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Aus: Ausgabe vom 06.11.2021, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Homogenisiert

Von Arnold Schölzel
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Als »Magnet des Vergessens, als gebaute Demenz« bezeichnete der Journalist Matt Aufderhorst am 6. Oktober in Deutschlandfunk Kultur die für 680 Millionen Euro im Berliner Zentrum errichtete Schlossattrappe. Die Ausstellungsführer des »Humboldt-Forum« getauften Monstrums verzichteten »allen Ernstes« auf Vokabeln wie Sklavenhandel, Raubkunst oder Rassismus. Die historische Herkunft des Baus werde »systematisch naiv neonationalisiert«.
Der Besucher ahnte nicht, wie wenig naiv das Spektakel ist. Der Publizist und Architekturprofessor an der Universität Kassel, Philipp Oswalt, berichtete am 28. Oktober im Tagesspiegel über einen der Großspender für die Fassade der Bundesraubkunsthalle, den 2016 verstorbenen Berliner Banker Ehrhardt Bödecker.

Der, lässt sich zusammenfassend sagen, machte aus seiner Gesinnung nach 1990 keinen Hehl mehr. Sein braun gefärbter Preußenkult entwickelte sich offenbar parallel zum Aufstieg von NSU, Neuer Rechter und AfD. Daher Ehre, wem Ehre gebührt: In der Schlosskopie werden ein Dutzend Menschen, die mindestens eine Million Euro fürs Imitat gaben, mit Reliefmedaillons geehrt, darunter Bödecker und seine Frau. Laut Oswalt bestritt nun aber, wer hätte das gedacht, Bödecker nicht nur »die Zahl von sechs Millionen Holocaustopfern«, er äußerte auch 2002 Verständnis für den Ausschluss von Juden aus Armee und Verwaltung des deutschen Kaiserreichs. Das sei in dem legitimen Wunsch des Staates nach »Homogenität« begründet. In deutschen Herrschaftsoberstübchen hat ein Staat so zu sein wie der Inhalt von Milchpackungen.

Deutschland und Europa litten laut Bödecker seit 1918 unter dem »talmudischen ›Niemals vergessen‹«. Das Ende des Zweiten Weltkriegs habe zur »Selbstvergottung der Sieger« geführt, die »das politische Ziel der persönlichen Demütigung und Erniedrigung der Deutschen, der Untergrabung unseres nationalen Selbstbewusstseins« verfolgt hätten. Das Elend der Umerziehung in der Nachkriegszeit sei den Juden zuzuschreiben, denn die »Reeducation« der Westalliierten sei »auf den Einfluss der in die USA exilierten, jüdischen Soziologen der Frankfurter Schule« zurückzuführen. Die Vertreibung der Deutschen aus den Ostgebieten »sei von Großbritannien schon 1939 ins Auge gefasst worden«. Einen Völkermord an Herero und Nama habe es nicht gegeben, überhaupt sei das Kaiserreich der »erfolgreichste Staat der deutschen Geschichte« gewesen.

Selbstverständlich wurde Bödecker wegen solchen Gestammels nicht einer medizinischen Behandlung zugeführt, sondern als Gastautor in die Wochenzeitung Junge Freiheit und die Faschistenlehranstalt von Götz Kubitschek, das »Institut für Staatspolitik«, eingeladen. Gemeinsam mit dem Spendensammler für die Schlossfassade, Wilhelm von Boddien, publizierte Bödecker, so Oswalt, »im Jahrbuch der geschichtsrevisionistischen Staats- und Wirtschaftspolitischen Gesellschaft, SWG, die gelegentlich Rechtsradikalen und Holocaustleugnern ein Podium bot«. Außerdem gehörte Bödecker zu den Unterstützern des Wiederaufbaus der Garnisonkirche in Potsdam. Ein ehrenwertes Mitglied der Gesellschaft.
Am Freitag kommentierte Andreas Kilb in der FAZ das Geräusch aus der schwarz-weiß-rotbraunen Rumpelkammer mit: Durch den Fall Bödecker sei »die Bundespolitik« blamiert, »die die Re­konstruktion der Barockfassaden zur Privatsache gemacht hat«. Was wohl in bestem gegenseitigem Einvernehmen geschah.

Die Nachkommen Bödeckers baten inzwischen um die Entfernung der Reliefmedaillons. Am Freitag teilte der Tagesspiegel mit, die Stiftung Humboldt-Forum werde sie »umgehend« abnehmen. Die Beton gewordene Demenz bleibt, passend zum staatlichen Auftraggeber.

Das Elend der Umerziehung in der Nachkriegszeit sei den Juden zuzuschreiben, denn die »Reeducation« der Westalliierten sei »auf den Einfluss der in die USA exilierten, jüdischen Soziologen der Frankfurter Schule« zurückzuführen

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