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Aus: Ausgabe vom 28.10.2021, Seite 10 / Feuilleton
Neue Musik

Alles segelt davon

Neue Musik mit neuen Möglichkeiten: François-Xavier Roth und das Boulez-Ensemble zelebrieren »Répons« von Pierre Boulez in Berlin
Von Berthold Seliger
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Jenseits klassischer Hierarchien: Der Pierre-Boulez-Saal

Wie hören wir eigentlich zeitgenössische, »moderne« Musik? Meistens trifft sie uns unvorbereitet, voller Überraschungen und nicht selten auch Zumutungen. Sie ist schwierig zu verstehen und voller Rätsel. Viele Kompositionen bleiben als großes Fragezeichen einfach so im (Konzert-)Raum stehen, denn nur selten folgt der Uraufführung die Möglichkeit weiterer Auseinandersetzung, etwa durch eine Veröffentlichung auf Tonträgern oder Wiederholungen im Rundfunk, und zu den modernen Formen der Vervielfältigungen im Internet oder beim Musikstreaming hält die aktuelle »klassische« Musikszene sowieso in der Regel eine altmodische Distanz.

Wie man es anders, besser machen kann, zeigte der Berliner Pierre-Boulez-Saal, der nicht nur der schönste Konzertsaal Berlins für alle Formen nichtsinfonischer Musik ist, sondern immer wieder auch als famoses Bildungsinstitut hervortritt. François-Xavier Roth, sechs Solistinnen und Solisten und das 2015 gegründete Boulez-Ensemble führten die Komposition »Répons« von Pierre Boulez auf. Zu Beginn des Konzerts erklärte der engagierte französische Dirigent in gebotener Ausführlichkeit und mit vielen live gespielten Musikbeispielen Aufbau, Struktur und Besonderheiten dieses Werks und ermöglichte so einen bewussten Zugang zu dieser so komplizierten wie sinnlichen Musik – eine (halbe) Sternstunde der Musikvermittlung, die bei der Aufführung von Kompositionen neuer Musik eine Selbstverständlichkeit sein sollte, dies aber leider nicht ist.

Der Titel »Répons« bezieht sich auf das traditionelle Responsorium, also den liturgischen Wechselgesang von Kantor und Chor, wie er schon im 4. Jahrhundert in der ältesten mailändischen Liturgie nachweisbar ist und im Mittelalter zur gängigen Praxis der Wechselrede von Vorsänger und Chor oder Gemeinde ausgebaut wurde – ein musikalisches Muster, das auch im Gospel (Call and Response) gang und gäbe ist.

Die reine Farbe

Pierre Boulez schreibt für diese Komposition einen besonderen Raum vor, der »traditionelle Konzertsaal« wird explizit ausgeschlossen: Im Zentrum befindet sich das Ensemble mit seinen 24 Instrumentalisten, eine Art traditionelles Kammerorchester mit Streichern, Holz- und Blechbläsern, die allesamt unverstärkt spielen. Ebenfalls im Zentrum der Anordnung: der Dirigent und die »technische Crew«, die die elektronischen Klänge aus vorproduzierten Zuspielbändern und die Verfremdungen der Sounds der Soloinstrumente in Echtzeit durch Computer organisieren. Drum herum auf Podien (hier: auf der ringförmigen obersten Empore) sind die sechs Solistinnen und Solisten gruppiert: zweimal Klavier (einmal auch mit elektrischer Orgel), Harfe, Vibraphon, Xylophon und Glockenspiel sowie Cimbalom. Zwischen ihnen sowie ebenfalls auf der Peripherie sollen »sechs große Lautsprecher« angebracht werden; das Publikum kommt zwischen dem Ensemble und den Solomusikern zu sitzen.

Bei Pierre Boulez erleben wir »Répons« – also die musikalische Wechselrede – zwischen dem Kammerensemble und den Solisten, innerhalb des Ensembles zwischen den unterschiedlichen Instrumentengruppen, aber auch zwischen transformierten und nicht transformierten Klängen; die Musik der Solisten wird ja elektroakustisch manipuliert. Während sich die Gruppen des Ensembles in der »Introduction« noch ziemlich rein präsentieren, mischt sich später alles, was Boulez als Bauprinzip versteht: »Man versteht das ›Répons‹-Prinzip viel besser, wenn man auch die reine Farbe gehört hat. Die Farbveränderung wird dann viel deutlicher offenbar.«

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Sternstunde der Musikvermittlung: François-Xavier Roth in Aktion

Und es sind diese Farbveränderungen, auf die es Boulez ankommt. Der Komponist spricht von »Wucherungen«, und es ist wohl kein Zufall, dass zu der Zeit, als Boulez diese Komposition entworfen hat, also in der zweiten Hälfte der 1970er Jahre, Gilles Deleuze und Félix Guattari als zentralen Begriff ihrer Philosophie das Rhizom entwickelt haben, also ein »Wurzelgeflecht«. Es geht, hier wie da, um prozesshafte Entwicklungen. François-Xavier Roth sprach in seiner Einführung von der Mischung aus horizontalen und vertikalen Elementen in dieser Musik. Derartige Denk- und Kompositionsdiagonalen scheinen typisch für die »neue Musik mit neuen Möglichkeiten« (Roth), aber eben auch für ein neues Denken mit all seinen neuen Möglichkeiten und in letzter Konsequenz auch für ein neues Erfassen und Gestalten einer ehemals hierarchischen Gesellschaft. Die Philosophin Isabelle Stengers spricht angesichts von Deleuze/Guattaris »Tausend Plateaus« von einer »multiplen Maschine für mannigfaltiges Werden« – und man könnte dies ohne weiteres auf ­Boulez’ »Répons« und die geglückte Berliner Aufführung ausweiten: Vor unseren Ohren (und Augen) entwickelt sich eine kunstvolle multiple Musikmaschine, ein mannigfaltiges Werden, eine faszinierende Vielheit unterschiedlichster akustischer und elektronischer Klänge – ein »wucherndes«, rhizomhaftes Soundgefüge.

Aufgehobene Taktung

Die spezielle Räumlichkeit des Saals ist ein wichtiger Teil dieser Aufführung: Die Klänge schweben frei im ganzen Raum und verbinden sich, lösen sich wieder voneinander, finden neu und anders zusammen, alles segelt davon und steht gleichzeitig unmittelbar vor den Zuhörenden. Etwa die sanften und dabei hochvirtuosen Wellen des Ensembles, während die Solisten in wilden Staccati performen, die passacagliaartige oder eine eher balladeske, zurückgenommene Section (die acht Teile des Stücks tragen keine Titel, nur »Section 1–8«). Mitunter erleben wir hochvirtuose Schussfahrten ins musikalische Nirwana, dann wieder Antworten der einzelnen Instrumente, elektronisch verlängert und durch den Raum wabernd. Das Boulez-Ensemble performt ebenso herausragend und leidenschaftlich wie die sechs Solistinnen und Solisten.

Dazu kommt eine ganz spezielle Eigenart dieser Komposition, nämlich die teilweise Auflösung der rhythmischen Struktur: Einzelne Sektionen werden von Ensemble und Solistengruppe in völlig unterschiedlichen Tempi gespielt. Die »Taktung« der Musik ist aufgehoben, es gibt keine Taktstriche mehr, die Gruppen spielen in unterschiedlicher Zeitgestaltung. Roth löst diese dirigentische Herkulesaufgabe phänomenal. In der Einführung hat er dazu gesagt, er sei an solchen Stellen quasi »zwei Dirigenten«, einer fürs Ensemble, einer für die Solisten (wenn noch ein letztes Mal Deleuze/Guattari bemüht werden darf: Im Vorwort zu »Rhizom« schreiben sie, dass »jeder von uns mehrere war«). Jede Gruppe stattet sich sozusagen mit einer eigenen Zeit, mit einem eigenen Ritornell aus – und das kann durchaus auch als ein widerständiges »I would prefer not to« gegenüber den Zumutungen der Einteilung der Zeit in immer kleinere Einheiten im Spätkapitalismus verstanden werden. Hier schließt sich der Kreis zum mittelalterlichen Responsorium – damals gab es ja noch keine Taktstriche, keine kleinliche »Taktung« der Musik, sondern eine freie Zeitgestaltung.

Hat das Ensemble die Introduction gespielt, so bestreitet die Solistengruppe die Coda und lässt Assoziationen der Klänge des etwa 45minütigen Stücks noch einmal durch den Saal wandern, verlängert und verfremdet durch die Sounds, die der Computer hergestellt hat. Boulez’ Musik erinnert an eine aufsteigende Spirale, wie er sie in der Architektur des Guggenheim-Museums, aber auch in Romanen von James Joyce oder Franz Kafka entdeckt hat: eine Kunst, die uns »zu etwas Neuem führt, das uns dennoch bekannt erscheint. Eine Technik der Illusion und der Mehrdeutigkeit«, eben: ein Wurzelgeflecht.

Es gibt eine Geschichte, die zu Zeiten der Notre-Dame-Schule, also im 13. Jahrhundert spielt. Sie handelt von Pilgern, die sich vor lauter Vergnügen über die ungehörten Klänge Pérotins, des Meisters der Pariser Notre-Dame-Schule, und ihr Zusammenspiel mit der Architektur auf dem Boden der Kathedrale wälzten und endlos lachten. Etlichen im Publikum dürfte am Sonntag vor Freude ebenfalls danach zumute gewesen sein.

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