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Aus: Ausgabe vom 12.11.2021, Seite 6 / Ausland
Aufarbeitung von Verbrechen

Keine Wiedergutmachung

Opfer des belgischen Kolonialismus im Kongo klagen vor Gericht auf Entschädigung. Kommission fordert Reparationszahlungen
Von Gerrit Hoekman
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Léa Tavares Mujinga, eine der fünf Klägerinnen, bei einer Anhörung vor Gericht in Brüssel am 14. Oktober 2021

In den kommenden Tagen wird ein Gericht in Brüssel ein Urteil fällen, auf das fünf Frauen jahrzehntelang gewartet haben. Monique Bitu Bingi, Marie-José Loshi, Léa Tavares Mujinga, Simone Ngalula und Noëlle Verbeken haben den belgischen Staat wegen Verbrechen gegen die Menschheit in der Kolonie Belgisch-Kongo verklagt und verlangen Entschädigung. Mitte Oktober kam es zum Prozess.

Die Frauen, die zwischen 1947 und 1950 auf dem Gebiet der heutigen Demokratischen Republik Kongo geboren wurden, haben eine kongolesische Mutter und einen belgischen Vater. Im frühen Kindesalter wurden sie gegen den Willen ihrer Mütter in weit entfernte Schulen katholischer Nonnen verschleppt, die sie streng »europäisch« erzogen. Prügel und andere Misshandlungen gehörten dazu. Die fünf Frauen wuchsen gemeinsam auf. Sie hätten wie Gefangene gelebt, berichtete Tavares Mujinga. Wenig Essen, kaum Kleidung. Ihre Väter lernten sie nie kennen, der Staat sei ihr Vater, wurde ihnen erzählt.

Die allermeisten dieser Kinder waren das Ergebnis einer Vergewaltigung. Bitu Bingis Mutter war bei der Geburt ihrer Tochter erst 15 Jahre alt. Geschätzt 12.000 Kinder wurden ihren Müttern entrissen. Eigens dafür eingestellte belgische Beamte suchten in Dörfern und Städten nach den sogenannten Métisses, den »Mischlingen«. Einige wenige wurden nach Belgien gebracht. Zeit ihres Lebens schwiegen die meisten Opfer, auch die fünf Klägerinnen fanden erst vor kurzem Worte für das Leid, das ihnen angetan worden war. Anwältin Michèle Hirsch erklärte vor Gericht: »Meine Klientinnen wurden entführt, misshandelt, ignoriert, aus der Welt gezwungen«, wie die belgische Nachrichtenagentur Belga meldete.

Die Frauen fordern neben den 50.000 Euro auch die Einsicht in die staatlichen Dokumente, die Auskunft über ihr persönliches Schicksal geben. Ferner wollen sie ein Gutachten, das ihnen ihr erlittenes Trauma attestiert. »Um Vergebung zu bitten ist einfach. Aber ich möchte, dass der Staat weiß, dass er uns moralisch und physisch zerstört hat«, betonte die Klägerin Bitu Bingi gegenüber der belgischen Presse.

Lange Zeit fühlte sich das heutige Belgien nicht verantwortlich für die Verbrechen der Kolonialzeit. Erst 2019 entschuldigte sich die Regierung bei den Opfern. Ein Jahr später bedauerte auch König Philippe offiziell die »Wunden der Vergangenheit«. Längst überfällige Worte des Bedauerns, denen jedoch bis heute keine finanzielle Entschädigung folgte. »Der belgische Staat hatte nicht den Mut, den ganzen Weg zu gehen, das Verbrechen beim Namen zu nennen, denn Verantwortung zieht Wiedergutmachung nach sich«, so Anwältin Hirsch vor Gericht. »Entschuldigung für die Geschichte: ja, aber Wiedergutmachung an die Opfer: nein.«

Im Sommer 2020 hatte eine aus zehn Experten bestehende Kommission unter dem Vorsitz des »grünen« Abgeordneten Wouter De Vriendt vom belgischen Parlament den Auftrag erhalten, die Kolonialgeschichte aufzuarbeiten. Vorigen Monat wurde der 681 Seiten umfassende Abschlussbericht veröffentlicht. Die Kommission räumt darin mit der Legende auf, die Kolonisierung des Kongos sei eine »zivilisierende Mission« gewesen, von der das Land noch heute profitiere. Der Bau von Straßen und Gleisen sei kaum der einheimischen Bevölkerung zugute gekommen, sondern habe der gnadenlosen Ausbeutung des Landes mit Waffengewalt, Sklaverei und Zwangsarbeit gedient. Für die Kommission ist es keine Frage, dass Belgien den beiden Staaten, die auf dem alten Kolonialgebiet entstanden sind, nämlich der Republik Kongo und der Demokratischen Republik Kongo, für die unter der Kolonialherrschaft begangenen Verbrechen Reparationen zahlen muss.

Besonders unter den flämischen Nationalisten der N-VA regt sich bereits Widerstand. »Wenn wir, wie vorgeschlagen, für das besetzte Land im Kongo Miete zahlen müssen, haben wir selbst mit fast jedem anderen europäischen Land eine Menge historischer Rechnungen zu begleichen.« Außerdem würden sich die Kapitel zum Thema Rassismus wie »das Kochbuch von Cancel Culture« lesen, erklärte ihr Abgeordneter Tomas Roggeman laut Tageszeitung De Morgen vom 27. Oktober. »Fast unsere gesamte Volkskultur wird als ›Rassismus‹ gebrandmarkt. Inakzeptabel«, so die Schlussfolgerung des Nationalisten.

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  • Leserbrief von Wilfried Weber aus Ravensburg (14. November 2021 um 10:54 Uhr)
    Im Artikel »Keine Wiedergutmachung« werden die Republik Kongo und die Demokratische Republik Kongo als die beiden Staaten bezeichnet, welche auf dem alten Kolonialgebiet Belgiens entstanden seien. Dies ist nicht richtig. Die Demokratische Republik Kongo, Ruanda und Burundi standen unter belgischer Herrschaft, das Gebiet der Republik Kongo (auch Kongo-Brazzaville genannt) war hingegen französische Kolonie.

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