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Aus: Ausgabe vom 02.11.2021, Seite 15 / Betrieb & Gewerkschaft
Theaterbetriebszulage

Hohe Fallkante

Berliner Finanzverwaltung lehnt Forderung nach gleicher Bezahlung ab. Streik am Konzerthaus Berlin. Musiker proben auf unsicherer Bühne
Von Susanne Knütter
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Solidarität zwischen Kunst und Handwerk: Orchestermusiker spielen Zweitakter auf Streikkundgebung (Berlin, 28.10.2021)

Am Donnerstag legten die Bühnenbeschäftigten des Konzerthauses Berlin erstmals die Arbeit nieder. Die Techniker hätten die Bühne für die morgendliche Konzertprobe vorbereiten, der Bühnenmeister hätte sie freigeben müssen. Ohne die Freigabe seien »alle, die auf der Bühne sind, nicht versichert«, erklärte Bühnentechniker Alan Doan Minh am Donnerstag gegenüber jW. Damit die Zehn-Uhr-Probe dennoch stattfinden konnte, hatte die Orchesterleitung Stühle, Pulte und Licht organisiert. Von der Orchestermanagerin, die sonst für die künstlerische Planung zuständig ist, »wurde erwartet, dass es funktioniert«, sagte Doan Minh. Erst kürzlich war ein Künstler am Bolschoitheater während einer Aufführung verunglückt. Doan Minh bestätigte: »So etwas kann passieren.« Es gebe eine hohe Fallkante, selbst die Bühne könne fallen. Unfallgefahr besteht aufgrund von unbefestigten Leisten, vom Aufbau liegengebliebenen Schrauben, von Fugen und Splittern.

Am Ende konnte die Probe »nur unter Notlicht stattfinden«, wie Verdi-Sekretär Hikmat El-Hammouri am Montag auf Nachfrage berichtete: »Die Bühne war nicht eingerichtet, und die Musiker hatten sich entsprechend selbst notdürftig eingerichtet.« Die Künstler, die mit den Widrigkeiten am Ende umgehen müssen, haben dennoch Verständnis für ihre Kollegen aus der Technik. Auf der Kundgebung vor dem Konzerthaus am Donnerstag spielten zwei Trompeter österreichische Volkstänze. »Wir sind hier, um ein Zeichen der Solidarität zu setzen«, sagte ein Geiger gegenüber jW.

Die Techniker, Orchesterwarte und Kassierer am Konzerthaus, die am Donnerstag mit ihrem Warnstreik die auch sie betreffenden Verdi-Forderungen für die aktuelle Tarifrunde der Länder unterstützten, tragen parallel dazu einen Kampf um die Theaterbetriebszulage (TBZ) aus. Die wird ihnen im Gegensatz zu allen anderen Theatern und Konzerthäusern der Hauptstadt nämlich verwehrt. Sie soll einen erhöhten Arbeitsaufwand ausgleichen. Sie zu haben oder nicht zu haben macht monatlich einen Unterschied von 500 bis 600 Euro brutto aus.

Vor Wochen hatte Verdi die Finanzverwaltung zu Tarifverhandlungen über die TBZ aufgerufen. Nun kam eine Ablehnung. Die Begründung lässt annehmen, es ginge um ein ganz anderes Haus. Demnach verfüge das Konzerthaus nicht über eine Spielfrequenz wie Theater. Die Zahlung der TBZ sei daher nicht gerechtfertigt. Verdi-Sekretär El-Hammouri machte am Donnerstag auf der Kundgebung auf dem Gendarmenmarkt darauf aufmerksam, dass es am Konzerthaus im Vergleich zu den Theatern keine Sommerpause gebe. Die Spielfrequenz sei deshalb noch viel höher.

Am Konzerthaus fänden »stets rein musikalische Darbietungen statt«, heißt es außerdem von seiten der Berliner Finanzverwaltung. Es stelle daher »weder ein Theater noch eine Spielstätte ohne eigenes Ensemble dar«. Die Wahrheit ist jedoch, es finden Theaterstücke statt. Doan Minh verwies auf das Theaterprogramm »Klangküken«, das das Konzerthaus für Kinder anbietet. Im Sommer wurde außerdem die Oper »Der Freischütz« aufgeführt, wobei sogar auf »Artistik und Akrobatik« gesetzt worden sei, so Doan Minh. Ein Blick auf die Philharmonie – auch ein Konzerthaus, wo die TBZ aber gezahlt wird – verdeutlicht das falsche Spiel des Senats.

Sofern Konzerthausbeschäftigte unregelmäßige Arbeitszeiten hätten und auch an Sonn- und Feiertagen im Einsatz seien, könne eine Pauschalierung der Schichtzulagen »auch einzelvertraglich vereinbart werden«. Die Beschäftigten können das nur als Affront deuten. Weihnachten, Silvester, überhaupt an Feiertagen ist Hochbetrieb. Die Kollegen am Konzerthaus arbeiten Früh-, Spät-, Nachtschicht. Oftmals am selben Tag morgens und spätabends. Doan Minh sprach in seiner Rede vor den Kollegen auf dem Gendarmenmarkt von internationalen Konzertreisen, auf denen die gesetzliche Höchstarbeitszeit von elf Stunden am Tag nichts gelte. Und El-Hammouri erinnerte an frühere Verhandlungen mit der Finanzverwaltung. Eine einzelvertragliche Lösung sei bereits diskutiert und vom Senat abgelehnt worden. »Jetzt soll sie doch möglich sein? Was denn nun?« rief El-Hammouri den Streikenden zu und ergänzte: »Deswegen müssen wir in den Arbeitskampf!«

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