75 Ausgaben junge Welt für 75 €
Gegründet 1947 Sa. / So., 22. / 23. Januar 2022, Nr. 18
Die junge Welt wird von 2569 GenossInnen herausgegeben
75 Ausgaben junge Welt für 75 € 75 Ausgaben junge Welt für 75 €
75 Ausgaben junge Welt für 75 €
Aus: Ausgabe vom 04.11.2021, Seite 4 / Inland
Tod in Gewahrsam

Mord durch Verbrennen

Neues Brandgutachten im Fall Oury Jalloh erhärtet Verdacht gegen Dessauer Polizisten. Ergebnis legt Einsatz von Brandbeschleuniger nahe
Von Marc Bebenroth
RTRMADP_3_MINNEAPOLIS-POLICE-PROTESTS-GERMANY.JPG
Die mutmaßlichen Täter sind bis heute auf freiem Fuß (Dessau, 11.6.2020)

Die Verweigerung des Staates, den Feuertod von Oury Jalloh am 7. Januar 2005 in einer Dessauer Polizeizelle aufzuklären und die Täter vor Gericht zu stellen, habe die »Initiative zum Gedenken an Oury Jalloh« dazu bewegt, ein weiteres Gutachten in Auftrag zu geben, erklärte Nadine Saeed am Mittwoch in Berlin. Im Rahmen einer Pressekonferenz wurde das Ergebnis der neuen Branduntersuchung präsentiert: Es sei »sehr wahrscheinlich«, dass Jalloh mit einer bestimmten Menge brandbeschleunigender Flüssigkeit übergossen und »absichtlich entzündet« wurde, so der britische Spezialist Iain Peck in seiner am Mittwoch vorgelegten Expertise. Damit wurde die Behauptung der Behörden ein weiteres Mal widerlegt, wonach der damals 36jährige Asylsuchende den Brand – auf einer Matratze liegend und an Boden und Wand der Zelle gefesselt – selbst verursacht haben soll.

Nach einer Schweigeminute für Oury Jalloh führte Peck am Mittwoch durch einen in Kooperation mit dem Künstler Mario Pfeifer erstellten Film. Dieser dokumentiert das von Peck Anfang Oktober durchgeführte Brandexperiment. Für den Versuch war die Zelle Nummer 5 des Dessauer Polizeireviers, in der Jalloh verbrannte, möglichst genau rekonstruiert worden. Um den Verlauf des Experiments filmisch festzuhalten, bestand die vierte Wand des Zellennachbaus aus feuerfestem Glas.

Zunächst wurde ein Bewegungstest durchgeführt. Als Double für Jalloh stellte sich der antikolonialistische Aktivist Renzo de Pablo zur Verfügung, der Peck zufolge sehr ähnliche Körpermaße habe. Hand- und Fußgelenke wurden auf dieselbe Weise an das Podest gefesselt wie bei Jalloh. Aus mehreren Kamerawinkeln zeigt der Film, wie sehr de Pablos Bewegungsmöglichkeit eingeschränkt wurde. Auf der Matratze habe er sich nur unter Schmerzen einige Zentimeter hin und her bewegen können, erklärte er am Mittwoch.

Ein zweites Video dokumentiert den eigentlichen Brandversuch. Dafür habe man auf einen Tierkadaver als Dummy verzichtet, führte Iain Peck aus. Statt dessen habe man aus einem Plastikskelett und zurechtgeschnittenen Fleischteilen eine Figur geformt, die mit dünngeschnittener Tierhaut versehen worden war. Dieser Dummy wurde »so akkurat wie möglich« in der Position plaziert, in der sich Oury Jalloh damals befunden habe, so Peck. Die Figur wurde schließlich in T-Shirt sowie Sporthose gekleidet und mit 2,5 Litern Benzin vorsichtig übergossen. Der Dummy wurde schließlich per Stromimpuls aus der Ferne und bei offener Zellentür entzündet. Nach 30 Minuten wurde das Feuer gelöscht, da die ursprüngliche Untersuchung des Tatorts auf eine etwa so lange Brandzeit schließen lasse.

Die Überreste des Dummys und der Versuchsmatratze wurden mit Videoaufnahmen des Tatortes abgeglichen. Die Brandspuren ähneln denen in Jallohs Zelle auffällig. Man habe die Gegebenheiten in Zelle Nummer 5 so gut wiedergegeben, wie es im Rahmen der Versuchsbedingungen möglich gewesen sei, heißt es in der Stellungnahme des Brandforensikers. Als letzten unbekannten Faktor nannte der Brite Art und Menge der zur Tötung Jallohs eingesetzten Flüssigkeit. In jedem Fall komme aufgrund der großen Ähnlichkeit der Brandschäden zu denen im Polizeirevier nur der Einsatz von Brandbeschleuniger in Frage. Eine Suche in Zelle 5 nach Spuren einer solchen Flüssigkeit habe jedoch nie stattgefunden, betonte Nadine Saeen von der Oury-Jalloh-Initiative. Dabei hätte Peck zufolge jedem Kriminalisten nach dem Zellenbrand der Geruch von Brandbeschleuniger auffallen müssen.

Die Hinterbliebenen von Jalloh sowie die Gedenkinitiative fordern die Wiederaufnahme der Ermittlungen in dem Fall »gegen die Verantwortlichen und die Mörder«. Die Forderung der Familie betrachtet die »Internationale Unabhängige Kommission zum Tod von Oury Jalloh« in einer Stellungnahme vom Mittwoch als »entscheidend für den Schutz der Bürger- und Menschenrechte in Deutschland«. Wegen Strafvereitelung im Amt sei mittlerweile bereits Strafanzeige gestellt worden, teilte Saeed schließlich mit.

Zeitung gegen Profitlogik

Die junge Welt ist die einzige parteiunabhängige Tageszeitung, die zeit ihres Bestehens gegen Krieg und Faschismus angeschrieben hat. Wenn wir nun unseren 75. Geburtstag feiern, dann möchten wir das zusammen mit unseren Leserinnen und Lesern tun.

Um dieses Jubiläum entsprechend zu würdigen, hat die junge Welt die 75er-Aktion gestartet. Schenken Sie sich, Ihren Lieben und der jW 75 Ausgaben für 75 Euro. Danach endet das Abo automatisch und muss nicht abbestellt werden.

  • Leserbrief von Ulrich Guhl aus Strausberg ( 4. November 2021 um 18:19 Uhr)
    Für mich hat der offensichtliche Mord an Oury Jalloh, abgesehen von der Grausamkeit der Tat an sich und der staatlichen Menschenverachtung gegenüber der Familie und den Freunden des Opfers, noch einen anderen, sehr wichtigen Aspekt: Welches Interesse kann ein Staat an der Vertuschung eines Mordes und am Schutz der Mörder haben? Nun – Oury Jalloh war ein Asylsuchender, er kam aus Sierra Leone und verkörperte damit genau eines der rassistischen und sozialen Feindbilder, die in vielen Hirnen deutscher Polizisten spuken. Offenbar waren sich die Täter sicher, mit ihrem Mord ungeschoren davonzukommen. Zu recht! Denn die Mörder sind eben Menschen, deren Beruf der Schutz des kapitalistischen Staates ist! Mal abgesehen davon, dass in dieser BRD das Leben eines Asylsuchenden aus Sierra Leone innerhalb ihrer vielgepriesenen Werteordnung als unbedeutend angesehen wird und sich hier auch ihr tief rassistischer Charakter deutlich zeigt, sendet der Schutz der Mörder Oury Jallohs durch eben diesen Staat eine sehr bedeutsame Botschaft aus: Ich, Euer Staat, stehe hinter Euch! Eure Kaltblütigkeit werde ich nämlich unter Umständen noch brauchen! Es ist kein Zufall, dass unter Polizisten und Bundeswehr-Angehörigen sowie in den Kreisen des KSK ein tiefverwurzelter Hass gegen »Gutmenschen«, »Linksversiffte«, »Grüne« und eben auch Ausländer praktisch bereits zur Stellenbeschreibung zählt. Es ist nicht ausgeschlossen, dass genau dieser Hass irgendwann zum Einsatz kommen soll, wenn in diesem Land soziale Unruhen die Systemfrage aufwerfen. Dafür muss man Staatsschützern ein Gefühl der Sicherheit geben, wenn sie mal ein »klein wenig« über die Strenge schlagen. Menschen, die in der Lage sind, einen Menschen bei lebendigem Leibe zu verbrennen, haben auch kein Problem damit, auf Demonstranten zu schießen, Festgenommene zu verprügeln und zu foltern und nachts in Wohnungen zu stürmen, um deren Bewohner zu verschleppen. Die Opfer müssen nur ihrer Hassprojektion entsprechen. Wir alle können zu Oury Jalloh werden!
    • Leserbrief von Andre’Moussa Schmitz aus Berlin/Neukölln ( 5. November 2021 um 13:53 Uhr)
      Keine Stimme, sei es journalistisch oder bürgerlich, fragt: »Warum wird von den damaligen Polizistinnen und Polizisten niemand suspendiert, warum wird gegen sie kein Verfahren eingeleitet?« Wie es bei jeder anderen Staatsbürgerin und jedem anderen Staatsbürger schon damals geschehen wäre! Was unsere Forderungen unterstreicht! Dazu beweist es, dass niemand an einer Aufklärung interessiert ist, warum denn auch – Ausländer, »Gefangener«, es wird schon keiner über Oury in der »Tagesschau« berichten! Daher wird dieser Fall »ungelöst« bleiben, wenn nicht endlich wir uns solidarisieren. Was den Kampf gegen Fälle von Brand in der Zelle betrifft: Damit sind besonders Gefängnisse gemeint, in denen es bis dato keine Rauchmelder gibt. Hätte es einen gegeben, würde auch Amad noch leben ... ✊
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Ralf S. aus Gießen ( 3. November 2021 um 20:17 Uhr)
    Was man immer dazusagen sollte: Es war keine normale Matratze, sondern eine feuerfeste, weil man natürlich verhindern will, dass genau das passiert, was angeblich passiert sein soll, dass sich nämlich ein Inhaftierter in der Zelle selber verletzen, geschweige denn dass er die Zelle in Brand setzen kann, indem er die Einrichtung anzündet. Außer freilich, man hilft mit 2,5 Litern Benzin nach, dann brennt auch die feuerfeste Matratze lichterloh. Ich frage mich allerdings, ob es klug war, als Versuchsperson einen antikolonialen Aktivisten einzusetzen. Dadurch kann man als Kritiker das Ganze doch sehr einfach in Zweifel ziehen, indem man unterstellt, dass sich die Versuchsperson wohl nicht gerade alle Mühe gegeben haben wird, um die staatliche Version von der Selbstanzündung der Matratze zu bestätigen.

Dieser Artikel gehört zu folgenden Dossiers:

Ähnliche:

Regio:

Mehr aus: Inland