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Aus: Ausgabe vom 09.11.2021, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Supermärkte

Leere Regalmeter

Lieferengpässe und hausgemachte Probleme setzen nun auch dem Lebensmittelhandel zu. Preise steigen weiter an
Von Ralf Wurzbacher
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Künftiger Konsumalltag auch hierzulande: Auslagen, die nichts hergeben

Sind leere Regale in Supermärkten bald nicht nur ein Ärgernis der »Brexit-Briten«? Aktuell verdichten sich die Hinweise, wonach eine ganze Reihe an Produkten in den kommenden Wochen und Monaten auch in Deutschland nur schwer, zu überteuerten Preisen oder gar nicht mehr zu haben sein werden. Beim Kauf eines Autos oder Fahrrads müssen sich Kunden schon heute mitunter ein halbes Jahr gedulden, bis der Händler grünes Licht gibt. Bei wichtigen Bauteilen wie Halbleitern oder Schaltungen hakt es seit längerem gewaltig im internationalen Warenverkehr. Die zeitweise Sperrung der chinesischen Seehäfen Yantian und Ningbo aufgrund örtlicher Coronaausbrüche im Sommer, selbst die sechstägige Blockade des Suezkanals durch ein havariertes Frachtschiff im März hinterlassen bis heute Spuren.

Aber das ist womöglich nur ein Vorgeschmack auf Unannehmlichkeiten, die demnächst buchstäblich ans Eingemachte gehen könnten. Wie am vergangenen Freitag die Lebensmittelzeitung berichtete, haben inzwischen auch Ketten wie Edeka und Rewe ebenso wie die einschlägigen Discounter erhebliche Schwierigkeiten, ihre Läden in gewohnter Weise zu bestücken. Mehrere Großhändler hätten sich über Versorgungsprobleme beschwert, schrieb das Blatt und zitierte aus einem Schreiben der zu Rewe gehörenden Lekkerland-Gruppe, in dem von »anhaltenden Engpässen und Ausfällen auch bei großen Herstellern« wie Coca-Cola, Ferrero, Lorenz Bahlsen, Mars und British American Tobacco die Rede ist. Auch Selgros Cash & Carry, eine Tochter des schweizerischen Coop-Konzerns beklage eine »angespannte« Warenverfügbarkeit und Lieferfähigkeit der Industrie.

In dem Beitrag wird ein Edeka-Topmanager wiedergegeben, der das Aufrechterhalten der Warenverfügbarkeit als einen »täglichen Kampf« beschrieben habe. Zwar werde es »keine flächendeckend leeren Regale« geben, es müsse aber durchaus mit »Fehlstellen im Sortiment« gerechnet werden. Bei den führenden Billigversorgern Aldi und Lidl soll es aktuell noch keine Einschnitte bei Mehl, Nudeln oder Fleisch geben. Allerdings hakt es bereits bei der Versorgung mit Non-Food-Produkten wie Elektronikgeräten, Haushaltswaren und Bekleidung. Verschoben werden musste deshalb auch die Auslieferung der zweiten Auflage der Modekollektion »Aldi Original« von Aldi Nord. Lidl allein soll auf mehr als 1.400 Non-Food-Lieferanten aus China angewiesen sein.

Bremsend aufs System wirken in erster Linie die anhaltenden Verwerfungen durch die Dauer der Coronakrise. Durch örtliche Lockdowns geraten Lieferketten immer wieder ins Stocken, es fehlen massenhaft Arbeitskräfte, zudem wird der persönliche Kontakt zwischen Käufern und Lieferanten durch die rigiden Reisebeschränkungen erschwert oder verunmöglicht. Im Reich der Mitte sollen die Prozesse überdies durch Fälle von Stromrationierung beeinträchtigt sein. In einer Mail eines Unternehmens vor Ort hieß es dazu: »Wir wissen wirklich nicht, wie lange das so bleibt. Die kommenden Lieferungen werden sich verzögern.« Vielleicht verhageln die Engpässe dem ohnehin durch die Krise gebeutelten Filialhandel sogar das anstehende Weihnachtsgeschäft. Nach einer jüngsten Studie der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) steht das durchaus zu befürchten. »Die Nachfrage trifft auf Lager, die im wesentlichen durch Unsicherheiten in der Coronapandemie aktuell auf einem niedrigen Niveau liegen«, konstatieren darin die Autoren.

Aber nicht nur mangelnde Rohstoffe und eingeschränkte Transportkapazitäten machen den Unternehmern zu schaffen. Im Bereich Lebensmittelhandel sind die Probleme zum Teil auch hausgemacht. Laut Lebensmittelzeitung haben einige Branchenvertreter in der Coronakrise Personal und Kosten derart reduziert, dass sie angesichts des seit Jahresmitte erfolgten Nachfrageschubs nicht mehr mit der Produktion nachkommen. Verschärfen könnten die Lage aber auch die Verbraucher selbst. Zeitungsberichten zufolge sollen sich bereits wieder erste Tendenzen von Hamsterkäufen zeigen. Das sorgt nicht nur für Frust bei den Zukurzkommenden, sondern treibt die ohnehin horrend hohen Preise für den kulinarischen Tagesbedarf noch weiter in die Höhe.

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