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Aus: Ausgabe vom 09.11.2021, Seite 11 / Feuilleton
Jazz

Flanieren über Fallstricke

»Erosão«, das Avant-Pop-Debüt der brasilianischen Schlagzeugerin Mariá Portugal
Von Markus von Schwerin
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Die Schlagzeugerin Mariá Portugal

Am vergangenen Samstag präsentierte das Jazzfest Berlin im Rahmen seines diesjährigen Kooperationschwerpunkts Kairo/Johannesburg/São Paulo eine Künstlerin aus der brasilianischen Metropole. Mariá Portugal, die 1984 in São Paulo geboren wurde, kam Anfang 2020 nach Moers, wo sie als »Improviser in Residence« ein von der Kunststiftung NRW gefördertes einjähriges Stipendium antrat und bereits im Februar mit nordrhein-westfälischen Lokalkoryphäen wie der Altsaxophonistin Angelika Niescier oder dem Tubisten Carl Ludwig Hübsch ein gefeiertes Einstandskonzert gab. Gerade noch kurz vorm ersten Shutdown, der es ihr wenigstens ermöglichte, an den noch in São Paulo entstandenen Bandaufnahmen zu »Erosão« (ihrem ersten Werk unter eigenem Namen) weiterzuarbeiten. Mit der überwiegend instrumental arbeitenden Formation Quartabê hat sie nämlich seit 2015 bereits drei Alben eingespielt. Darunter zwei Ausgaben der Hommagereihe »Lição«, die zuerst Moacir Santos, dann Dorival Caymmi würdigte.

Die Kompositionen jener Wegbereiter der Música Popular Brasileira wurden zwar schon zigfach interpretiert. Doch die Art, wie bei der ersten Quartabê-Europatour vor vier Jahren die beiden Klarinettistinnen Joana Queiroz und Maria Beraldo dem Tastenmann Chicão locker die Themenbälle zuspielten und dabei von Mariá Portugal mimisch und rhythmisch befeuert wurden, war so erfrischend, dass davon Experten und Neueinsteiger gleichermaßen eingenommen waren.

Quartabê waren beim Jazzfest Berlin nun mit einem Exklusiv­video vertreten, das in der Betonhalle des Kulturquartiers Silent Green als quasi digitales Aperitiv zu Portugals Liveauftritt gezeigt wurde. Der stand unter dem Motto »Erosão Viva«, doch eine Präsentation der sechs Stücke in chronologischer Reihenfolge war hier offensichtlich nicht vorgesehen. Vielmehr schien der inzwischen in Duisburg lebenden und sich dort als Kokuratorin der Improjazzkonzertreihe »Soundtrips NRW« aktiv einbringenden Schlagzeugerin daran gelegen zu sein, ihre in Deutschland entstandenen neuen Kreationen zu präsentieren und ihrem sechsköpfigen Ensemble – zu dem an jenem Abend zwei weitere Bläser (Filipe Nader am Altsaxophon und Moritz Wesp an der Posaune), Korhan Erel (Synthesizer) und der Kontrabassist Reza Askari zählten – viel Freiraum zu geben.

Die Instrumentierung unterschied sich somit deutlich von den in São Paulo entstandenen Basisaufnahmen, die sehr von den Beiträgen ihrer Quartabê-Kollegen geprägt sind. Im sich langsam aufbauenden, metaphernreichen Liebeslied »Dois Litorais« (»Zwei Küsten«) etwa lässt das Wechselspiel von Chicãos impressionistischen Klaviergirlanden und Joana Queiroz’ Klarinettenakzenten an eine imaginäre Session von Keith Tippett mit Lindsay Cooper denken, zu der sich noch Elis Reginas Tochter Maria Rita gesellt und mit sanfter Diktion darüber sinniert, weshalb »das Wasser, das mich erfrischt, dich versteinert«.

Es ist aber Mariá Portugals Stimme, die sich hier von ihrer zarten Seite zeigt. Forsch wie in dem an Arto Lindsays beatbetonte Tracks erinnnernden Eröffnungsstück »Cheio/Vazio« (»Voll/Leer«) geht es aber auch. Darin wird ein Spaziergang durch eine verlassene Gegend beschrieben, in der sich plötzlich doch noch Leben regt. Das wird auf dem Album durch abrupt einsetzende Verfremdungseffekte markiert, die den Springgeräuschen einer defekten Audio-CD akustisch sehr nahekommen. Live sorgen dagegen sowohl die auf Tuba und Posaune erzeugten Pust- und Sauggeräusche als auch kräftig gestrichene Kontrabassseiten für akzentreiche Stimmungswechsel. Was sich dank des generösen Mediathekangebots (auf arte.tv) noch über ein Jahr nachverfolgen lässt. Oder man begibt sich am Donnerstag nach Duisburg ins soziokulturelle Zentrum Stapeltor, wo Mariá Portugal eine neue kontinuierliche Wirkungsstätte gefunden hat.

Mariá Portugal: »Erosão« (Fun in The Church/Bertus)

Live: 11.11., Duisburg – Stapeltor; 1.12., Wuppertal – ORT; 6.12., Essen – Bürgermeisterhaus Werden

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