Leichen. Nicht viel anders war die Lage beim Pestausbruch 1665 in London, den Daniel Defoe in seinem Buch »A Journal of the Plague Year« beschreibt. Auch hier fahren die Totenkarren mit entseelten Körpern, und es zeigt sich das grundsätzliche logistische Problem, das in den Berichten immer wieder auftritt: Wohin mit den Toten? Schließlich müssen die als Infektionsquelle so schnell wie möglich beseitigt werden. Wenn man an die Medienbilder unserer Seuchentage denkt, Bilder, die all jene Särge in Italien oder in den USA oder anonyme Beerdigungen zeigten, dann erkennt man, dass angesichts einer Pandemie auch in unseren Zeiten diese organisatorische Frage kaum anders zu lösen ist.

Defoes Buch ist raffiniert gemacht. Es erscheint im Kleid einer Chronik, so als beruhe es auf unmittelbarer Anschauung, und ist doch ein Roman. Denn das Buch kam erst 1722 heraus, Defoe selbst war ganze vier Jahre alt, als die Seuche seine Vaterstadt heimsuchte. Als Erzähler hat er sich einen Sattler gewählt, der sehr detaillierte Auskünfte über die Ausbreitung der Pest übermittelt. Im Unterschied zu Boccaccio sieht man, wie sehr sich hier Verwaltungswesen und Statistik weiterentwickelt haben. Auch enthält das Buch nahezu alle Aspekte – politische, soziale, wirtschaftliche und medizinische Indikationen –, die solche Krankheitsausbrüche begleiten. Zunächst wird das Problem unterschätzt, die Regierung hält den Ausbruch geheim, solange nichts Gravierendes passiert. Als aber die Totenzahlen in der Stadt immer mehr ansteigen – Defoe liefert hier exakte Zahlen aus den verschiedenen Kirchspielen –, die Pest sich unaufhörlich aus den Armenvierteln, die als erste und am stärksten betroffen sind, in die Innenstadt frisst, werden sehr schnell radikale Maßnahmen umgesetzt – jedes Haus, in dem ein Infizierter entdeckt wird, untersteht der Quarantäne, und zwar mit sämtlichen Bewohnern. Wächter achten darauf, dass niemand das Gebäude verlässt, kümmern sich aber auch um die Versorgung der Eingeschlossenen. In jedem Stadtviertel werden Visitatoren, die nach Infizierten Ausschau halten, eingesetzt sowie Leichenbeschauer und Wundärzte. Es gilt ein Versammlungsverbot, und kulturelle Stätten müssen dichtmachen. Bei der Lebensmittelproduktion werden strenge Hygienemaßnahmen eingefordert, Tierhaltung wird verboten.

Das alles kommt einem bekannt vor – noch heute scheinen die Maßnahmen von damals unverzichtbar. Gleichzeitig flieht jeder, der es sich leisten kann, aus der Stadt, allen voran der Königshof, den Defoes Erzähler wegen seiner Lasterhaftigkeit als den eigentlichen Schuldigen der Sache ansieht, denn er hält die Pest für eine Strafe Gottes. Nicht alle Londoner halten sich an die Vorgaben, es gibt Quarantänebrecher, die auf diese Weise die Krankheit weiterverbreiten, manche scheuen nicht einmal vor Gewalt zurück, schütten entzündetes Schießpulver auf die Wachposten, damit die eingeschlossene Familie das Gebäude verlassen kann – Egoismus und Querdenkerei also auch hier.

Defoes Erzähler hält jedoch auch Empfehlungen bereit. So plädiert er, sehr pausibel, für eine gestaffelte Quarantäne, bei der die erkrankten Familienmitglieder in dem Seuchenhaus isoliert und die übrigen woanders einer dreißigtägigen Quarantäne unterstellt werden. So werde verhindert, dass alle sich gegenseitig anstecken – das wäre vermutlich auch für die Bekämpfung von Covid-19 ein probates Mittel gewesen, da sich nachweislich viele Familienmitglieder gegenseitig infizierten. Defoe versucht also, in seinem Bericht Ratschläge für eine mögliche kommende Epidemiebekämpfung zu geben, indem er Sinn und Wirkung einzelner Vorgehensweisen kritisch mustert. Auch weist er darauf hin, dass allerlei Aberglauben und Verschwörungstheorien über die Herkunft und Heilbarkeit der Seuche grassieren, dass allerlei selbsternannte Heiler die Verzweifelten mit dem Verkauf obskurer Medikamente oder Talismanen schröpfen.

Pestschmierereien

Was hier weniger eine Rolle spielt, zeigt sich in anderen literarischen Zeugnissen und Berichten. Der italienische Romancier Alessandro Manzoni beispielsweise erzählt in seinen Romanen »I Promessi Sposi« (1827, deutsch: Die Verlobten) und »Storia della Colonna infame« (1840, deutsch: Geschichte der Schandsäule), wie solcher Irrglaube tödliche Folgen haben kann. Beide Bücher spielen während einer Pestepidemie 1630 in Mailand. Dort verdächtigte man sogenannte »Salber«, Häuser mit giftigen Substanzen einzureiben oder auch Pulver zu verstreuen, was dann die Krankheit hervorrufe. Besonders im zweiten Roman schildert er minutiös die wahre Geschichte, wie zwei Unschuldige, Guglielmo Piazza (ausgerechnet Gesundheitsbeauftragter) und Gian Giacomo Mora (Barbier), durch die Folter zu Geständnissen gezwungen und daraufhin gerädert werden. Ihnen zur ewigen Schande wird eine Säule errichtet, mit der die beiden ihrer Pestschmierereien wegen verfemt werden – dieser steingewordene Offenbarungseid einer fehlgeleiteten Justiz wurde erst 1778 geschleift, die Gedenktafel wird noch heute im Mailänder Castello Sforzesco bewahrt.

Im Paris der Choleraepidemie von 1832 gab es ebenfalls Übergriffe auf vermeintliche Verursacher: Heinrich Heine berichtet davon in seiner Artikelserie für die Augsburger Allgemeine (später als Buch erschienen unter dem Titel »Französische Zustände«). Das Gerücht kommt auf, sämtliche Lebensmittel seien vergiftet worden, woraufhin die Polizei verlauten lässt, sie sei den Giftmischern auf der Spur. Darin sieht die Bevölkerung eine Bestätigung, ein wütender Mob lyncht kurzerhand jeden, der ihm irgendwie verdächtig vorkommt. Heine selbst bezeichnet sich als Augenzeuge, was er wegen eines geographischen Fehlers wohl eher nicht war, die folgende Szene aber ist durch damalige Zeitungsartikel gedeckt: »Auf der Straße Vaugirard, wo man zwey Menschen, die ein weißes Pulver bey sich gehabt, ermordete, sah ich einen dieser Unglücklichen, als er noch etwas röchelte und eben die alten Weiber ihre Holzschuhe von den Füßen zogen und ihn damit so lange auf den Kopf schlugen, bis er todt war. Er war ganz nackt, und blutrünstig zerschlagen und zerquetscht; nicht bloß die Kleider, sondern auch die Haare, die Scham, die Lippen und die Nase waren ihm abgerissen.« Die heutigen Sündenböcke mögen wahlweise die Chinesen sein, die »bildungsfernen Schichten«, weil sie sich nicht an die Regeln halten, die Wissenschaft oder unfähige Regierungen, das irrationale Element darin ist dasselbe wie bei jenen tobenden Horden.

Zuvor ist die Krankheit – so gleichen sich die Menschen und ihre Verwaltungen durch alle Zeiten und Epochen – unterschätzt und kleingeredet worden, Manzoni hatte ebenfalls davon zu berichten gewusst: Die Menge feiert Karneval, als gäbe es kein Morgen: »Übermüthiges Gelächter überjauchzte fast die lauteste Musik, man erhitzte sich beim Chahut, einem nicht sehr zweydeutigen Tanze, man schluckte dabey allerley Eis und sonstig kaltes Getrinke: als plötzlich der lustigste der Arlequine eine allzu große Kühle in den Beinen verspürte und die Maske abnahm und zu aller Welt Verwunderung ein veilchenblaues Gedicht zum Vorscheine kam. Man merkte bald, daß solches kein Spaß mehr sey, und das Gelächter verstummte, und mehrere Wagen voll Menschen fuhr von der Redoute gleich nach dem Hotel-Dieu, dem Centralhospitale, wo sie, in abentheuerlichen Maskenkleidern anlangend, gleich verschieden.«

Auch diese Seuche nimmt also den üblichen Verlauf: Die Reichen fliehen zu Tausenden, die Armen bleiben, und die Leichenwagen rumpeln über das Pflaster. Auch hier wird die schiere Menge der Toten zum Problem, das Heine in seiner üblichen Manier zu einem poetisch-makabren Traumbild verdichtet, am Friedhof Père Lachaise sieht er nichts mehr »als Himmel und Särge. Ich war unter einige hundert Leichenwagen gerathen, die vor dem engen Kirchhofsthore gleichsam Queue machten.« Vor lauter Ungeduld brechen die Toten aus den Särgen hervor, und der Dichter glaubt, »die entsetzlichste aller Emeuten zu sehen, die Todtenemeute«. Auch hier Massengräber mit Kalkbetten. Die Sterbezahlen werden zur biopolitischen Herausforderung.

Die Sache aller

Das ist nicht anders in Albert Camus »La Peste« (1947), dem vermutlich populärsten Seuchenroman, weil er jüngeren Datums ist und die Krankheit hier bereits auf Basis der Wissenschaft bekämpft wird, die so einiges über Wesen und Heilung der Pest weiß. Seltsam daran ist, dass Camus das Buch anscheinend eher als eine Parabel auf den gerade erst überwundenen Faschismus abgefasst hat, so sehen es jedenfalls die meisten Interpretationen, die auch durch eine Tagebuchstelle gestützt werden. Zugleich aber arbeitet er geradezu systematisch das »Seuchenprogramm« ab, wie es Defoe zuerst aufgestellt hat: Erst verenden Ratten, dann vereinzelt Menschen. Die Verwaltung hält die Befunde geheim, wiegelt ab, was einen dramatischen Zeitverlust bewirkt. Die Pestfälle nehmen exponentiell zu, wieder stellt sich das Entsorgungsproblem, diesmal werden Straßenbahnen umfunktioniert, um die Leichen aus der Stadt zu schaffen.

Es ist nun das Zeitalter der Rationalität, aber auch der Solidarität: Der Arzt Rieux organisiert mit einigen Helfern den menschlichen Widerstand gegen die Pest, sein Freund Tarrou stellt Sanitätstrupps zusammen, die durch die Stadt streifen, Erkrankte in Quarantäneeinrichtungen schaffen, die von anderen Freiwilligen geleitet werden. Man redet nicht darüber, man tut, was zu tun ist, denn man hat erkannt: »Weil die Pest auf diese Weise die Pflicht einiger wurde, zeigte sie sich als das, was sie wirklich war, nämlich die Sache aller.«

Am Ende also steht tatsächlich die Solidarität, und das hat sich auch in den Coronajahren manifestiert: Eine Gemeinschaft kann nur durch Zusammenhalt Stärke im Ausnahmezustand gewinnen, und sie verliert daran, je mehr einzelne meinen, für sie gälten die Regeln nicht, alles sei halb so schlimm und die Wissenschaft irre sowieso.

Die wiederholte Ähnlichkeit in der Art und Weise, wie die Menschheit Epidemien erlebt und durchgestanden hat, ist verblüffend: immer schon dieselben Reaktionsmuster der einzelnen, immer schon dieselben Charakteristika, wie die Seuchenerfahrung auf die Gesellschaft wirkt, welche sozialen Implikationen sie birgt, welche sie aufdeckt. Auch wenn schwere Krankheiten Arm und Reich im Leiden gleicher machen, sie treffen diese Gruppen doch sehr unterschiedlich, das stellten die meisten der Chronisten fest, und das ist heute nicht anders.

Insgesamt lässt das nicht allzuviel Hoffnung aufkeimen, dass sich ausgerechnet nach unserer Pandemie ein Wandel einstellen könnte. Solidarität, jener tradierte Begriff aus der Arbeiterbewegung, sollte aber tatsächlich mit neuem Leben erfüllt werden. Wie sie zumindest in Teilen in der Pandemie zu erfahren war, werden auch andere gesellschaftliche Herausforderungen der Zukunft – Klimawandel, Mobilität, soziales Miteinander etc. – nur gemeinschaftlich zu bewältigen sein. Insofern ist Corona vielleicht ein Test gewesen. Ihn haben wir nicht allzugut bestanden.

Corona als literarisches Thema

Wie aber ist es um das Verhältnis von Literatur und Pandemie heute bestellt? Auch wenn die üblichen Verdächtigen, etwa Juli Zeh und Carolin Emcke, raketenschnell bereits Coronabücher herausgeschossen haben, dürfte eine ernsthafte literarische Analyse noch dauern, zumal sich nicht ablesen lässt, ob die Gesellschaft als Ganzes die Erlebnisse der Jahre 2020/2021 nur abschüttelt wie einen schlechten Traum und ansonsten weitermacht wie bisher oder sich doch in einen nachhaltigeren Verarbeitungsprozess begibt. Dass letztlich niemand die Literatur wirklich braucht, was manche Lyrikerinnen und Lyriker nicht ohne Wut und Krokodilstränen in ihren Facebook-Threads beklagten, kann nicht überraschen – immerhin sind Autoren nicht die Müllabfuhr. Wenn die wegfällt, stinkt die Konsequenz zum Himmel. Dass die staatlichen Stellen irgendwann tatsächlich ungewöhnlich großzügig und noch dazu relativ bürokratiefrei Unterstützungen gewährt haben, in Form von Stipendien und Veranstaltungsfinanzierungen, verwundert dagegen durchaus. Die Politik wollte sich ihre Kultur dann doch etwas kosten lassen. Ob sich dahinter echte Wertschätzung verbirgt oder nur der Wunsch, auch diese Bevölkerungsgruppe halbwegs ruhigzustellen, soll beurteilen, wer kann. Hilfreich war und ist es jedenfalls.

Kann aber die Literatur selbst bei der Bewältigung und Aufarbeitung der Pandemie Hilfestellung leisten, um etwa zu verhindern, dass wir allesamt nur wieder zur Tagesordnung übergehen und somit aus der Coronaerfahrung wirklich nichts lernen? Sie sollte es jedenfalls versuchen. Autorinnen und Autoren sollten daher wach den weiteren Verlauf der Krise verfolgen und ihre Schlüsse ziehen. Die beste Reaktion muss nicht unbedingt der ultimative Coronaroman sein. Solche Versuche tragen zumeist das Kainsmal des Marketingprodukts: Es dürfte schwer sein, glaubhaft zu machen, was der gesellschaftliche Sinn einer derartigen Erzählung sein kann – und in welcher Weise sie über die hier behandelten Klassiker (und andere historische Gestaltungen des Sujets, die in diesem Kontext keine Erwähnung fanden) hinausgehen. »Seuchenliteratur« darf nicht zum Genre mutieren. Corona als literarisches Thema müsste sozial eingebunden sein, müsste offenlegen, welche Auswirkungen die Krankheit auf verschiedene Milieus und soziale Gruppen gehabt hat, müsste die Schwachpunkte der gesellschaftlichen Statik ausleuchten und darüber nachdenken, wie aus den Widersprüchen Synthese wird. Das könnte ein lohnender Beitrag sein. Ob das machbar ist, muss sich zeigen.

Der Autor ist Schriftsteller und Mitorganisator der Veranstaltung »Wie ›systemrelevant‹ ist Literatur? Zum Diskurs um Literatur und Pandemie«, die – als Teil der Reihe »Richtige Literatur im Falschen« – am 18.11.2021 um 19 Uhr im Literaturforum im Brecht-Haus stattfindet.

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  • Leserbrief von Gerd Bedszent aus Berlin (18. November 2021 um 23:43 Uhr)
    Ich habe mich auf eine Wikipedia-Artikel gestützt, wonach die Pestwelle im November 1348 eine deutschsprachige Stadt in der heutigen Schweiz erreichte. Die Schweiz gehörte damals noch zum Deutschen Reich und wurde erst im 17. Jahrhundert formell unabhängig.
    Gerd Bedszent
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Josie M. aus 38448 Wolfsburg (16. November 2021 um 15:58 Uhr)
    Also, nachdem ich diese doch sehr lesenswerte Abhandlung über die sich wiederholenden Reaktionen der Menschen auf das Seuchenphänomen in der Literatur gelesen habe – und das von der Antike bis heute –, war ich überrascht von der ihr folgenden umfangreichen Kritik von sage und schreibe 3.101 Zeichen. Danach habe ich doch das Bedürfnis, dem Autor Enno Stahl ausdrücklich zu danken. Ja, wie er selber sagt, konnte er nicht noch ausführlicher auf das Thema eingehen. Schließlich wird in seinem letzten Abschnitt doch das Wesentliche, nämlich die für alle Parteien zu bewältigende Aufgabe, aus dieser Pandemie die notwendigen Schlüsse zu ziehen, genannt: »Corona als literarisches Thema müsste sozial eingebunden sein, müsste offenlegen, welche Auswirkungen die Krankheit auf verschiedene Milieus und soziale Gruppen gehabt hat, müsste die Schwachpunkte der gesellschaftlichen Statik ausleuchten und darüber nachdenken, wie aus den Widersprüchen Synthese wird. Das könnte ein lohnender Beitrag sein. Ob das machbar ist, muss sich zeigen.« Immerhin konnte mein Vorredner aus Berlin noch die für ihn wichtigen Ergänzungen hinzufügen. Dafür Dank übrigens auch an jW.
    Josie Michel-Brüning, Wolfsburg
  • Leserbrief von Gerd Bedszent aus Berlin (16. November 2021 um 11:46 Uhr)
    Es ist natürlich richtig, sich mit diesem Thema zu beschäftigen. Ich kann allerdings nicht sagen, dass ich diesen Artikel als »gelungen« einschätze. Erst einmal: Den erst vor wenigen Jahren entstandenen Begriff »Querdenkerei« einfach so auf frühkapitalistische Gesellschaften zu übertragen, ist ahistorisch. Die medizinische Wissenschaft steckte damals noch in den Kinderschuhen. Die meisten Menschen hielten den Ausbruch von Pestepedemien für eine »Strafe Gottes« und verhielten sich entsprechend. Von Krankheitserregern wussten die damaligen Ärzte noch gar nichts, hielten die Verbreitung von Krankheiten für das Resultat »fauliger Ausdünstungen«. Daniel Defoe hat, wie der Autor selbst schreibt, die »Pest in London« selbst nicht erlebt. Bei seinem Buch dürfte es sich zwar auch um eine Dokumentation, in großen Teilen aber eher um eine Art Anleitung handeln, wie man sich im Falle einer weiteren Pestepidemie zu verhalten habe. Tatsächlich war der Umgang mit Erkrankten damals repressiv. Man sperrte die Häuser und Wohnviertel ab und ließ die Leute darin einfach sterben. Dass es dabei auch Personen traf, die noch gar nicht erkrankt waren, nahm man in Kauf. Zur Lektüre sei in diesem Zusammenhang Brechts Stück »Das Leben des Galilei« empfohlen. Ärgerlich ist, dass Enno Stahl die im Zusammenhang mit der Pest häufig hochkochende Gewalt gegen Minderheiten komplett ausgeblendet hat. Die Epidemie von 1348 beispielsweise wurde im Deutschen Reich von einer Welle von Judenpogromen flankiert. Faktisch die gesamte jüdische Bevölkerung hatte man damals umgebracht oder vertrieben – die meisten flüchteten nach Polen, wo ihnen der damalige König Schutz garantierte. Kaiser Karl IV., dessen Aufgabe es eigentlich gewesen wäre, seine jüdischen Untertanen zu helfen, nutzte die Pogromwelle, um sich die Taschen zu füllen. Der kommunistische Schriftsteller Willi Bredel hat übrigens einen solchen Pestpogrom in seinem Roman »Die Vitalienbrüder« geschildert. Aber auch mit Entstehung der modernen medizinischen Wissenschaft war der Umgang mit Erkrankten zunächst repressiv. Die ersten im 18. Jahrhundert entstandenen Krankenhäuser hatten bezeichnenderweise ihren Ursprung im Gefängniswesen – erkrankte Häftlinge wurden isoliert, um eine Ansteckung zu verhindern. Erst im 19. Jahrhundert bildete sich schrittweise unser modernes Gesundheitswesen heraus. Dass die gegenwärtige Pandemie von einem gesamtgesellschaftlichen Rechtsruck flankiert wird, thematisiert Enno Stahl überhaupt nicht. Die Oberschicht stopft sich auf geradezu unverschämte Weise die Taschen voll – die soziale Polarisierung war noch nie so weit fortgeschritten wie heute. Das in der Phase des Neoliberalismus heruntergefahrene Gesundheitswesen wird derzeit nicht etwa rekonstruiert, sondern weiter ausgedünnt – an die Stelle nicht mehr vorhandener Krankenhäuser treten bürokratische Sanktionen. Faktisch erleben wir einen Rückfall in die rein repressive Frühphase des Kapitalismus. Dass die Mehrheit der linken Intellektuellen diese Entwicklung nicht etwa thematisiert, sondern sie mittträgt, wird ihnen sehr bald böse auf die Füße fallen.
    • Anmerkung der jW-Redaktion (18. November 2021 um 11:31 Uhr)
      Dazu schrieb Leser Istvan Hidy:

      Ihre Formulierung: »Die Epidemie von 1348 beispielsweise wurde im Deutschen Reich ...«, ist nicht richtig. Die Ausbreitung der Pest wäre richtig so beschrieben: Zu Ostern 1349 erreichte die Pest, aus Südeuropa kommend, auf dem Landweg Frankfurt am Main und von da aus Mainz, Augsburg, Ulm, Kassel, Stuttgart und viele andere süddeutsche Städte. Zu Pfingsten 1350 zieht die Seuche dann, diesmal über die Ostsee gekommen, in Lübeck ein, regiert bald darauf in Bremen, um ein Jahr später Hamburg und über die Ostseehäfen Preußen zu erreichen. Ein weiteres Jahr später ist man schließlich in den »Deutschen Ländern« nirgendwo mehr vor Ansteckung sicher.