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Aus: Ausgabe vom 09.11.2021, Seite 10 / Feuilleton
Literatur

»Hier ist die Bude voll«

Jünger und weiblicher: Eindrücke von der 26. Linken Literaturmesse in Nürnberg
Von Glenn Jäger
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Als wären sie nie weggewesen: Kaum ein Verlag, kaum ein Antiquariat ließ sich lange bitten, wieder nach Nürnberg zu kommen. Während sich die 25. Linke Literaturmesse in Nürnberg 2020 auf zwei hybride Podiumsdiskussionen hatte beschränken müssen, stellten vergangenes Wochenende wieder rund zwei Dutzend Verlage, Antiquariate und Initiativen in Präsenz aus. Ein ambitioniertes Begleitprogramm mit rund 50 Veranstaltungen zog von Freitag bis Sonntag in der »Kulturwerkstatt auf AEG« mehr als 600 Besucher an. Bei einer Coronaampel, die in Bayern in der Nacht zu Sonntag auf Gelb sprang, und entsprechendem Hygienekonzept (FFP2-Maske) war das im Vorfeld nicht abzusehen gewesen.

Unter den Verlagsmitarbeitern wurde in Flurgesprächen schon bald geraunt, wie wohltuend sich die Nürnberger doch von der Frankfurter Buchmesse abhebe, wo manche Kollegen in gähnend leeren Rängen ausstellten. »Hier ist die Bude voll«, hieß es etwa am Stand des Traum-Fänger-Verlags, der ebenso wie etwa der Verlag W_orten & Meer neu hinzugewonnen werden konnte. Zu den langjährigen Ausstellern zählten Verlage wie Mandelbaum, Unrast, Papyrossa oder Edition AV und gestandene Antiquariate wie Che & Chandler, Walter Markov oder Eine Welt.

Die Veranstalter sahen sich zunächst in ihrem gedämpften Optimismus bestätigt, als bei der Auftaktveranstaltung am Freitag abend unter den besonderen Umständen der gewohnte ganz große Andrang ausblieb. Am Thema und den Gästen der Podiumsdiskussion wird es nicht gelegen haben: Peter Wahl (ATTAC), Aert van Riel (ND-Redakteur) und der Autor Volkmar Wölk verhandelten »Gegenwart und Zukunft des Konservativismus«. Sie untersuchten den rechten Rollback ebenso wie die Schnittstellen zur AfD.

»Das Publikum ist jünger und weiblicher geworden«, wird Raphael Fleischer vom Organisationskomitee am Sonntag nachmittag gegenüber jW bilanzieren. Und »zahlreicher als gedacht«, ergänzte er insbesondere mit Blick auf einige Veranstaltungen, bei denen man die Nutzung der gewohnten zusätzlichen Plätze auf Fensterbänken und Fußboden unterbinden musste. Sonst wäre man etwa bei einer Lesung zum Thema »Arbeitskonflikte und Geschlechterkämpfe« (Verlag Westfälisches Dampfboot) auf mehr als hundert Besucher gekommen. Mehr als 50 Interessierte kamen auch zu Veranstaltungen wie »Wohnkonzerne enteignen!« (Mandelbaum-Verlag), in der Philipp Metzger über das Profitstreben von Konzernen wie Deutsche Wohnen referierte. Derweil wartete die Wochenzeitung Unsere Zeit mit einer Hybridveranstaltung auf: Hier war Max Zirngast live aus dem Grazer Rathaus zugeschaltet, um darüber zu berichten, wie die KPÖ »vor wenigen Wochen stärkste Partei der zweitgrößten Stadt Österreichs« wurde.

Etliche Aussteller sahen sich in ihren Sorgen um leichte Umsatzeinbußen bestätigt. Doch am späten Samstag nachmittag zeichnete sich bei den meisten mindestens eine »schwarze Null« ab. Jürgen Repschläger vom Antiquariat Markov äußerte sich ebenso zufrieden wie Mario Pschera (Dagyeli-Verlag), der als »fröhlicher Pessimist« den regen Austausch mit dem Publikum hervorhob. Wer Pschera kennt, weiß: Online-Formate sind seine Sache nicht. Umso präsenter war er in der Veranstaltung »… ihr mit euren Tierschutzvereinen«, in der er aus Anlass von »60 Jahre Anwerbeabkommen mit der Türkei« die Anthologie »Odyssee auf unbefahrenem Meer« vorstellte. Unterdessen präsentierte Karl-Heinz Dellwo mit »Ilhami Akter: Flucht, Verfolgung und Solidarität« (Laika-Verlag) eine gleichsam individuelle wie symptomatische Geschichte von Migration und Verhaftung. Das Thema wurde flankiert von Mesut Bayraktar, der mit »Aydin« (Unrast-Verlag) jüngst einen Roman vorgelegt hat, der »von der gnadenlosen Klassengewalt in der BRD, von Scham, Trauer, Wut, dem Besiegtsein und dem Widerstand dagegen« erzählt.

Bis zu fünf Lesungen fanden parallel statt. Bereits am Samstag mittag hatte man die Qual der Wahl zwischen Themen wie »Ein Umweltschutz der 99 Prozent« (Milo Probst), »Antisemitismus im Dritten Reich« (Ulrich Schneider), den Erzählungen eines chilenischen Arbeiters über die Zeit Allendes und Pinochets (Orlando Maradones) oder »Organizing und soziale Kämpfe in Zeiten des Zorns« (Slave Cubela). Der Zuspruch eines sichtbar ausgehungerten Publikums hielt bis zum frühen Sonntag nachmittag an, als Gerd Schumann (»Kaiserstraße«) und Werner Ruf (»Vom Underdog zum Global Player«) deutsche Großmachtambitionen in Geschichte und Gegenwart aufs Tapet brachten.

Der westlichen Kriegspolitik etwas entgegenzusetzen: Auch diese Überzeugung einte die Messe. »Wir sehen uns in Berlin, zur Rosa-Luxemburg-Konferenz«, war beim Abbau denn auch mehrfach zu hören. Und ohnehin: nächstes Jahr wieder Nürnberg.

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  • Leserbrief von Rainer Knirsch, Die Buchmacherei (10. November 2021 um 11:45 Uhr)
    Den kleinen Berliner Verlag »Die Buchmacherei« vertrete ich auf der Nürnberger »Linken Literaturmesse« kontinuierlich seit 2012. Unser großes rotes Verlags-Banner zu übersehen, direkt neben dem gemeinsamen Bücherstand mit »Mandelbaum«, wird wohl nicht jedem passieren. (Die Gestaltung des Büchertischs mit unseren Titeln wurde sogar von einem Kollegen des jW-Aktionsbüros vor Ort gelobt; der aber wurde offenbar nicht befragt.) An den 50 Veranstaltungen konnten – bei drei Lesungen – coronabedingt leider nicht alle Besucher:innen teilnehmen. Bei einer waren es circa zehn Leute, nachdem alle 50 Sitzplätze belegt waren (der Messeleitung ist das aufgefallen). Es betraf unseren Titel »China. Ein Lehrstück«, vorgestellt von der Autorin Renate Dillmann; ein auch in Nürnberg sehr nachgefragtes Buch. Schade, dass wir unbeachtet blieben. Hätte ja auch anders sein können.

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