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Aus: Ausgabe vom 03.11.2021, Seite 15 / Antifa
Zwangsarbeit von »Rotspaniern«

Kooperation kaum erforscht

Berlin: Tagung zu spanischen Zwangsarbeitern der Nazis und des Vichy-Regimes. Forschungsbedarf bei Zusammenarbeit zwischen Franco und Hitler
Von Carmela Negrete
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Historische Aufnahme von »Rotspaniern« im südfranzösischen Lager Gurs (undatiert)

Verteidiger der Spanischen Republik, die vom faschistischen Deutschland und dem Kollaborationsregime Vichy-Frankreichs als Zwangsarbeiter eingesetzt wurden, beschäftigen die historische Forschung. Im Rahmen des europäischen Forschungsprojektes »Rotspanier« haben das Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit und die Universität Rovira i Virgili von Tarragona eine Tagung im Berliner Cervantes-Institut durchgeführt. Das Schicksal der rund 50.000 meist spanischen Republikaner und Interbrigadisten, die sich nach dem von 1936 bis 1939 dauernden Krieg im Exil befanden, beschäftigte 15 Experten aus der BRD, Spanien, Frankreich, Portugal und dem Vereinigten Königreich in der vergangenen Woche zwei Tage lang. »Rotspanier« war die abwertende Bezeichnung der Nazis für die spanischen Flüchtlinge. Dabei handelt es sich um ein bisher kaum bekanntes Kapitel der Geschichte, dem in Berlin eine aktuelle Ausstellung im Dokumentationszentrum gewidmet ist.

»Kampf um Entschädigung«

Die Historiker Antonio Muñoz Sánchez und Peter Gaida hatten diese Ausstellung entworfen und nahmen ebenfalls an der Tagung teil. Sie sind die profiliertesten Experten auf diesem Gebiet. Die Forscherin Marició Janué i Miret von der Universität Pompeu Fabra in Barcelona sprach über den »Betrug« an den Spaniern, die angeblich freiwillig in Nazideutschland gearbeitet hatten. Diese mussten demnach nicht nur widrigste Arbeitsbedingungen erleiden, sondern auch Verspätungen bei der Bezahlung.

Ricardo Martínez Vázquez, der Botschafter Spaniens, wies darauf hin, dass es die BRD gewesen sei, »die in den 70er Jahren die ›Rotspanier‹ als Opfer des Nationalsozialismus anerkannt hat«. Dass das keineswegs selbstverständlich war, erklärte Muñoz Sánchez von der Universität von Lissabon. Der Kampf um Entschädigung dauerte Jahrzehnte und war von der Demütigung der Opfer geprägt. In Spanien dagegen wurden bis heute die Opfer von Zwangsarbeit nicht entschädigt, trotz des »Gesetzes für das Historische Andenken«, das dies regelt.

Die Leiterin des Zentrums für Antisemitismusforschung der TU Berlin, Stephanie Schüler-Springorum, sprach zur deutschen Intervention in Spanien mit der Frage im Vortragstitel: »Der Aufbau einer europäischen faschistischen Ordnung?« Die BRD habe »bis heute nicht verstanden, dass ihre Verantwortung für das spanische Leid weit über den Fall Gernika hinaus geht«. Ohne die deutsche und italienische Hilfe hätten die aufständischen spanischen Generäle den Krieg gegen die Republik »vermutlich nicht gewonnen«, sagte sie. Spanien sei erstes europäisches Opfer der »Blitzkriegstrategie« gewesen. Die deutsche Kooperation mit Diktator Franco war auch nach dem Krieg von Bedeutung, um die Opposition zu unterdrücken: »Vertreter der Gestapo waren in Spanien überall präsent.« Diese Kooperation zwischen spanischen und deutschen Polizeibehörden und Geheimdiensten sei kaum erforscht.

Spaniens Erinnerungspolitik

Spanien musste Deutschland mit Rohstoffen versorgen. Emilio Grandío Seoane von der Universität von Santiago de Compostela sprach über die Bedeutung von Wolfram aus Spanien für Nazideutschland. Zurzeit sei dieses Thema hochspannend, weil bislang nicht erschlossene Dokumente frei zugänglich für Historiker seien. Deutschland hatte Wolfram für die Kriegsindustrie traditionell aus China importiert. Allerdings suchte man nach anderen Bezugsquellen und fand diese schließlich meist in Spanien und Portugal.

Der spanische Historiker Xosé Manoel Núñez Seixas von der Universität in Santiago de Compostela schloss mit seinem Beitrag die Tagung ab. Er sprach über die Erinnerungspolitik in Spanien im Vergleich mit anderen europäischen Ländern und ging der Frage nach, ob Spanien bei der Aufarbeitung der Verbrechen sowie in der Erinnerungskultur einen Sonderweg eingeschlagen habe. Eine Frage, die er nicht klar beantwortete. Es gebe eine »Polarisierung«, da die Bewegungen und Parteien links von der sozialdemokratischen PSOE sowie die Vereine der Opfer weiterhin eine »rückwirkende Übergangsjustiz« fordern würden.

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