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Aus: Ausgabe vom 05.11.2021, Seite 15 / Feminismus
Rezension

Gezielt entwertet

»Die Erfindung der Hausfrau«: Evke Rulffes Buch beschreibt Entwicklung geschlechtsspezifischer Arbeitsteilung
Von Ina Sembdner
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Ein Leben für den Mann: Idealbild einer »glücklichen« Hausfrau Mitte des 20. Jahrhunderts

Mittwoch abend im Berliner Bezirk Prenzlauer Berg. Buchpremiere von Evke Rulffes’ »Die Erfindung der Hausfrau«. Die kleine Buchhandlung Uslar & Rai ist gut gefüllt mit – wenig überraschend – mehrheitlich weiblichen Interessierten an dem Werk, das sich an der Entwicklung geschlechtsspezifischer Arbeitsteilung abarbeitet und auf der Dissertation der Kulturwissenschaftlerin Rulffes basiert: »Die angewiesene Frau. Christian Friedrich Germershausens ›Hausmutter‹«.

Was Rulffes dazu brachte, sich mit Haushaltsratgebern aus der Zeit der Spätaufklärung zu beschäftigen und speziell mit dem von Germershausen, ist die Frage, warum »eine Arbeit (die Haus- und Carearbeit) mit einem Geschlecht und dem Familienstand (weiblich und in Partnerschaft/Mutter) verknüpft ist«. Und vor allem, wie sich dieses patriarchale Konstrukt selbstverständlich bis ins 20. Jahrhundert und in großen Teilen bis heute halten konnte.

Die Struktur der im 16. bis Mitte des 18. Jahrhunderts populären sogenannten Hausväterliteratur, die grundsätzlich, wenn auch nicht ausgesprochen an das dem Haushalt vorstehende Ehepaar gemeinsam gerichtet war, durchbrach der Brandenburger Landgeistliche Germershausen 1778. Er veröffentlichte erstmals einen Ratgeber, der sich explizit an »Die Hausmutter in allen ihren Geschäfften« wandte und führte damit die Trennung der Geschlechter in der Anleitungsliteratur ein: Die Frau war von nun an für den als »privat« angesehenen Bereich zuständig, der Mann für den »öffentlichen«. Ganze fünf Bände mit je 800 bis 900 Seiten brachte er dazu zu Papier – und wie Rulffes anmerkt, in den ersten vier erstaunlicherweise in einem Tonfall auf Augenhöhe. Im fünften Band dann, der sich dem Thema Mutterschaft und Erziehung der Töchter widmet, die moralisierende »Verlagerung des gesellschaftlichen Drucks nach innen«. Was in der Praxis dazu führte und führt, stets ein schlechtes Gewissen zu haben, keine »gute Mutter« zu sein.

Der Abend ist gefüllt mit Anekdoten, die Rulffes aus diesem Werk und allgemein aus der Zeit der Aufklärung gezogen hat, in der nicht nur im Bereich Geschlecht »eine Sehnsucht bestand, alles zu kategorisieren«. Die absurden Geschichten verleiten oft zum Lachen, aber beim Blick in die Gegenwart und angesichts der andauernden Wirkmächtigkeit dieser Einordnungen sind sie doch eher zum Weinen. Um nur ein Beispiel zu nennen: Frauen müssen immer beschäftigt sein/werden. Handarbeit stand dabei ganz oben auf der Liste – die als erste deutsche finanziell unabhängige Berufsschriftstellerin geltende Sophie von La Roche habe beispielsweise ihre Schreibutensilien unter einem Berg Handarbeit versteckt, sobald jemand den Raum betrat. Und Musizieren sei zwar prinzipiell in Ordnung gewesen, dem Singen – nebenbei ließen sich andere Dinge erledigen – war jedoch der Vorzug zu geben. Dabei verfestigte sich die Vorgabe im Laufe der Zeit, so dass Gemälde im 19. Jahrhundert selten Frauen ohne Handarbeitszeug zeigten. »Die geforderte ständige Beschäftigung erlaubte die Kontrolle von Zeit und Körper der Frauen«, so das Resümee der Autorin.

Zudem wurde hart daran gearbeitet, bestimmte bis heute vorherrschende Geschlechtsspezifitäten als »naturgegeben« zu definieren. Und wie Rulffes nach dem Studium der entsprechenden Literatur feststellte, brauchten Frauen – dafür, dass die ihnen zugeschriebenen Eigenschaften und Voraussetzungen naturgegeben wären, – »aber relativ viel Anleitung«.

Der Weg wird in Rulffes’ Buch weiter nachvollzogen bis zum Bürgerlichen Gesetzbuch, das die Rolle der Frau in der sogenannten Hausfrauenehe festschrieb – in der BRD erst 1977 durch das Partnerschaftsprinzip ersetzt. Erwähnt, wenn auch leider nicht näher im systemischen Kontext betrachtet, wird von der Autorin an diesem Abend, dass diese unbedingte Unterordnung der Ehefrau unter ihren Mann in der DDR gleich mit der Republikgründung abgeschafft worden war.

Ein wichtiger Aspekt des Buches in bezug auf eine fortgesetzte Wirkmächtigkeit ist im 19. Jahrhundert der Wandel hin zum Konzept der Liebesheirat. Frau ist nun Hausfrau aus Liebe, die patriarchale Struktur dahinter verschwindet, Gegenwehr wird verunmöglicht. Zwar spricht Rulffes immer wieder Strukturen und gesellschaftlichen Kontext an – am Ende bleibt es jedoch beim Plädoyer für »mehr Anerkennung, Geld und Solidarität«. Angesichts eines Systems, das auf der Entwertung von Frauen (und anderen Ausgebeuteten) fußt, wird das jedoch nicht reichen.

Evke Rulffes: Die Erfindung der Hausfrau. Harper Collins Verlag, ­Hamburg 2021, 287 Seiten, 22 Euro

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