75 Ausgaben junge Welt für 75 €
Gegründet 1947 Freitag, 3. Dezember 2021, Nr. 282
Die junge Welt wird von 2593 GenossInnen herausgegeben
75 Ausgaben junge Welt für 75 € 75 Ausgaben junge Welt für 75 €
75 Ausgaben junge Welt für 75 €
Aus: Ausgabe vom 11.11.2021, Seite 5 / Inland
So kann man nicht lernen

Schule stinkt

Berlin: Gewerkschaften und Verein »Schule in Not« fordern Rekommunalisierung der Reinigung in 2022. Verdi bietet Berechnungstool für Kosten an
Von Susanne Knütter
5.jpg
Damit es an Berliner Schulen nicht mehr so müffelt, muss der Druck erhöht werden (wie hier in Neukölln)

Die Schulreinigung, wie sie aktuell in Berlin organisiert ist, ist gescheitert. »Die Schulen sind nicht sauber«, sagte Ryan Plocher, Mitglied im Vorstand der GEW Berlin, am Mittwoch auf der gemeinsamen Pressekonferenz der Gewerkschaften Verdi und GEW, des Vereins »Schule in Not« und der Beratungsfirma »Urbane Infrastruktur«. Seit er 2014 an einer Schule in Berlin-Neukölln als Lehrer anfing, habe es dort fünf verschiedene Reinigungsfirmen gegeben. Um den Besuch der stinkenden Toiletten zu vermeiden, würden viele Kinder tagsüber nichts trinken. Das System, die Schulreinigung möglichst günstig von privaten Firmen erledigen zu lassen, habe aber auch einen pädagogischen Effekt, so Plocher: »In schmutzigen Schulen lernt es sich schlecht.« In einer dreckigen Umgebung »fühlen sich die Schüler nicht wertgeschätzt«. Umgekehrt bemühten sie sich auch nicht, die Räumlichkeiten sauber zu halten.

Seit 2019 fordert »Schule in Not« gemeinsam mit den Gewerkschaften GEW, Verdi, IG BAU und dem Deutschen Gewerkschaftsbund von der Berliner Politik die Rekommunalisierung der Schulreinigung umzusetzen, die mittlerweile in acht von zwölf Bezirken beschlossen wurde. Doch bisher ist keine einzige Reinigungskraft an einer Berliner Schule festangestellt. Das Thema habe es gerade einmal mit einem Satz in das Sondierungspapier von SPD, Grünen und Linkspartei geschafft, sagte Susanne Kühne von »Schule in Not« am Mittwoch auf der online übertragenen Pressekonferenz. Nicht klar sei, »wie, wann und in welchem Umfang« rekommunalisiert werden wird, so Kühne. Wie aus einem Hintergrundpapier des Bündnisses hervorgeht, das jW vorliegt, sollen die Mittel für die Tagesreinigung an Berliner Schulen im Doppelhaushalt 2022/2023 sogar gekürzt werden und nicht mehr zweckgebunden sein.

Die Organisationen fordern nun, »dass 2022 mit der Rekommunalisierung der Schulreinigung verbindlich in einem Umfang von 30 Prozent begonnen wird«. Das Bündnis sieht dabei zunächst die Bezirke in der Pflicht, »endlich seriöse Zahlen vorzulegen, was die Umstellung auf Eigenreinigung kosten würde«. Ihre bisherigen Kostenschätzungen, wie sie aus einem im Juni veröffentlichten Senatsbericht hervorgehen, taugen nichts. Die grob berechneten Kosten einzelner Bezirke lagen demnach zwischen 21 bis 260 Prozent über den bisherigen Kosten an den jeweiligen Schulen, wie Kühne berichtete.

Verdi stellt nun ein Berechnungstool zur Verfügung, um die künftigen Ausgaben für eine Eigenreinigung genau ermitteln zu können. Robert Kösling von »Urbane Infrastruktur«, der das Werkzeug mit konzipiert und bereits exemplarisch angewendet hat, sagte in der Pressekonferenz, Kostensteigerungen von mehr als 200 Prozent seien unrealistisch. Die Reinigung in Eigenregie könne durch Optimierung langfristig sogar günstiger werden. Über allem stehe aber die Frage, »welche Qualität möchte ich haben«.

Die Vorteile für Beschäftigte, Schüler und Lehrer liegen auf der Hand. Laut der IG BAU arbeiten 77 Prozent der Reinigungskräfte in Deutschland in Teilzeit, 52,2 Prozent davon sind geringfügig beschäftigt. In Berlin sind es immerhin 28 Prozent. Und 68 Prozent der Beschäftigten sind weiblich. Mit maximal 20 bis 25 Stunden seien sie auf Zweitjobs oder Aufstockung nach SGB II angewiesen, sagte Erich Mendroch, beim Verdi-Bezirk Berlin-Brandenburg zuständig für Gemeinden, am Mittwoch. Mit einer Rekommunalisierung der Schulreinigung könnten laut »Schule in Not« deutlich mehr als 1.000 Arbeitsplätze im öffentlichen Dienst geschaffen werden. Die Beschäftigten wären eingebunden in das Schulkollektiv, hätten Anspruch auf den Tarifvertrag der Länder und betriebliche Mitbestimmung, so Mendroch. Plocher ergänzte die pädagogische Sicht: Wenn die Schüler wissen, wer putzen muss, würden sie eher Ordnung halten.

Zeitung gegen Profite mit der Gesundheit

Die junge Welt ist die einzige parteiunabhängige Tageszeitung, die Zeit Ihres Bestehens gegen Krieg und Faschismus angeschrieben hat. Wenn wir nun unseren 75. Geburtstag feiern, dann möchten wir das zusammen mit unseren Leserinnen und Lesern begehen.

Um dieses Jubiläum gebührend zu feiern, hat die junge Welt die 75er-Aktion. Schenken Sie sich, Ihren Lieben und der jW 75 Ausgaben für 75 Euro. Danach endet das Abo automatisch und muss nicht abbestellt werden.

Dieser Artikel gehört zu folgenden Dossiers:

Ähnliche:

  • Raum einer Berliner Grundschule während des Warnstreiks der Lehr...
    20.06.2016

    Berlins Lehrer erneut im Streik

    Hunderte Euro Lohnunterschied trennen verbeamtete und angestellte Pädagogen. Der Senat wollte darüber zwar reden, an den Gehältern aber nichts ändern
  • Am Donnerstag streikten die angestellten Lehrkräfte in Berlin wä...
    13.05.2016

    Wut der Lehrer wächst

    Fast 4.000 angestellte Pädagogen in Berlin traten am Donnerstag in den Streik. Sie ­fordern, das gleiche Gehalt wie ihre verbeamteten Kollegen zu bekommen

Regio:

Mehr aus: Inland