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Aus: Ausgabe vom 12.11.2021, Seite 4 / Inland
Polizeiproblem

Sterben in Gewahrsam

Nach Tod eines jungen Griechen in Wuppertaler Polizeirevier stehen Polizei und Staatsanwaltschaft in der Kritik
Von Henning von Stoltzenberg
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Es wäre nicht das erste Menschenleben, welches Polizisten in diesem Jahr auf dem Gewissen haben: Kundgebung in Gedenken an die von Beamten erschossene Maria B. (Berlin, 24.1.2021)

Der Tod eines jungen Griechen in einem Wuppertaler Polizeirevier wirft weiterhin Fragen auf. Der 24jährige Giorgos Zantiotis war in den frühen Morgenstunden des 1. November zu Tode gekommen. Doch an die Öffentlichkeit gelangte diese Nachricht erst sechs Tage später, nachdem auf dem griechischen Ableger des linken Internetportals Indymedia ein Video aus der Nacht des 1. November veröffentlicht worden war.

Zu sehen ist, wie Zantiotis von zwei Polizisten auf die Straße gedrückt und gefesselt wird, während seine Schwester die Beamten anfleht, damit aufzuhören. Die Polizei sei wegen einer Auseinandersetzung gerufen worden und habe einen »hochaggressiven« Mann und seine Schwester vorgefunden, gab der ermittelnde Staatsanwalt Wolf-Tilman Baumert an. Der Mann sei überwältigt und in Gewahrsam genommen worden. Nach der Blutabnahme sei es zu einem Kreislaufzusammenbruch gekommen. Wiederbelebungsversuche durch einen Polizeiarzt und den Rettungsdienst seien erfolglos geblieben, so dass Zantiotis auf der Polizeiwache verstarb. Daraufhin wurde ein Todesermittlungsverfahren durch die Staatsanwaltschaft eingeleitet. Er habe einen »internistischen Notfall« mit Todesfolge nicht für »medienrelevant« gehalten, rechtfertigte sich der Staatsanwalt dafür, dass er die Öffentlichkeit nicht informiert hatte.

Eine laut Medienberichten inzwischen durchgeführte Obduktion habe keine Hinweise geliefert, dass der Tod von Zantiotis mit den Polizeimaßnahmen zusammenhing. Ein toxikologisches Gutachten, das klären soll, ob Zantiotis in der Nacht Drogen konsumiert hatte, steht noch aus. Mit den Ermittlungen wurde aus »Neutralitätsgründen« die Polizei Hagen beauftragt.

Jules El-Khatib, stellvertretender Landessprecher der Partei Die Linke, fordert NRW-Justizminister Peter Biesenbach (CDU) auf, über Runderlass anzuordnen, dass alle Todesfälle in Polizeigewahrsam und Gefängnissen umgehend veröffentlicht werden. Jeder Fall müsse von einer unabhängigen Kommission untersucht werden.

Die Initiative »Gerechtigkeit für Gior­gos«, die für Samstag um 18 Uhr zu einer Demonstration vor den Wuppertaler City-Arkaden aufruft, fordert die Absetzung von Staatsanwalt Baumert. »Wir wollen die Wahrheit über die Geschehnisse am Morgen des 1. Novembers erfahren«, erklärte die Sprecherin der Initiative, Ricarda May, in einer Stellungnahme. Es stelle sich die Frage, warum das toxikologische Gutachten noch nicht vorliegt. Habe »Giorgos vielleicht gar keine oder nicht genug Drogen genommen?« fragte May, die sich zugleich erstaunt darüber zeigte, dass die Westdeutsche Zeitung »scheinbar exklusives Wissen darüber, welche Drogen er angeblich konsumiert hat«, verbreitet habe. Es existiere der »ernsthafte Verdacht«, dass Ereignisse »vertuscht« werden sollen, die zum Tod des »griechischen Arbeiters einer Fast-Food-Kette« in Polizeigewahrsam geführt haben, erklärte Konstantinos Papadakis, Abgeordneter des Europäischen Parlaments und Mitglied im Zentralkomitee der Kommunistischen Partei Griechenlands (KKE). Athen sei verpflichtet, Berlin um Aufklärung zu bitten und die brutale Behandlung von Zantiotis zu verurteilen.

Demo: Wahrheit und Gerechtigkeit für Giórgos. 13. November, 18 Uhr, City-Arcaden, Wuppertal-Elberfeld

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  • Leserbrief von Helmut Josef Weber aus Malaga (13. November 2021 um 06:34 Uhr)
    In einem Land, in dem es möglich ist, dass nicht zu ermitteln ist, wer dafür verantwortlich ist, dass ein gefesselter Mensch in einer Polizeizelle auf einer feuerhemmenden Matratze verbrennt, die nur mit Brandbeschleuniger entzündet werden kann, ist doch wohl auch nicht damit zu rechnen, dass hier ergebnisoffen ermittelt wird. Wenn so etwas in Russland oder Nordkorea geschehen würde, würde die Politik reflexartig mach Sanktionen rufen; in Deutschland schaut man lieber weg und behindert die Ermittlungen.

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