75 Ausgaben junge Welt für 75 €
Gegründet 1947 Mittwoch, 19. Januar 2022, Nr. 15
Die junge Welt wird von 2602 GenossInnen herausgegeben
75 Ausgaben junge Welt für 75 € 75 Ausgaben junge Welt für 75 €
75 Ausgaben junge Welt für 75 €
Aus: Ausgabe vom 05.11.2021, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Osteuropa

Paketflut wird umgeleitet

Auslagerung: Um Kosten beim Retourengeschäft zu sparen, macht sich Amazon das innereuropäische Lohngefälle zunutze
Von Hans Stephan
imago0078435307h.jpg
Nonstop: Schuften für Amazon im Lager in Bad Hersfeld

Der Onlineriese Amazon gerät immer wieder in die Schlagzeilen wegen seines Umgangs mit Retouren und dessen negativen Auswirkungen auf die Umwelt. Wie das Unternehmen diesen Bereich organisiert, und welche Ausbeutungsstrategien dahinterstehen, ist allerdings weniger bekannt. Fast alle Retouren werden in speziellen Lagern bearbeitet, die meistens in Osteuropa liegen, wo sich der Konzern das innereuropäische Lohngefälle zunutze macht. Das größte befindet sich in der slowakischen Kleinstadt Sered’ und eröffnete Ende 2017. Amazon verfügte bereits über einen Standort im Bereich des Kundenservices in der Hauptstadt Bratislava. In Sered’ ist man laut Andreas Gangl, Verdi-Vertrauensmann bei Amazon Bad Hersfeld, auf Waren mit dem CE-Kennzeichen wie Elektro- und Haushaltswaren spezialisiert, also auch größere Waren, wie er gegenüber jW erzählt.

Retouren kommen die Onlinehändler vor allem bei großen Waren teuer zu stehen. Eine Studie des Bundesverbands E-Commerce und Versandhandel geht von durchschnittlichen Kosten von zehn Euro pro Wareneinheit aus. Diese Kosten will Amazon durch Auslagerungen minimieren.

So erinnert sich Gangl, wie das Retourenvolumen Stück für Stück geringer wurde. Zunächst gab es ein Lager in Prag, wo Amazon allerdings Probleme hatte, Personal zu finden, weswegen eine neue Niederlassung benötigt wurde. Der Standort in Sered’ beschäftigt heute 1.000 Menschen. Außerdem befindet sich in Katowice in Polen ein weiteres Lager. Parallel dazu ist die Anzahl der Beschäftigten in der Retourenabteilung in Bad Hersfeld von 700 im Jahr 2014 auf heute weniger als 150 verringert worden, wobei die Zahl perspektivisch auf 100 sinken soll. Insbesondere bei Kolleginnen und Kollegen, die aufgrund von Vorerkrankungen nicht mehr als Picker arbeiten können und deswegen in der Retourenabteilung sind, geht die Sorge um den Arbeitsplatzverlust um. Zur Lage in Bad Hersfeld meint Gangl: »Wir bekommen ja nur noch gerade so viele Units, dass wir Arbeit haben.« Neben wenigen Kleidungsstücken werden am Standort noch die Retouren von Gefahrgütern und alkoholischen Getränken bearbeitet.

»Wir sind die teuersten Mitarbeiter, die bei Amazon rumspringen, die einfache Tätigkeiten machen«, erzählt Gangl, angesprochen auf das Lohngefälle zwischen der BRD und der Slowakei. Der Einstiegslohn in Bad Hersfeld sei derzeit 12,62 Euro pro Stunde. Die slowakischen Kollegen erhalten 5,80 Euro. Als die Beschäftigten in Deutschland zu Beginn der Pandemie einen Bonus von zwei Euro erhielten, waren es in der Slowakei 1,50 Euro, obwohl die Belegschaften gleichermaßen dem Gesundheitsrisiko ausgesetzt waren. Zu den Löhnen in Sered’ muss hinzugefügt werden, dass sie monatlich schwanken, weil sie von den gearbeiteten Stunden abhängen. Um Überstunden und vor allem unbezahlte Arbeitszeit zu vermeiden, sammeln die Arbeiter je nach Auftragslage Plus- und Minusstunden auf dem Arbeitszeitkonto. Auch der Rückgriff auf Leiharbeiter erhöht die Flexibilität.

Das sind nicht die einzigen Probleme. Daniela Ucnova, Vorsitzende der Gewerkschaft bei Amazon in Sered’, kritisiert die rigide Disziplinarpolitik gegenüber Kollegen, die sich kritisch über das Arbeitsverhältnis äußern. Sie erhielten eine Verwarnung und würden in stressigere Abteilungen verschoben, erklärt sie gegenüber jW. Eine Verwarnung bedeutet auch, dass man den Halbjahresbonus von bis zu 500 Euro nicht erhält. Nach drei Verwarnungen folgt die Kündigung, so die Gewerkschafterin. Sie hat Zweifel, ob das mit dem slowakischen Arbeitsrecht im Einklang steht. Gerichtsprozesse gegen Kündigungen ziehen sich allerdings über Jahre hin. Diese Maßnahmen erzeugten ein Klima der Angst und erschwerten den gewerkschaftlichen Organisierungsprozess.

In Sered’ konnte im Mai 2018 dennoch eine Gewerkschaftsgruppe gegründet werden, mit der Amazon nach slowakischem Recht über Themen wie Arbeitsschutz verhandeln muss. Eine Tarifverhandlung ließ der Konzern jedoch platzen. Noch ist die Gewerkschaft nicht stark genug, um mit einem Streik Druck aufzubauen. Daniela hofft, dass sich das in den kommenden Monaten ändert. Die Unzufriedenheit bei den Beschäftigten sei definitiv da.

Zeitung für Internationale Solidarität

Die junge Welt ist die einzige parteiunabhängige Tageszeitung, die zeit ihres Bestehens gegen Krieg und Faschismus angeschrieben hat. Wenn wir nun unseren 75. Geburtstag feiern, dann möchten wir das zusammen mit unseren Leserinnen und Lesern tun.

Um dieses Jubiläum entsprechend zu würdigen, hat die junge Welt die 75er-Aktion gestartet. Schenken Sie sich, Ihren Lieben und der jW 75 Ausgaben für 75 Euro. Danach endet das Abo automatisch und muss nicht abbestellt werden.

Ähnliche:

  • Die SPD und ihr Finanzminister haben die Beschäftigten dem Niedr...
    02.09.2021

    Amazon muss zahlen

    Gewerkschaft mobilisiert zu Aktionstagen. Prekäre Arbeitsverhältnisse von Lieferanten im Zentrum der Kampagne. SPD-Kanzlerkandidat kommt nicht gut an
  • Engagierte Trucker wissen um ihre Kraft, wenn die Räder stillste...
    26.07.2021

    »Bei Straßenblockade Macht fühlen«

    Billiglöhnerei für deutschen Markt. Lkw-Fahrer des polnischen Amazon-Subunternehmens Demotrans wollen Gewerkschaft gründen. Ein Gespräch mit Dawid Mazur

Regio:

Mehr aus: Kapital & Arbeit