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Global handeln

Von Helmut Höge
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Die Nachrichten sind voll mit Berichten über Konferenzen zur Reduzierung der fortschreitenden Klimaerwärmung. Es geht um die Lösung eines Weltproblems. Und das heischt »Projekte« – neue Technologien, was neue Industrien meint.

So soll ich mich etwa für »Global Clean Energy ETF« begeistern, einen börsengehandelten Indexfonds von Blackrock, wenn nicht sogar engagieren – d. h. mein Kapital in diese vielversprechende Branche stecken, die von einer zunehmenden Klimaerwärmung ausgeht und deswegen lukrative Projekte zu ihrer Entschleunigung bereithält: »Fast ein Drittel der installierten Leistung von Anlagen zur Stromerzeugung aus regenerativen Quellen sind in der Hand von Privatpersonen. Privatpersonen treiben die Energiewende massiv voran. Wie unsere Infografik aufzeigt, sind es vor allem die Besserverdiener, welche in ökologische Assets investieren. Bei einem Nettohaushaltseinkommen über 3.500 Euro beträgt der Anteil sogar 15 Prozent.« Da soll ich mitmachen.

Und da soll ich dabei sein: Die NGO Climate Chance Association »lanciert die weltweit erste interaktive globale Datenbank für chemische Recyclingprojekte. Die Pressekonferenz wird am Montag, den 29. November um 11:00 Uhr (MEZ) online stattfinden. (…) Die neue Ausgabe des globalen Syntheseberichts der Beobachtungsstelle für die Klima-Chancen, ›Back to the Future. 2021: The Great Acceleration of Climate Action … and Emissions‹ wird auf dieser Pressekonferenz zum ersten Mal offiziell vorgestellt.«

Einige der Projektemacher nennen sich »Geoingenieure«. Sie drängen z. B. darauf, Milliarden Eichen zu pflanzen, die CO2 aufnehmen. Andere schlagen die Nutzung von Basaltbergwerken vor, die abgesaugten Stickstoff aufnehmen und durch Versteinerung binden.

Die für den New Yorker arbeitende Journalistin Elizabeth Kolbert hat all diese Geoengineers für ihr Buch »Wir Klimawandler. Wie der Mensch die Natur der Zukunft erschafft« (2021) besucht – und auch gleich die »Schwachstellen« ihrer Weltrettungsprojekte benannt. Es handelt sich »um Menschen, die Probleme zu lösen versuchen, die Menschen beim Versuch, Probleme zu lösen, geschaffen haben.«

Der Gruppe von »Negativemissionstechnologen«, die vorschlägt, anderthalb Milliarden Eichen zu pflanzen, was angeblich 200 Milliarden Tonnen Kohlenstoff aus der Atmosphäre binden könnte, hält sie entgegen: »Bäume sind dunkel. Wenn wir z. B. die Tundra aufforsten würden, würde es die von der Erde absorbierte Energiemenge erhöhen« – also sogar zur Erderwärmung beitragen. »Eine Möglichkeit, dieses Problem zu umgehen, wäre, mit der CRISPR-Technologie genmodifizierte hellere Bäume zu schaffen.« Also sie künstlich zu albinisieren. »Soweit ich weiß, hat das bisher niemand vorgeschlagen, doch es scheint nur eine Frage der Zeit zu sein«, meint Kolbert.

Eine weitere Gruppe von Geoengineers will zwecks Verlangsamung der Erderwärmung Kalzit-, Sulfat- oder Diamantpartikel in der Stratosphäre versprühen, die das Sonnenlicht zurückstrahlen. Dafür hat sie schon mal ein Flugzeug konstruiert, den Stratospheric Aerosol Injection Lofter, kurz SAIL. Mit dem will man im ersten Jahr 100.000 Tonnen Schwefel versprühen. Leider würde dies »das Erscheinungsbild des Himmels verändern. Er wäre nicht mehr blau, sondern weiß.«

Wenn man jetzt auch noch das ­Anthropozänphänomen der zunehmenden Zahl von quasi-natürlichen Albinogeburten bei Wildtieren und -pflanzen quer durch alle Arten addiert, kann man sich in etwa ein Bild von der Zukunft machen: Kein Schnee im Winter mehr, aber ganzjährig weiße Mischwälder mit weißen Tieren unter weißem Himmel.

»Der Elefant im Wohnzimmer. Verhalten – Verbreitung – Verfilmung«, ein lichtbildgestützter Vortrag von Helmut Höge im Berliner Humboldt-Forum, Mi., 10.11.2021, 19 Uhr, 5 Euro/erm. 2,50 Euro

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