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Aus: Ausgabe vom 28.10.2021, Seite 6 / Ausland
Krieg in Syrien

Mangel und Aufbauwille

Syrien: Strom und Benzin wegen Sanktionen knapp. Ziel ist eigenständige Versorgung
Von Karin Leukefeld, Damaskus
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Das Beste aus dem wenigen machen: Ein Händler in Damaskus bereitet sich auf den Geburtstag des Propheten Mohammed vor (17.10.2021)

Damaskus Ende Oktober 2021. Nach zehn Jahren Krieg zeigt die Geschäftswelt in der syrischen Hauptstadt gegen die von EU und USA verhängten Wirtschaftssanktionen Durchhaltevermögen. Nicht mithalten können Einzelhändler, die die hohen Preise für Rohstoffe nicht mehr aufbringen können.

Vor den Toren von Damaskus liegen entlang der Autobahn nach Homs noch immer die Ruinen der Vororte, von denen aus Islamisten verschiedener Ausrichtung von 2011 bis 2018 versuchten, die Hauptstadt zu stürmen. Sichtbares Zeichen der heftigen Kämpfe waren die zertrümmerten Glaspaläste internationaler Autohersteller, die bis 2011 gute Geschäfte gemacht hatten. Seit einigen Monaten werden die großen Ausstellungshallen wieder renoviert. Inzwischen sind in manchen Gebäuden wieder große Glasfenster eingebaut, und erste Modelle werden ausgestellt. In den Straßen sind nagelneue Limousinen und Cabrios zu sehen, SUV kurven durch den unübersichtlichen Verkehr. Unternehmer, die mit den Golfstaaten oder Asien Geschäfte machen, halten sich nicht mehr zurück, ihr Vermögen auch zu zeigen.

Wer dagegen von den einfachen Angestellten oder Händlern überhaupt ein Auto hat, ist noch immer mit dem Modell unterwegs, das vor dem Krieg wegen der damals guten Wirtschaftslage erworben wurde und über die Jahre vor Zerstörung gerettet werden konnte. Manche Familie musste ihr Auto auch verkaufen, um Geld für den täglichen Unterhalt zu bekommen. Immer wieder repariert, manchmal ohne Licht, ohne Fensterscheiben oder mit zusammengeflickter Stoßstange sind vor allem die vielen gelben Taxis unterwegs, mit denen junge und alte Fahrer neben einem regulären Erstberuf als Feuerwehrmann, Postangestellter oder Hausmeister in einem Ministerium ein Zubrot verdienen.

Auch das ist schwierig geworden, weil die Ausgabe von 25 Litern subventioniertem Benzin nur noch alle sieben Tage erfolgt. Über eine sogenannte Smart Card werden die Empfänger informiert und haben dann 24 Stunden Zeit, sich das Benzin an der Tankstelle abzuholen, an der sie registriert sind. Wer mehr braucht, muss es an einer »freien« oder Oktan-Tankstelle zu einem Vielfachen des subventionierten Preises kaufen.

Der durch Krieg und Wirtschaftssanktionen verursachte Mangel bringt neue Geschäftsmodelle hervor, die manche reicher, die Mehrheit der Bevölkerung aber ärmer machen. Der Strom fehlt, kann aber privat bei Betreibern von Generatoren gekauft werden. Das Modell entstand 2003 im ölreichen Irak, in dem unter der US-Besatzung trotz Milliardensummen zur Entwicklung die einst staatliche Stromversorgung nie wieder auf den früheren Stand gebracht werden konnte. Auch im Libanon werden staatliche Gelder nicht für die Instandsetzung der vorhandenen Elektrizitätswerke eingesetzt, vielmehr erhalten private Unternehmer beim Umtausch von libanesischem Pfund in US-Dollar staatliche Unterstützung, um Diesel für ihre Generatoren auf dem Weltmarkt einkaufen und Strom an die Bevölkerung teuer verkaufen zu können.

In Syrien ist Stromkauf bei Betreibern privater Generatoren die Ausnahme. Das Land setzt weiterhin auf die Wiederherstellung der durch den Krieg verursachten Schäden an Elektrizitätswerken, was durch die westlichen Sanktionen blockiert wird. Geplant ist der Bau einer Fabrik für Solaranlagen, bei Homs hat ein privates Unternehmen mit der Herstellung von Windrädern begonnen. Zwei der großen Anlagen sind bereits an das Stromnetz angeschlossen.

Die Syrer, die abseits der städtischen Zentren leben, sitzen oft im Dunkeln. »In unserem Ort haben wir alle vier Stunden eineinhalb Stunden Strom«, erzählt Nabil M., ein pensionierter Agraringenieur. »Früher haben wir Essen für zwei, drei Tage gekocht und in den Kühlschrank gestellt oder eingefroren. Doch den Kühlschrank können wir vergessen und kaufen nur ein, was wir an einem Tag essen können, damit nichts verdirbt.« Die Leute erinnerten sich an das Leben vor mehr als 100 Jahren, sagt Nabil. »Wir benutzen Salz, um Lebensmittel haltbar zu machen. Oliven werden in Salzwasser eingelegt. Fleisch – wenn wir überhaupt mal welches kaufen können – wird angebraten und gesalzen und kann an einem dunklen, kühlen Ort für drei, vier Monate gelagert werden.« Syrien entwickele sich zurück, aber aufgeben werde man nicht.

»Die Grenze nach Jordanien ist wieder geöffnet, das belebt den Handel«, erzählt Nabil weiter. »Und wenn mit der Lieferung von ägyptischem Gas durch Jordanien und Syrien in den Libanon begonnen wird, werden auch wir davon profitieren.« Vor dem Krieg habe Syrien Strom an Jordanien und den Libanon geliefert. Nun seien die syrischen Öl- und Gasvorkommen von der US-Armee besetzt, und Öl und Gas reichten nicht einmal für das Land selbst. Die Hoffnung sei, dass Syrien mit dem neuen Abkommen neben den Transitgebühren auch Gas erhalten werde. Seine Familie erhalte alle zwei Monate einen Zylinder subventioniertes Gas für 4.000 syrische Pfund (offiziell rund 1,60 Dollar, inoffiziell etwa 1,20), der gerade so zum Kochen reiche. Wer mehr Gas brauche, beispielsweise die Restaurants, müsse pro Zylinder 30.000 syrische Pfund bezahlen, so Nabil: »Unser Leben ist teuer geworden.«

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