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Aus: Ausgabe vom 09.11.2021, Seite 6 / Ausland
Palästina

Ermordet mit 13 Jahren

Antisiedlungsproteste Westbank: Junger Palästinenser stirbt nach Schüssen der israelischen Armee
Von Emre Şahin
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Trauer und Wut: Bewaffnete tragen am Samstag die Leiche Daadas’ während einer Trauerfeier in Askar Al-Dschadid

Die Besetzung Palästinas fordert ihr nächstes Opfer: Am Samstag trauerten Hunderte bei einem Protestzug im Dorf Deir Al-Hatab bei Nablus um Mohammed Daadas. Der 13jährige war tags zuvor im Krankenhaus Nablus seinen Verletzungen erlegen, nachdem ihm Soldaten der israelischen Streitkräfte (IDF) in den Bauch geschossen hatten. Wie in den Wochen zuvor protestierten am Freitag die Bewohner Deir Al-Hatabs gegen illegale jüdischen Siedlungen in der Nähe des Dorfes. Laut Times of Israel, das auf »palästinensische Berichte« Bezug nahm, versuchte die Armee, mittels Tränengas, Blendgranaten und scharfem Feuer die Demonstration aufzulösen, und erschoss dabei den Jugendlichen.

Die IDF erklärten, die Streitkräfte hätten auf »Unruhen« in der Nähe der israelischen Siedlung Alon Moreh reagiert. »Während der Unruhen warfen Randalierer Steine auf israelische Soldaten. Die Truppen reagierten mit Mitteln zur Auflösung der Unruhen und mit scharfem Feuer«, sagte ein Sprecher am Freitag Times of Israel zufolge. Die Armee werde Berichte über einen palästinensischen Verletzten prüfen, hieß es weiter.

Nach Angaben des Palästinensischen Roten Halbmonds sind es jedoch weit mehr als nur »ein Verletzter«: 71 Menschen seien bei den Protesten vom Wochenende verletzt worden, so die Organisation. Zudem habe es zwei weitere Verletzte im Dorf Beita gegeben, dessen Bewohner seit Monaten gegen die Errichtung eines Siedlungsaußenpostens Widerstand leisten. Die Proteste vom Freitag ereigneten sich nur wenige Tage nach Israels Ankündigung, den Bau von 3.000 neuen Häusern für jüdische Siedler im Westjordanland voranzutreiben. Zwar hatte Tel Aviv erklärt, auch 1.300 Wohnungen für Palästinenser bauen zu wollen, doch das dient wohl lediglich dazu, die Kritik an den neuen völkerrechtswidrigen Siedlungen abzuschwächen.

Gegenüber dem Onlineportal Middle East Eye erklärte am Sonntag Reyad Daadas, Angehöriger des verstorbenen Mohammed, die Familie habe mit ihm insgesamt »neun Märtyrer« verloren, und er werde nicht der letzte sein, »solange es die Besetzung gibt«. Mohammed Daadas’ Vater rief dazu auf, Druck auf Israel auszuüben, damit es die »Verbrechen« gegen das palästinensische Volk einstellt, berichtete The New Arab am Samstag. Ähnlich auch die Erklärung des palästinensischen Premierministers Mohammed Schtaja, der die Ermordung von Daadas ein »abscheuliches Verbrechen« nannte. Zudem rief er die »internationale Gemeinschaft« dazu auf, Israels Politik zu verurteilen.

Dort herrscht, wie gewohnt, großes Schweigen, oder es werden gängige Erklärungen abgegeben. So teilten die USA Ende Oktober anlässlich des angekündigten Siedlungsbaus – des ersten, seit der Präsidentschaft Joseph Bidens – lediglich mit, sie seien »zutiefst besorgt« über den Plan der israelischen Regierung, »Tausende von Siedlungseinheiten voranzutreiben, viele davon tief im Westjordanland«.

Generell tat sich seit dem Wahlsieg Bidens im Januar wenig in den Beziehungen zwischen den USA und den Palästinensern. Zwar hatte Außenminister Antony Blinken zugesagt, das US-Konsulat im palästinensischen Ostjerusalem wiederzueröffnen – Expräsident Donald Trump hatte die De-facto-Botschaft schließen lassen. Jedoch kommt es weiter zu Verzögerungen, weil Tel Aviv sein Veto gegen die Wiedereröffnung eingelegt hat. Am Samstag erteilte Israels rechter Premier Bennett Naftali dem Vorhaben erneut eine Absage: »Es gibt keinen Platz für ein weiteres amerikanisches Konsulat in Jerusalem«, denn Jerusalem sei die Hauptstadt eines Staates, »und das ist der Staat Israel«, so Bennett.

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