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Aus: Ausgabe vom 10.11.2021, Seite 10 / Feuilleton
Ausstellung

Eine Handvoll Himmel

Widerstand durch Sichtbarkeit: Die Zürcher Ausstellung »Fractured Spine« über künstlerische Strategien gegen Zensur
Von Luschka Schnederle
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Ausgaben der verbotenen Zeitung Özgür Gündem (Freie Zeitung) von Zehra Dogan, in der Haft verfasst und aus dem Gefängnis geschmuggelt

Die kurdisch-türkische Tageszeitung Özgür Gündem ist mittlerweile Geschichte. Als die türkische Regierung sie 2016 verbot und viele Mitarbeiter ins Gefängnis steckte, schrieb die Journalistin Zehra Dogan die Zeitung einfach von Hand im Gefängnis weiter. Diese beiden Gefängnisausgaben sind in der Ausstellung »Fractured Spine« neben weiterer Kunst über Zensur und Widerstand in der Photobastei in Zürich zu sehen.

»Es ist eine Handvoll Himmel, gewonnen von denjenigen, die im Gefängnis weniger als eine Handfläche davon haben und ihn all denjenigen als Erbe hinterlassen, die folgen werden.« So beschreibt Zehra Dogan ihr Kunstwerk »Bir avuc gökyüzü (A Handful Sky)«, das sie 2018 im berüchtigten Amed-Gefängnis in Diyarbakir mit Bleichmittel auf einem Kissenbezug anfertigte. Für die Insassinnen bedeute dieses Stück Himmel außerordentlich viel, schreibt sie im Begleitpapier. Auch die Besucher der Gruppenausstellung »Fractured Spine«, deren Untertitel »Widerstand durch Sichtbarkeit von Zensur in Journalismus und Kunst« lautet, sollen diese Bedeutung nachempfinden, erklärt Kurator Nistiman Erdede. Viele der ausstellenden Künstler sitzen oder saßen im Gefängnis, weil sie ihre Meinung geäußert, den türkischen Staat kritisiert (Oktay Ince) oder für die kurdische Selbstbestimmung gekämpft hatten (Ferhan Mordeniz).

Neben Kunst von Kurden stellt der Kurator Erdede Werke Schweizer und internationaler Künstler aus, die sich mit Zensur, Meinungs- und Pressefreiheit beschäftigen. Den Anfang macht die Videoinstallation »Delivery for Mr. Assange« der Mediengruppe Bitnik, die 2013 ein mit einer Kamera ausgestattetes Paket in die ecuadorianische Botschaft in London sandte, Julian Assanges damaliges Exil. Im gleichen Raum hängen die Ölbilder von Ferhan Mordeniz, der in der Bekleidung der kurdischen Guerilla festgenommen und zu lebenslanger Haft verurteilt wurde. Zu jedem seiner dunklen, von Krieg und Zerstörung erzählenden Bilder verfasst er jeweils ein Gedicht. Seit einiger Zeit erlaubt ihm die Gefängnisdirektion nicht mehr, mit Öl auf Leinwand zu malen. Nun zeichnet er mit Farbstiften auf einfaches Papier und schreibt die Gedichte auf die Hinterseite. Die Gefängnisdirektion kontrolliert und stempelt jedes einzelne dieser Bilder.

Zensur von Kunst und Journalismus ist in der Türkei alltäglich, gemäß Reporter ohne Grenzen wurden allein 2021 elf Journalisten inhaftiert. Den Vorwurf der Verbreitung terroristischer Propaganda nutzt der türkische Staat seit dem Putschversuch 2016, um massenhaft Journalisten, kurdische Aktivisten und Politiker ins Gefängnis zu stecken und so mundtot zu machen. Dagegen leistet der Kurator Nistiman Erdede Widerstand.

2008 wurde auch er in der Türkei festgenommen, weil er für ausländische NGO und Zeitungen als Stringer arbeitete. Ihm drohten sieben Jahre Gefängnis mit anschließendem Militärdienst, aus dem viele Kurden nicht mehr zurückkehren, weil sie ermordet werden. So blieb ihm nur die Flucht nach Europa. In der Schweiz beantragte er Asyl, und während er sechs Jahre auf seinen Asylbescheid wartete, studierte er in Zürich Kunst und Medien. Als dekolonialer Künstler und Aktivist will er die Wahrnehmung von Kurden und Geflüchteten in Europa verändern. Indem er in der Ausstellung Kunst von Menschen zeigt, die trotz drohender Inhaftierung Widerstand leisten, kämpft er gegen die dominante eurozentristische Wahrnehmung von Migranten und Inhaftierten als wehrlosen Unterdrückten. Seine aktuelle Ausstellung zeigt nicht nur widerständige Kunst, sie ist selbst widerständige Praxis. So verdienen die Künstler auch nichts an der Ausstellung, und das Maxim-Gorki-Theater steuerte die zwei handgeschriebenen und -gezeichneten Ausgaben der vom türkischen Staat verbotenen Zeitung Özgür Gündem (Freie Zeitung) von Zehra Dogan, die in Haft verfasst und aus dem Gefängnis geschmuggelt worden waren, kostenlos bei.

Erdedes Wunsch ist es, die Ausstellung nach Deutschland zu bringen und die Zensur von kurdischen Inhalten durch deutsche Behörden zu thematisieren. Der Gang an die Öffentlichkeit ist eine Notwendigkeit, wie Oktay Ince in einem in der Ausstellung gezeigten, nach Art des Cinéma vérité gedrehten Films sagt: »Wenn die staatlichen Institutionen versagen, bleibt einem nur noch der Protest in der Öffentlichkeit.«

»Fractured Spine – Widerstand durch Sichtbarkeit von Zensur in Journalismus und Kunst«: bis 18.11., Photobastei, Zürich

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