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Aus: Ausgabe vom 11.11.2021, Seite 15 / Medien
Kampf ums Monopol

Masterplan gegen Netflix

Bertelsmann-Tochter RTL Group will mit Millioneninvestitionen Streamingmarkt aufmischen. Ob Strategie aufgeht, ist allerdings fraglich
Von Gerrit Hoekman
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Großes Vorhaben: 600 Millionen Euro will die RTL Group jährlich in das neue Angebot investieren

Die Bertelsmann-Tochter RTL Group setzt sich ein ehrgeiziges Ziel: Bis Ende 2026 sollen zehn Millionen Kundinnen und Kunden die deutsche Streamingplattform RTL plus (Eigenschreibweise: RTL+) und das niederländische Pendant Videoland abonnieren. Das gab der Bertelsmann-Konzern am vergangenen Donnerstag bekannt.

»Die Monate Januar bis September 2021 verliefen für uns sehr erfreulich«, wird der Vorstandsvorsitzende von Bertelsmann, Thomas Rabe, in einer Presseerklärung auf der Homepage des Unternehmens aus Gütersloh zitiert. In diesem Zeitraum habe Bertelsmann einen Umsatz von 13,1 Milliarden Euro erzielt – ein Plus von 9,2 Prozent im Vergleich zu 2020, als der Umsatz 17,3 Milliarden Euro betrug.

Besondere Freude macht Rabe die RTL Group, bei der er ebenfalls die Fäden zieht. 3,4 Millionen zahlende Abonnentinnen und Abonnenten verzeichnen die beiden Streamingdienste des Konzerns inzwischen. Zum gleichen Zeitpunkt 2020 waren es noch 1,8 Millionen Kundinnen und Kunden. Geht es in dem Tempo weiter, sind die zehn Millionen Abos, die die RTL Group anstrebt, ein Klacks.

Gewinner der Pandemie

Die Frage ist nur: Geht es in dem Tempo weiter? Monatelang waren Kinos und Kneipen geschlossen, Fitnesscenter und Freizeitparks zu. Die Menschen mussten notgedrungen zu Hause bleiben, langweilten sich und saßen häufiger und deutlich länger vor dem Bildschirm. Deshalb gehören Streamingportale zweifellos zu den wenigen Gewinnern der Pandemie, und die RTL Group surft erfolgreich mit auf der Welle. Zwischen Januar und September 2021 stieg der Umsatz beim Streaming auf 162 Millionen Euro. 2020 waren es im gleichen Zeitraum nur 124 Millionen Euro gewesen. Der Medienkonzern erhöht deshalb die Umsatzerwartung für die Streamingportale in seinem Fünfjahresplan bis 2026 von 500 Millionen auf eine Milliarde Euro.

Der Kampf ist hart, die Konkurrenz mächtig. Kolosse wie Google, Facebook, Amazon haben die Nase vorne. Die Plattformen Netflix und Disney Plus konkurrieren mit vielen anderen um die Zuschauerinnen und Zuschauer. Bertelsmann und die RTL Group müssen sich also etwas einfallen lassen, wenn sie bei den Giganten erfolgreich mitmischen wollen.

Das Zauberwort dafür lautet crossmedial. Vergangene Woche wurde die deutsche Streamingplattform TV Now in RTL plus umgetauft. Es sollen dort nicht mehr nur die eigenen Fernsehsender und deren Produktionen angeboten werden, sondern ab Mitte 2022 auch Videos, Musik, Podcasts, Hörbücher und E-Magazine. »Alle Gattungen in einer App – ein solches Konzept ist in der Medienlandschaft bisher einzigartig«, weiß das Handelsblatt vom vergangenen Donnerstag.

Voraussetzung für die Streamingplattform neuen Typs ist die für den 1. Januar 2022 angekündigte Fusion mit dem ebenfalls zu Bertelsmann gehörenden Zeitschriftenverlag Gruner und Jahr, die intern in den Redaktionen auf Widerstand stößt (siehe jW vom 16.9.). Hinzu kommt die Kooperation mit dem Bertelsmann-Buchverlag Penguin Random House. Außerdem arbeitet der Konzern exklusiv mit dem Audioanbieter Deezer zusammen. »Es reicht dann eine Anmeldung, um sich umfassend zu informieren und zu unterhalten«, pries Konzernchef Rabe RTL plus am vergangenen Donnerstag gegenüber der FAZ.

Unklare Zukunft

Angeblich gieren die Kundinnen und Kunden nach dieser Möglichkeit. 600 Millionen Euro will die RTL Group jährlich in das neue Angebot investieren. Gegenwärtig sind es noch 200 Millionen pro Jahr. Bertelsmann könne sich diese Anlaufinvestitionen »problemlos leisten«, so Rabe. Er streitet nicht ab, dass RTL plus zu einem Verlust an Abonnenten bei anderen Hausmarken führen könnte. »Eine gewisse Kannibalisierung wird es schon geben«, zitiert ihn die FAZ. »Natürlich ist es ein Wagnis. Am Ende werden wir sehen, ob die Kunden wirklich so stark bündeln, wie es die Marktforschung sagt.«

Im Moment sind die Aussichten rosig, keine Frage. Aber was wird die Zukunft nach Corona bringen? »Bisher ist noch weitgehend unklar, welche nachhaltigen Folgen die Pandemie für die audiovisuelle Branche nicht nur in Deutschland haben wird«, schreibt Lothar Mikos von der Medienuniversität in Babelsberg in der Vierteljahreszeitschrift TV Diskurs. »Einige Tendenzen sind aber bereits erkennbar. Die Bedeutung von Streaminganbietern und Onlinemedien nimmt zu.« Ob aber in demselben Maße wie während der Pandemie? Der Boom könnte durchaus vorbei sein, sobald das normale Leben zurückkehrt und sich die Menschen wieder mehr außer Haus aufhalten.

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