75 Ausgaben junge Welt für 75 €
Gegründet 1947 Freitag, 3. Dezember 2021, Nr. 282
Die junge Welt wird von 2593 GenossInnen herausgegeben
75 Ausgaben junge Welt für 75 € 75 Ausgaben junge Welt für 75 €
75 Ausgaben junge Welt für 75 €
Aus: Ausgabe vom 04.11.2021, Seite 10 / Feuilleton
Literatur

»Der Riss geht oft durch Familien«

Über Anarchismus, Separatismus, Corona und die Frage, was das überhaupt sein soll: ein Spanier. Gespräch mit Hannes Köhler
Von Frank Willmann
imago0075097660h.jpg
»Wer sind das, die Spanier? Die Unterschiede, gerade auch kultureller Art, zwischen Asturien und Andalusien, zwischen Barcelona und einem Dorf in Galizien, sind enorm« (Straßenszene in Kantabrien)

Was, lieber Herr Köhler, zieht Sie regelmäßig nach Spanien?

Meine Partnerin stammt aus Barcelona. Deshalb verbringe ich dort seit elf Jahren immer wieder mehrere Wochen im Jahr, manchmal auch ein paar Monate, wenn die Arbeit es erlaubt.

Ihr neuer Roman »Götterfunken« spielt größtenteils im Barcelona der 70er Jahre und skizziert den Kampf einer anarchistischen Gruppe – Spanier, Franzosen, Deutsche – gegen Franco. Wie kam das Thema zu Ihnen?

Bei einem Abendessen erzählte ein Bekannter zu später Stunde Geschichten aus seiner Zeit in einer anarchistischen Gruppe. Es ging dabei um Füchse auf Dachböden, Banküberfälle und geheime Wege über die Pyrenäen. Das Gespräch lieferte den initialen Impuls für den Roman.

Romane mit starken politischen Themen sind gegenwärtig nicht unbedingt angesagt. Warum trotzen Sie der Mode?

Ist das tatsächlich so? Ich habe eher den Eindruck, dass bei den Autorinnen und Autoren meiner und der jüngeren Generation gerade eine starke Politisierung vonstatten geht. Ob dies von der Kritik immer auch so gesehen und goutiert wird, ist eine andere Frage.

Wie verlief die Recherche? Haben Sie Veteranen des anarchistischen Kampfes getroffen, der Anarchismus hat ja seit dem Spanischen Krieg sehr viele Anhänger, besonders in Katalonien.

Ich habe zum einen viele Texte gelesen. Ich wusste viel über den Bürgerkrieg und auch die Rolle der Anarchisten darin, aber die anarchistische Bewegung Mitte der 70er Jahre, die bis gegen Ende der 70er ein ziemlich starkes Momentum hatte, kannte ich weniger. Und zudem habe ich Gespräche mit Zeitzeugen geführt.

Besonders die Szenen im berüchtigten Knast Modelo gehen unter die Haut. Waren Sie mal drin?

Ja, mehrmals. Ich hatte das Glück, dass sich die Stadt Barcelona auf Druck der Bürger gegen den Abriss des alten Gefängnisses entschied. Eine der Historikerinnen vor Ort hat mir relativ freien Zutritt gewährt und mir viele meiner Fragen beantworten können.

Wie nehmen Sie die gegenwärtigen separatistischen Strömungen in Katalonien wahr? Spüren Sie einen Riss durch alle gesellschaftlichen Schichten, oder wer trägt die Proteste?

Grundsätzlich gibt es in allen Schichten Anhänger und Gegner der Unabhängigkeit. Und die Gemengelage ist sehr komplex. Den Kern der Bewegung macht aber, in meinen Augen, vor allem eine gutsituierte, bürgerliche Schicht aus, die ein finanzielles Interesse an einer Unabhängigkeit hat. Die großen Städte in Katalonien sind eher gegen die Unabhängigkeit, auch weil hier viele Menschen mit Migrationshintergrund leben, die mit dem katalanischen Nationalismus wenig anfangen können, die Dörfer sind eher dafür. Aber der Riss geht eben oft auch durch Familien und Freundeskreise.

Barça oder Espanyol?

Weder noch. Atlético Madrid, durch meine Partnerin.

Was können die Spanier besser als wir?

Wer sind das, die Spanier? Zähle ich die Katalanen dazu? Die Basken? Die Unterschiede, gerade auch kultureller Art, zwischen Asturien und Andalusien, zwischen Barcelona und einem Dorf in Galizien, sind enorm. Was ich im persönlichen Kontakt erlebt habe: eine große Herzlichkeit, Offenheit, eine Bereitschaft, nicht aus falsch verstandener Höflichkeit vor dem Nachfragen, dem offenen Sorgen um jemanden, zurückzuschrecken. Das schätze ich sehr.

Wie lebte es sich in Barcelona – bzw. in Madrid, falls Sie dort gewesen sind – unter der Knute Tante Coronas?

In der Phase mit der kompletten Ausgangssperre im Herbst 2020 waren wir zum Glück nicht in Spanien. Aber an die Familie und Freunde dort musste ich denken, als der Protest in Deutschland gegen die Restriktionen immer extremer wurde. Bei allen Schwierigkeiten, die es hier gab, hätte der Blick über den Tellerrand helfen können, um die eigene Situation besser einzuschätzen. Gleiches gilt auch andersherum: In Spanien waren Kulturinstitutionen wie Theater, Museen und Kinos anschließend durchgehend offen. In Deutschland dagegen hat man alles dichtgemacht, sich offenbar nur um die Wirtschaft gesorgt.

Was hat Ihnen der Anarchismus geschenkt?

Eine Bestätigung in meiner Skepsis gegenüber totalitärer Unterordnung, sei es unter das Kapital oder den Staat.

In welcher Gesellschaftsordnung möchten Sie leben?

Ich tue mich schwer damit, den einen klassischen Ordnungsbegriff für mich zu finden. In einer Demokratie, die nicht mit dem Kapitalismus verheiratet ist? In einem Sozialismus, der nicht einem übermächtigen Staat huldigt? In einem kommunitären Anarchismus, der keine Angst davor hat, seine oberste Organisationsstruktur auch Staat zu nennen? Ich wünsche mir das: eine solidarische Gesellschaft, in der der Sinn für das Gemeinwohl stark ist, aber auch die Bereitschaft, jeder und jedem seine Freiheiten zu lassen. Ich möchte also in der Quadratur des Kreises leben.

Hannes Köhler, geboren 1982 in Hamburg, lebt als freier Autor und Übersetzer in Berlin

Zeitung für das Recht auf Wohnen

Die junge Welt ist die einzige parteiunabhängige Tageszeitung, die Zeit Ihres Bestehens gegen Krieg und Faschismus angeschrieben hat. Wenn wir nun unseren 75. Geburtstag feiern, dann möchten wir das zusammen mit unseren Leserinnen und Lesern begehen.

Um dieses Jubiläum gebührend zu feiern, hat die junge Welt die 75er-Aktion. Schenken Sie sich, Ihren Lieben und der jW 75 Ausgaben für 75 Euro. Danach endet das Abo automatisch und muss nicht abbestellt werden.

  • Leserbrief von Manu Loganey aus Hamburg ( 4. November 2021 um 13:05 Uhr)
    Alle Staatsformen der Utopie haben zu große Fehler. Daher sehe ich das genauso wie der kommunistische Anarchist im Artikel. Wir haben den anarchistischen Kommunismus noch nicht ausprobiert, und dort in Spanien 1936 hatte die POUM zusammen mit der CNT/FAI erhebliche Fortschritte für die Spanier erreicht, mehr als die Volksfrontregierung – gerade wenn man das Buch von Abel Paz liest, wird das deutlich!
    • Leserbrief von Reinhard Hopp aus Berlin ( 5. November 2021 um 09:44 Uhr)
      Utopien, die zu Staatsformen würden, wären keine Utopien mehr, ebenso wie Staatsformen, die in Utopien sich verwandelten, keine Staatsformen mehr wären, da es des Staates fortan nicht mehr bedürfte. Um so mehr aber bedarf es in der gegenwärtigen Realität der Utopien, denn ohne diese keine Hoffnung.

Ähnliche:

  • Republikanische Soldaten während der Maikämpfe, die vom 3. bis z...
    04.05.2017

    Die tragische Woche

    Mitten im Krieg kam es im Mai 1937 in Barcelona zu mehrtägigen Kämpfen ­zwischen Antifaschisten. Die sogenannten Maiereignisse leiteten den Niedergang der einst mächtigen spanischen Anarchisten ein
  • Tatort Pax-Bank in Aachen am 19. November 2014
    24.01.2017

    Anarchisten angeklagt

    Prozessauftakt wegen Überfalls auf Pax-Bank im November 2014 in Aachen
  • Mit »revolutionärem Übereifer&la...
    29.03.2012

    Der falsche Krieg im Krieg

    Vorabdruck: Mai 1937: Aufstand der POUM in Barcelona. Auszug aus »Der Spanienkrieg 1936–1939«

Regio:

Mehr aus: Feuilleton