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Aus: Ausgabe vom 27.10.2021, Seite 3 / Schwerpunkt
Widerstand und Weideland

»Rentierzucht ist nicht nur ein Lebensunterhalt«

Über den samischen Widerstand gegen die Ausbeutung Sápmis – und Solidarität. Ein Gespräch mit Maja Kristine Jåma
Von Gabriel Kuhn
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In der Nähe von Hammerfest im Norden Norwegens (14.6.2018)

Die Genehmigungen für die Windparks auf Fosen sind von der norwegischen Regierung im Jahr 2010 ausgestellt worden. Wie reagierten die samischen Rentierzüchter?

Die Ausbeutung Sápmis reicht weit zurück. Als Rentierzüchter leben wir seit langem mit einer enormen Unsicherheit. Wir wissen nie, wie lange wir uns noch von der Rentierzucht ernähren können. Doch die Rentierzucht ist nicht nur ein Lebensunterhalt. Sie ist eng mit der samischen Kultur, unserer Identität, unserer Sprache, unseren Traditionen verknüpft. Die Jahre ab 2010 waren von einer Reihe von Rechtsprozessen geprägt. Trotzdem begann 2016 der Bau der Windparks. Der Widerstand wurde dadurch nur größer.

Wie sahen die Proteste aus?

Zur ersten großen Demonstration, die wir auf Fosen organisierten, kamen mehrere hundert Menschen aus ganz Sápmi. Wir führten sie in das Gebiet, wo einer der Windparks errichtet werden sollte. Es handelte sich um die Weideflächen, die unsere Rentiere im Winter aufsuchen. Die Menschen verstanden in dem Moment, welch großen Eingriff in die Natur der Windpark bedeutete. Ihnen wurde klar, dass Windkraft weit weniger »grün« ist, als es dargestellt wird. Die Auswirkungen auf das Ökosystem sind enorm.

Wie breit war die Unterstützung, die Sie erhielten?

In der samischen Gemeinde war sie sehr breit. An vielen Orten Sápmis kam es zu Solidaritätskundgebungen. Auch in Trondheim, der Stadt, die uns am nächsten liegt, gab es Protestaktionen. Die größte Naturschutzorganisation des Landes, »Norges Naturvernforbund«, stand ebenfalls auf unserer Seite. Es war ermutigend, soviel Unterstützung zu erfahren.

Nun hat der Oberste Gerichtshof Norwegens den Bau der Windparks für gesetzwidrig erklärt, da sie die Rechte der Sámi als indigene Gesellschaft verletzen würden. Viele sprechen von einem »historischen Urteil«. Stimmen Sie dem zu?

Als das Urteil verkündet wurde, war es nicht ganz einfach zu begreifen. Es war ein großartiger Tag. Die Bedeutung des Urteils kann nicht überschätzt werden. Ich war enorm stolz, Teil der Bewegung zu sein, die das erreicht hat. Die Jahre des Widerstands haben uns viel abverlangt. Wir hatten eine große Verantwortung. Es ging um weit mehr als nur um Fosen. Wir mussten nicht nur für uns die richtigen Strategien und Methoden wählen, sondern für viele Menschen.

Waren Sie vom Urteil überrascht?

Was soll ich sagen? Wir hofften auf dieses Urteil. Nun hat der Oberste Gerichtshof bestätigt, was wir immer sagten: Hier werden samische Rechte verletzt. Das wollten wir hören.

Im vergangenen Jahr gewann eine samische Vereinigung von Rentierzüchtern in Schweden einen wichtigen Rechtsprozess, in dem es um Jagd- und Fischereirechte ging. Vor zwei Monaten zog sich überraschend der Kupferproduzent Aurubis aus einem Bergwerksprojekt in Sápmi zurück. Jetzt das Urteil zu den Windparks auf Fosen. Brechen neue Zeiten an?

Es wäre schön. Vielleicht hören staatliche Behörden und Konzerne uns von nun an mehr zu. Es würde die Voraussetzungen für das Leben in Sápmi verändern. Samische Rechte müssen respektiert werden, nicht nur auf dem Papier, sondern in der Praxis. Es ist höchste Zeit.

Was wird auf Fosen geschehen? Für Sie scheint klar zu sein, dass die Windparks abgerissen werden müssen. Die Regierung und die Energieunternehmen versuchen, auf Zeit zu spielen.

Solange die Windparks stehen, werden unsere Rechte verletzt. Das hat der Oberste Gerichtshof festgehalten. Wir wollen unsere Weidegebiete zurückhaben. Wir erwarten von der Regierung, dass sie dem Urteil entsprechend handelt. Ich hoffe auf Gerechtigkeit.

Maja Kristine Jåma ist Mitglied der Assoziation der Rentierzüchter Süd-Fosens und des Präsidiums des Samischen Parlaments in Norwegen

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