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Aus: Ausgabe vom 09.11.2021, Seite 2 / Inland
Bronzeplatte gestohlen

»Dieser Ort steht im Fokus von Neonazis«

Die Gedenkstätte für die illegale KPD-Tagung 1933 in Ziegenhals bei Berlin wurde geschändet. Ein Gespräch mit Max Renkl
Interview: Nico Popp
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Teilnehmer einer Kundgebung am Gedenkstein in Ziegenhals (19.8.2018)

Seit Mitte Oktober ist die Bronzeplatte des 2013 eingeweihten Gedenksteins verschwunden, mit dem an die illegale Tagung des Zentralkomitees der KPD im Februar 1933 in Ziegenhals südöstlich von Berlin erinnert wird. Die zuständige Polizeidirektion in Cottbus behauptete in einer Pressemitteilung zunächst, hier seien »Buntmetalldiebe« am Werk gewesen. Auf Nachfrage von jW wollte die dortige Pressestelle nicht erläutern, wie man auf diese Idee gekommen ist. Nun ermittele der Staatsschutz, da »eine politische Motivation für die Handlung nicht ausgeschlossen« werden könne. Wie ordnen Sie den Diebstahl ein?

Dass nun der Staatsschutz ermittelt, ist ein Fortschritt gegenüber der ersten Mitteilung, in der einfach behauptet wurde, dass die Täter Buntmetalldiebe waren. Wir gehen von einer politisch motivierten Tat aus. Das ist – abgesehen von dem Abriss der ursprünglichen Gedenkstätte 2010 – die dritte Schändung seit 1990, die wir in Ziegenhals wahrnehmen. Einmal wurde die vor der alten Gedenkstätte aufgestellte Büste Ernst Thälmanns in den Krossinsee geworfen, wo sie von Tauchern wiedergefunden wurde. Später verschwand die Büste und tauchte nie wieder auf. Auch damals sprach die Polizei übrigens von Buntmetalldieben. Und erst im August wurde im Gamengrund östlich von Berlin eine Gedenktafel gestohlen, mit der an ein illegales Treffen von Antifaschisten im August 1941 erinnert wurde. Ähnlich wie in Ziegenhals ist das eine abgelegene, fast versteckt liegende Gedenkstätte. Da muss man als Buntmetalldieb schon sehr gut recherchieren, wenn man es auf diese Tafeln abgesehen hat.

Hat der Freundeskreis der Gedenkstätte eigene Erkenntnisse zu dem Diebstahl?

Wir haben mit Anwohnern Kontakt aufgenommen. Aber dabei ist nicht viel herausgekommen. Und auch die Spuren vor Ort konnten wir mit unseren Mitteln nicht weiter interpretieren. Die Tafel ist mit einer Art Hebel herausgerissen worden. Von den Aufhängungen war nichts mehr vorhanden. Wir wissen, dass dieser Ort im Fokus von Neonazis steht. Bei den drei Kundgebungen, die wir jährlich in Ziegenhals durchführen, tauchen – zuletzt war das 2019 der Fall – hin und wieder Rechte auf, um zu fotografieren und zu provozieren.

Wie gehen Sie kurz- und mittelfristig mit dem Diebstahl um?

Die Antwort auf die Schändung und Zerstörung der Gedenkstätte im Jahr 2010 war, dass sich in Königs Wusterhausen ein Bündnis gegründet hat, an dem der Kreisverband Dahme-Spreewald der Linkspartei, unser Freundeskreis, die VVN und viele andere Organisationen beteiligt waren. Das Ziel war, einen Gedenkstein zu errichten und dafür Spenden zu sammeln. Dafür wurde ein Konto eingerichtet. Es sind noch Spendengelder von damals übrig. Es wurde bereits eine neue Tafel in Auftrag gegeben, die aus diesen Mitteln finanziert und möglicherweise noch in diesem Jahr angebracht werden kann. Vorgesehen ist, dass wir die neue Tafel gemeinsam der Öffentlichkeit übergeben und im Februar offiziell einweihen.

Kann es sein, dass sich die Auseinandersetzungen um Denkmäler und Gedenkstätten mit Bezug zur KPD wieder zuspitzen? In Berlin eskalierte zuletzt die Debatte um die historische Kommentierung des Thälmann-Denkmals an der Greifswalder Straße, weil es einzelnen Beteiligten dabei nicht antikommunistisch genug zuging.

Ja, das ist schon unser Eindruck. Von ganz rechts werden diese Gedenkstätten immer wieder angegriffen. Aber auch die Debatte um die historische Kommentierung des Berliner Denkmals zeigt, dass da weiterhin sehr viel Zündstoff drin ist und von bürgerlicher Seite wieder verstärkt versucht wird, alles auszulöschen, was mit der KPD und der revolutionären Arbeiterbewegung zu tun hat. Bei der künstlerischen Kommentierung, die am 18. November eingeweiht werden soll, ist interessant, wie schnell auf einmal Geld dafür da ist. Wir als Freundeskreis haben zusammen mit dem Aktionsbündnis Thälmann-Denkmal das Denkmal seit zwanzig Jahren immer wieder gereinigt. Und wir haben gefordert, dass der Bezirk das regelmäßig macht und zum Beispiel durch das Einschalten der Scheinwerfer dafür sorgt, dass das Denkmal nicht immer wieder neu besprüht werden kann. All das wurde immer mit Verweis auf fehlende Haushaltsmittel abgelehnt. Nun werden fast 200.000 Euro für die Kommentierung eines Denkmals ausgegeben, für dessen Pflege angeblich nie Geld da war.

Max Renkl ist Sprecher des Freundeskreises Ernst-Thälmann-Gedenkstätte Ziegenhals e. V.

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  • Leserbrief von Eva Ruppert, Freundeskreis ETG e. V. aus Bad Homburg (10. November 2021 um 11:59 Uhr)
    Als ich heute morgen, wie gewohnt, die junge Welt aufschlug, fand ich auf Seite 2 nicht, wie erwartet, einen Beitrag zur Novemberrevolution 1918, sondern die Nachricht von einer erneuten Schändung der Ernst-Thälmann-Gedenkstätte in Ziegenhals. Der Vorsitzende des »Freundeskreises ETG« berichtet im Interview, dass seit Mitte Oktober die Bronzeplatte auf dem 2013 eingeweihten Gedenkstein zur Erinnerung an die letzte Tagung des ZK von 1933 mit Thälmann im Sporthaus Ziegenhals am Krossinsee verschwunden ist. Bei dieser »illegalen« Tagung hatte Thälmann zum letzten Mal vor seiner Verhaftung durch die Nazis alle Antifaschisten – Kommunisten, Sozialdemokraten und Christen – leidenschaftlich zum gemeinsamen Widerstand gegen die gerade installierte Naziregierung und den schon beschlossenen Krieg aufgerufen. 2010 war die authentische Gedenkstätte im damaligen Sporthaus Ziegenhals, die mit Hilfe undurchsichtiger Machenschaften bei einer Auktion »verscherbelt« worden war, gegen massenhaften Protest – nach behördlicher »Aufhebung des Denkmalschutzes« abgerissen worden. Seit jener Zeit findet auf dem Gelände dreimal im Jahr eine Gedenk- und Protestveranstaltung mit namhaften internationalen Rednern statt: am
    7. Februar (illegale Tagung), am 15. April (Geburtstag Thälmanns) und am 18. August (Ermordung in Buchenwald). 2013 wurde der Gedenkstein mit der Bronzeplatte, der mit Hilfe von Spendengeldern hergestellt worden war, in Ziegenhals eingeweiht. Die Entwendung der Bronzeplatte ist ein neuer antikommunistischer Anschlag, der nicht ohne politische Konsequenzen bleiben darf.
    Auch das große Thälmann-Denkmal des sowjetischen Bildhauers Lew Kerbel an der Greifswalder Straße wird immer wieder durch Schmierereien geschändet. Nun soll am 18. November das Denkmal »historisch kommentiert« werden. Man darf gespannt sein, wie eine solche unnötige und kostspielige »Kommentierung« ausfällt. Sind es »nur« Neonazis, die für die Schändung von Gedenksteinen bzw. Denkmälern verantwortlich gemacht werden können? Der Tagesspiegel vom 3. Mai nennt in einem »Gastbeitrag« (Klaus Schröder) Thälmann »einen Gegner der Demokratie, der den bürgerlichen Staat zerschlagen wollte«. Nein, nicht nur Neonazis oder sogenannte Rechtsextreme sind am Werk bei der ideellen und/oder materiellen Zerstörung antifaschischistischer Gedenkstätten,
    der Antikommunismus ist tief in dieser BRD verwurzelt, er wird nicht nur politisch geduldet, sondern sogar medial unterstützt.

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