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Aus: Ausgabe vom 09.11.2021, Seite 3 / Schwerpunkt
Antikommunistische Provokation

Umsturz geplant

Kubanischer Agent deckt auf: Protestaufruf für 15. November ist Teil US-finanzierter Regime-Change-Bemühungen gegen Havanna
Von Volker Hermsdorf
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Trotz gegenteiliger Behauptungen: Auch die geplanten Proteste sind Teil einer US-Kampagne (New York, 17.7.2021)

Der 1982 in Holguín geborene Dramaturg Yunior García Aguilera wirkt freundlich, friedfertig und eloquent. Bei jeder Gelegenheit erklärt der Mitgründer der Facebook-Seite »Archipiélago«, mit dem Aufruf zu neuen Protesten in Kuba am 15. November suche er lediglich »nach zivilen, demokratischen Wegen, um unsere Konflikte zu lösen«. Warnungen, dass es gegen Gesetze verstoße, wenn er und seine Unterstützer die sozialistische Verfassung der Inselrepublik beseitigen wollten, weist García als »diffamierende und manipulierende« Unterstellung zurück. »Der Vorwurf, dass wir Verbindungen in die USA haben und von dort finanziert werden, ist absolut falsch«, beteuerte der bis vor einigen Wochen noch unbekannte Systemgegner am 28. Oktober in einem Exklusivinterview der Taz. Vier Tage später enthüllte der Undercoverermittler Carlos Vázquez González im kubanischen Fernsehen, dass der sich harmlos gebende junge Mann in Wahrheit seit Jahren als politischer Agent im Dienste der USA tätig ist.

Vázquez González, ein in Kuba angesehener Facharzt für Allgemeinmedizin und Spezialist für Onkologie, erklärte, dass er sich seit 25 Jahren unter dem Decknamen »Fernando« für die Spionageabwehr seines Landes engagiert. Er berichtete, dass García Aguilera Anfang 2018 zu einer Veranstaltung des Projektes »Time for Change« (Zeit für Wandel) nach Buenos Aires gereist und dort mit der Professorin Rut Diamint sowie deren Kollegin Laura Tedesco vom Ableger der US-amerikanischen Saint Louis University in Madrid (SLU-Madrid) zusammengetroffen war. Die Akademikerinnen gehören zum Internetportal »opendemocracy.net«, das unter anderem von der an zahlreichen sogenannten Farbenrevolutionen beteiligten »Open Society Foundation« des US-Milliardärs George Soros gegründet wurde. Sie veröffentlichten dort in den vergangenen Jahren mehrere »Studien« über angebliche Menschenrechtsverletzungen in Kuba und initiierten ein subversives Projekt mit dem Titel »Dialogue on Cuba«.

Im September 2019 wurde García Aguilera zu einem Workshop der SLU-Madrid für kubanische Journalisten, Historiker, Künstler und Ärzte in die spanische Hauptstadt eingeladen, an dem auch der Undercoveragent »Fernando« teilnahm. Zentrales Thema der zweitägigen Konferenz war die »Rolle der kubanischen Streitkräfte für einen demokratischen Übergang in Kuba«. Zur Eröffnung hatte Spaniens früherer sozialdemokratischer Ministerpräsident Felipe González die Teilnehmer ermutigt, »die Hoffnung auf einen Wandel« nicht aufzugeben.

Es folgten »Vorträge hochkarätiger Redner über die Rolle des Militärs in Zeiten des Wandels, das militärische Management, die Rolle der Streitkräfte bei der Rückkehr zur Demokratie sowie über Strategien zur Verbesserung des Dialogs im besonderen Fall Kubas«, heißt es in einem Bericht auf der Internetseite der SLU-Madrid vom 13. September 2019. Dabei ging es auch darum, Kontakte zu Angehörigen und ehemaligen Mitgliedern der Fuerzas Armadas Revolucionarias de Cuba (FAR) zu knüpfen, die »offen für Veränderungsprozesse« sind. Wie Vázquez González (Agent »Fernando«) berichtet, haben neben dem früheren stellvertretenden Verteidigungsminister Chiles, Marcos Robledo, auch mehrere Generäle an der Tagung teilgenommen. Als prominentester Systemgegner aus Kuba war Manuel Cuesta Morúa, ein Mitbegründer der von den US-Diensten USAID und NED finanzierten Oppositionsgruppen »Arco Progresista« und »Otro 18« eingeflogen worden.

Das Hauptreferat hielt Tedescos Ehemann Richard Youngs, ein Experte des in Washington ansässigen Thinktanks »Carnegie Endowment for International Peace«. Youngs warb für »neue Formen des bürgerlichen Aktivismus«. Er vertrat »eine Philosophie, die die Etablierung eines fundamentalistischen und privatisierenden Kapitalismus anstrebt und sich dabei die Unzufriedenheit der Bevölkerung zunutze macht«, erinnert sich Vázquez González. Als erfolgreiche Beispiele habe er Länder wie Venezuela, Nicaragua und Bolivien angeführt. Youngs forderte die Teilnehmer dazu auf, in Kuba »ein Gefüge von Organisationen zu schaffen, die bei Bedarf mobilisieren und das Bewusstsein für demokratische Grundsätze bei einer größeren Anzahl von Bürgern fördern können«.

Laut Agent »Fernando« war dieser Workshop Teil eines Projekts, das von Organisationen, die von den Vereinigten Staaten finanziert werden, in verschiedenen Teilen der Welt durchgeführt wird, um die Errungenschaften der Kubanischen Revolution zunichte zu machen. Im Falle von García Aguilera, dessen Aktivitäten und enge Verbindungen zu den vom Ausland aus gegen Kuba agierenden US-Akteuren er über Jahre miterlebt hat, ist sich der Mediziner sicher. »Yunior sucht die Konfrontation mit den Streitkräften und dem Innenministerium«, warnte Vázquez González am Montag vergangener Woche in der Parteizeitung Granma.

Während die Taz und andere deutschsprachige Medien trotz alledem verbreiten, dass García und seine Unterstützer nichts weiter als »friedliche Proteste« vorbereiten, kam der schottische Journalist Alan MacLeod, Mitglied der renommierten Glasgow University Media Group, nach Analyse der Fakten zu einer gegenteiligen Einschätzung. »Was hier organisiert wird, scheint eine Farbenrevolution im kubanischen Stil zu sein – der vom Westen unterstützte Versuch eines von Bürgern angeführten Regimewechsels«, schrieb MacLeod am Montag vergangener Woche in einem Beitrag für das US-amerikanische Onlineportal Mintpress News.

Hintergrund: Zielsetzung ist klar

Nirgendwo sei »die Rede davon, dass wir das sozialistische System in Frage stellen«, erklärte Yunior García Aguilera am 28. Oktober in der Taz, ohne dass die Zeitung nachfragte. Dabei hatte Juan Gonzalez, Berater des US-Präsidenten, der von García betriebenen Onlineplattform »Archipiélago« erst sechs Tage zuvor versichert, »die Stimme des kubanischen Volkes, das den Wandel will, zu unterstützen, zu fördern und zu stärken«. Die US-Botschaft in Havanna bezeichnete die Demonstration, zu der »Archipiélago« für den 15. November mobilisiert, am Donnerstag per Twitter ebenfalls als »Marsch für den Wandel«. Am selben Tag zitierte der US-Propagandasender Radio and TV Martí den kubastämmigen Senator Robert Menendez mit dem Lob, García organisiere den »Ruf des Volkes nach einem Regimewechsel«.

Auch ein Telefongespräch zwischen García und dem in Miami lebenden Ultrarechten Ramón Saúl Sánchez Rizo bestätigt die Zielsetzung der angekündigten »Proteste«. Sánchez, ein Aktivist der paramilitärischen Gruppen »Alpha 66« und »Omega 7« sowie der vom FBI als »terroristisch« eingestuften Organisation CORU (Coordinadora de Organizaciones Revolucionarias Unidas), hatte darin seine »volle Unterstützung« für die »Märsche« am 15. November zugesichert.

Dass dieser Kontakt kein naiver Ausrutscher war, belegt ein weiteres Telefonat, das García mit Orlando Gutiérrez-Boronat, dem Leiter des vom US-Außenministerium und der US-Agentur für Internationale Entwicklung (USAID) finanzierten »Directorio Democrático Cubano«, führte. Gutiérrez-Boronat hatte im Dezember 2020 »eine internationale Intervention unter Führung der Vereinigten Staaten zum Sturz dieses Regimes« gefordert. Mit Johnny López de la Cruz, dem Chef des Veteranenvereins der CIA-Söldnertruppe »Brigada 2506«, die 1961 bei einem Invasionsversuch in der Schweinebucht für den Tod von 176 Kubanern, über 300 Verletzten und mehr als 200 Tote auf seiten der Aggressoren verantwortlich ist, erklärte ein weiterer Terrorist seine Unterstützung für García Aguilera. (vh)

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Josie M. aus 38448 Wolfsburg ( 9. November 2021 um 12:13 Uhr)
    Vielen Dank, Volker Hermsdorf und jW, für diesen informativen Artikel, dessen Inhalt allerdings wieder einmal absolut bestürzend ist. Und wieder tut sich natürlich auch die sich »linksdemokratisch« gebende Taz damit hervor, subversive, aus entsprechenden US-Fonds bezahlte Kräfte »reinzuwaschen« – wie schon seinerzeit die subversiven Aktivitäten einer Yoani Sanchez. Die Liste ist mittlerweile lang. Immerhin »kam der schottische Journalist Alan MacLeod, Mitglied der renommierten Glasgow University Media Group, nach Analyse der Fakten zu einer gegenteiligen Einschätzung. ›Was hier organisiert wird, scheint eine Farbenrevolution im kubanischen Stil zu sein – der vom Westen unterstützte Versuch eines von Bürgern angeführten Regimewechsels‹, schrieb MacLeod am Montag vergangener Woche in einem Beitrag für das US-amerikanische Onlineportal Mintpress News.« Für mich ist die drängende Frage: Wie erreicht man mehr international anerkannte Persönlichkeiten, die in die Mainstreampresse vordringen, um diese ständige Berichterstattung zuungunsten des ohnehin gebeutelten Kubas nicht nur in Frage stellen, sondern es als beispielhaftes makrosystemisch angelegtes Zerstörungselement zu entlarven, das uns auf diesem Planeten alle betrifft, auch wenn die Karibikinsel zwar geographisch im Hinterhof der USA, aber jenseits des Horizonts der »täglichen Sorgen« liegt? Immerhin gibt es doch auch in den USA progressive Bewegungen wie »Code Pink« bzw. »Medea«, die den »Finger in die Wunde legen«, und sicher noch andere junge Leute wie innerhalb von »Fridays for Future«, mit denen man sich international verbünden kann.
    Josie Michel-Brüning, Wolfsburg

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