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Aus: Ausgabe vom 09.11.2021, Seite 11 / Feuilleton
Museum

Buds Bratpfanne

In Berlin gibt es seit Sommer ein Bud-Spencer-Museum über Leben und Werk des Schauspielers
Von Nick Brauns
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Krimskrams für die Erinnerung

Es war 1980, als ich mit neun Jahren das erste Mal alleine ins Kino gehen durfte. Unsere Eltern hatten mir und Nachbarjungen Maxi Geld für einen Disney-Film gegeben. Doch spontan entschlossen wir uns für einen anderen Streifen. Dessen Titel »Das Krokodil und sein Nilpferd« ließ auf einen lustigen Tierfilm schließen. Das Krokodil entpuppte sich als ein gewitzter Blonder mit stahlblauen Augen, und das Nilpferd war ein gemütlicher Dicker mit Vollbart. Mit vollem Fausteinsatz retteten die ungleichen Partner die Bewohner eines Dorfes in Simbabwe, das zum Zeitpunkt der Dreharbeiten noch Rhodesien hieß, vor der Vertreibung durch einen skrupellosen Geschäftsmann, der in der Savanne einen Safaripark für Großwildjäger errichten wollte. Es knallte, schepperte, jaulte und wummte, die Ganoven flogen durch die Luft oder klappten unter Schlägen auf den Kopf zusammen. Doch Blut floss dabei ebensowenig wie beim vergleichbar schlagkräftigen Gallierduo Asterix und Obelix. Auch sonst blieb es stets jugendfrei. Frauenrollen jenseits von Müttern oder Nonnen sind mir jedenfalls keine in Erinnerung geblieben. Als Plattfuß, Mücke oder Bulldozer verprügelte Spencer, der bürgerlich Carlo Pedersoli hieß, an der Seite seines Filmpartners Terence Hill alias Mario Girotti alle Arten von Bösewichten. Und ich kringelte mich bei ihren Filmen noch jahrelang lachend vor dem heimischen Fernseher, bis ich alt genug für subtileren Humor wurde.

Seit Ende Juni gibt es in Berlin an prominenter Stelle Unter den Linden ein Bud-Spencer-Museum. Nicht nur die in Nichtcoronazeiten zahlreichen italienischen Touristen will die auf zwei Jahre angelegte Ausstellung abgreifen. Schon nach ihrer Premiere in Spencers Geburtsort Neapel 2019 habe es viel Nachfrage von deutschen Fans gegeben, erklärte dessen Sohn Giuseppe. Auch in der DDR waren Spencer und Hill echte Stars, seitdem im Herbst 1973 »Vier Fäuste für ein Halleluja« unter dem Titel »Der Kleine und der müde Joe« ins dortige Kino gekommen war.

Schon vor der Ausstellung steht der im Original 1,92 Meter große und 125 Kilo schwere Bud gleich zweimal: einmal als lebensgroße Statue und einmal als Double aus Fleisch und Blut für Fotos mit Fans. Drinnen gibt es dann rund 400 Exponate, darunter Fotos aus Spencers Jugend, Filmplakate, aber auch den berühmten roten Strandbuggy aus »Zwei wie Pech und Schwefel«. Die legendäre Pfanne, aus der die beiden Helden in ihren Filmen Bohnen mit Speck am Lagerfeuer löffelten, die sie aber mitunter auch beherzt auf den Kopf eines Schurken donnerten, darf natürlich nicht fehlen. Für 60 Euro kann sie zudem im Museumsshop erworben werden – das eingeprägte Konterfei des gutmütigen Haudraufs Bud inklusive. Einzigartige Einblicke in das Leben der »Kultfigur«, verspricht dessen Familie Pedersoli zu gewähren. Nicht nur als Schauspieler wird Spencer präsentiert, auch als Schwimmer und Olympiateilnehmer, Erfinder, Pilot, Musiker und Buchautor. Neben seiner Autobiographie hat der kulinarischen Gelüsten sichtlich zugetane Spencer eine Philosophie des Essens unter dem Titel »Ich esse, also bin ich« verfasst.

In ihren Filmen standen Bud Spencer und Terence Hill stets an der Seite der Armen, Schwachen und Entrechteten. Im echten Leben – und das verschweigt die Ausstellung – war Spencer dagegen mit dem korrupten und kriminellen italienischen Ministerpräsidenten und Multimillionär Silvio Berlusconi befreundet, für dessen extrem rechte Partei Forza Italia er als 75jähriger in Lazio zu den Regionalwahlen kandidierte. Glücklicherweise scheiterte 2005 dieser Versuch, es dem zum kalifornischen Gouverneur gewählten österreichischen Muskelmann Arnold Schwarzenegger gleichzutun.

Fortschrittlich erscheint dagegen Terence Hill. Nach lebenden Bösewichten befragt, denen er viele Ohrfeigen verpassen wolle, benannte dieser Ende letzten Jahres nicht nur den scheidenden US-Präsidenten Donald Trump, sondern auch die wenigen Multimilliardäre, die einem »Meer von armen Menschen« gegenüberstehen, ohne ihren Reichtum zu teilen. Im Unterschied zu seinem 2016 verstorbenen Freund Spencer sei er immer ein Linker gewesen, verriet Hill in dem Interview. Das wussten auch einige italienische Kommunisten in der umbrischen Kleinstadt Gubbio, die mich vor Jahren in die örtliche Garibaldi-Bar zum Aperitivo einluden. Gleich neben dem namensgebenden italienischen Freiheitshelden prangte in der Bar das Bild des Schauspielers.

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