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Aus: Ausgabe vom 12.11.2021, Seite 15 / Feminismus
Kurzreportage

Arbeitskampf an der Stange

Das »Berlin Strippers Collective« vereint Sexarbeitende, die sich gegen kapitalistische Ausbeutungsverhältnisse einsetzen
Von Annuschka Eckhardt
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Kreativ und politisch gegen Stigmatisierung, geschlechtsspezifische oder rassistische Diskriminierung

Lasziv räkelt sie sich auf dem Boden, den Po in die Höhe gereckt. Die High Heels mit dem rot-schwarzen Plateau passen zu den Spitzenstrapsen. Das Publikum feuert sie johlend an. Eine Szene nicht aus dem Rotlichtmilieu, sondern bei einer Podiumsdiskussion.

Der Raum ist in rotes Licht getaucht, als langsame Rockmusik ertönt. Eine Frau tritt auf die Bühne, trotz der Plateau-High-Heels bewegt sie sich leise und grazil wie eine Katze. Sie setzt sich mit dem Gesicht zum Publikum und schlägt kokett ihre Beine übereinander. Elegant steht sie auf und schwingt sich an der golden glänzenden Stange empor. Ihre Bauchmuskeln spannen sich an, als sie sich kopfüber herunterhängen lässt, bis ihre langen roten Haare den Boden berühren.

Vergangene Woche, am 3. November, feierte das »Berlin Strippers Collective« sein zweijähriges Bestehen mit einer Diskussionsrunde zum Thema »My Body, my Choice« (»Mein Körper, meine Entscheidung«, jW). Die Mitglieder des Kollektivs organisieren verschiedene Events. Sie tanzen bei Shows in Berliner Technoclubs und veranstalten Pole-Dance-Workshops. Besonders beliebt ist ein Aktzeichenkurs. In ihrem Manifest machen sie ihre Position klar: »Unter kapitalistischen Arbeitsverhältnissen sind alle Körper Objekte, die Aufgaben erfüllen: eure Körper genauso wie unsere.«

Als Chiqui Love einige Stunden vor der Show den Raum betritt, schauen alle zu ihr. Sie trägt einen engen schwarzen Rollkragenpullover, schwarze High Heels und einen knielangen silbernen Faltenrock. Ihre Hüften schwingen bei jedem Schritt, ihr Oberkörper ist kerzengerade. Ihre langen, glatten Haare sind zu einem Pferdeschwanz gebunden. Die gebürtige Venezolanerin arbeitet seit 20 Jahren als Stripperin. »Wir sind nicht nur Tänzerinnen und Tänzer. Unser Kollektiv kämpft gegen Stigmatisierung und geschlechtsspezifische oder rassistische Diskriminierung«, erklärt sie.

Sie lächelt breit, als andere Mitglieder des Kollektives auftauchen: »Hey Babes.« Dann packen die Stripperinnen kräftig an. Die Poledance-Stange muss aufgebaut werden. Chiqui schlüpft aus ihren hohen Sandaletten und hievt die schweren Einzelteile der goldenen Stange auf die Bühne. »In unserem Kollektiv sind nicht nur Frauen Mitglied, die als biologische Frauen geboren wurden, sondern auch trans Personen und Personen, die nicht binär sind, die sich nicht ausschließlich als männlich oder weiblich identifizieren, sich also außerhalb der zweigeteilten Geschlechterordnung befinden«, betont Chiqui Love, während sie mit einem Schraubenschlüssel Teile der Stange zusammenbaut. »Unsere Arbeit ist kreativ und politisch.«

Edie, die Frau, die sich so artistisch an der goldenen Stange bewegen kann, moderiert die Diskussionsrunde. Es sprechen drei Mitglieder des Kollektivs, sie, Chiqui Love und Fifi. Die drei erzählen von den Arbeitsbedingungen, die ihnen in Stripclubs begegnen. Edie hatte einen Chef, der Strafgeld verlangte, wenn eine der Mitarbeitenden zu spät kam oder krank wurde. Auch verhängte er eine Anwesenheitspflicht an bestimmten Feiertagen. Die drei betonen, dass nicht alle Sexarbeitenden die Möglichkeit hätten, an Arbeitskämpfen teilzunehmen. »Wenn du eine Familie und vier Kinder in deinem Geburtsland versorgen musst, hast du andere Sorgen und musst Ausbeutung in Kauf nehmen«, sagt Chiqui Love. Ihr ist es trotzdem wichtig, dass Sexarbeitende nicht per se als Opfer von Ausbeutung angesehen werden. »Wie oft geht ihr bei euren Jobs über eure Grenzen?« fragt sie ins Publikum. Die Gäste, fast nur Frauen, gucken nachdenklich oder nicken zustimmend.

Die Organisation von Sexarbeitenden ist nicht neu in Berlin. Der Verein Hydra e. V. setzt sich seit 40 Jahren für die Rechte von Sexarbeiterinnen und Sexarbeitern ein. Die Pressebeauftragte, Ruby Rebelde, arbeitet selbst als Sexarbeiterin und kennt das »Berlin Strippers Collective«: »Initiativen wie das Berlin Strippers Collective leisten einen riesigen Beitrag zur Gemeinschaftsbildung und machen die Arbeitskämpfe Sexarbeitender in der Öffentlichkeit sichtbar.« In Zeiten weitverbreiteter Des- und Fehlinformationen über Sexarbeit sei das Selbstschutz, Verteidigung und Empowerment zugleich. Hydra e. V. und Organisationen wie das Kollektiv klärten darüber auf, wie »Sexarbeit, Migration und Kapitalismus zusammenhängen« und welche Rolle »Stigma, Rassismus und Diskriminierung« dabei spielten.

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