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Aus: Ausgabe vom 09.11.2021, Seite 15 / Betrieb & Gewerkschaft
Arbeitskampf

Systemrelevant, aber unerwünscht

Paris: CGT mobilisiert Beschäftigte ohne Aufenthaltsgenehmigung
Von Raphaël Schmeller
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Voller Erfolg: Die »Travailleurs sans-papiers« des zum Pariser Louvre gehörenden Café Marly erhalten unbefristete Verträge sowie die Dokumente für ihre Aufenthaltserlaubnis (27.10.2021)

Sie sind Kellner, Lagerarbeiter, Tellerwäscher, Müllentsorger oder Essenslieferanten. Oft arbeiten sie auch auf Baustellen von Großkonzernen wie Bouygues und Eiffage. Die Tausenden »travailleurs sans-papiers« machen in Frankreich viele der Jobs, die man neuerdings als »systemrelevant« bezeichnet. Weil sie keine Papiere haben, sind sie der Willkür von Unternehmen schutzlos ausgeliefert; ihre Arbeitsbedingungen sind deshalb besonders schlecht. Aus Angst, abgeschoben zu werden, hüllen sich viele von ihnen in Schweigen.

Seit Ende Oktober hat sich das bei rund 300 »travailleurs sans-papiers« in Paris nun jedoch geändert: Sie sind einem Streikaufruf der CGT gefolgt und in den Ausstand getreten. Die Gewerkschaft hat zehn Betriebe in der französischen Hauptstadt ausgemacht, in denen vermehrt auf Beschäftigte ohne Aufenthaltserlaubnis zurückgegriffen wird, um dort gezielt Arbeitskämpfe zu führen, erklärt Christian Galani, Mitglied im CGT-Vorstand Paris und verantwortlich für den Bereich Kultur bei der Gewerkschaft, im Gespräch mit junge Welt. Die allermeisten der Betroffenen hätten nur befristete Verträge, obwohl sie seit Jahren in den Betrieben arbeiteten und viele Überstunden leisteten. »Außerdem verweigern ihnen die Arbeitgeber Papiere, die sie benötigen, um eine Aufenthaltserlaubnis zu beantragen«, so Galani weiter.

Der Gewerkschafter arbeitet im ­Louvre-Museum. Auch das dazugehörende schicke Café Marly wurde im Rahmen der CGT-Aktion bestreikt – mit Erfolg. »Es ist ein Sieg auf ganzer Linie«, erzählt Galani. »Allen Beschäftigten wurde ein unbefristeter Vertrag angeboten, und sie haben die Dokumente für ihre Aufenthaltserlaubnis bekommen.« Man habe sogar erreicht, dass die Streiktage bezahlt wurden. Auch in den meisten anderen von der Aktion ins Visier genommenen Betrieben habe man ähnliche Erfolge feiern können, nur an wenigen Standorten dauere der Arbeitskampf noch an.

Dass die Beschäftigten so entschlossen kämpfen, liegt vor allem an der zurückliegenden harten Coronazeit. Denn während der verschiedenen Lockdowns wurden die meisten »sans-papiers« erwerbslos. Diejenigen, die keinen neuen Job fanden, mussten komplett ohne Einnahmen auskommen, da vom Staat keine Hilfen für Menschen vorgesehen sind, deren Anwesenheit er als »illegal« bezeichnet.

Ein Zustand, der den Gewerkschafter Galani empört: »Die Menschen, die hier leben und arbeiten, bleiben hier, Punkt!« Den Erfolg der Aktionen erklärt er damit, dass die CGT es bei solchen Grundsatzfragen schafft, alle vorhandenen Kräfte auf den verschiedenen Ebenen und branchenübergreifend für ein Ziel zu bündeln. Schließlich gehe es hier auch um das wichtigste Prinzip der Gewerkschaft: »Die Solidarität unter allen Arbeitern, egal woher sie kommen«.

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