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Aus: Ausgabe vom 27.10.2021, Seite 10 / Feuilleton
Metal

Schwarze Wolke Tragik

Das Überkommene: »Reflections«, ein Sampler zum 50. Geburtstag von Judas Priest
Von Frank Schäfer
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Jaaa, er lebt noch: Sänger Rob Halford

Es hätte einem klar sein müssen, dass man als notorischer Kritikerschmarotzer nicht das 42 CDs umfassende Judas-Priest-Boxset ins Haus geliefert bekommen würde. Aber leben heißt hoffen, und auch wenn ich diesen Archivtrumm nie wirklich durchgehört hätte, Platz dafür hätte es gerade noch gegeben im Regal. Und Halford, Tipton, Downing und Co., den Stammvätern der New Wave of British Heavy Metal, dafür und zum 50. Betriebsjubiläum noch mal so richtig im großen Stil die Nieten aufzupolieren wäre mir dann auch ein außerordentliches Pläsier gewesen. Aber nicht für »Reflections«, diesen Groschen, dem Rezensentenpack in den Hut geworfen, damit es sich einmal mehr seiner subalternen Stellung bewusst wird. Wie man in den Wald reinscheißt, so stinkt es eben auch hinaus.

Aber diese 16-Track-Kompilation ist dummerweise auch nicht so uninteressant, um sie komplett ignorieren zu können. Gerade die Kürze schreibt eine strikte Auswahl vor und zeigt folglich um so deutlicher, was die verbliebenen Stammspieler von Judas Priest, also vor allem Rob Halford und Glenn Tipton, für besonders relevant halten. Sie stecken einen weiten Rahmen ab – von »Sad Wings of Destiny« (1976) bis zum späten und vorerst letzten und tatsächlichen Meisterwerk »Firepower« (2018). Ihr Debüt »Rocka Rolla« wird als öffentliche Übungseinheit zu Recht ignoriert. Der Reigen beginnt mit »Let Us Prey/Call For The Priest« von »Sin After Sin«, einem Song, der nicht zuletzt durch Simon Philipps’ Double-Bass-Geballer bereits die Umrisse des modernen Metal-Formats ausstanzt. Noch offensichtlicher wird das bei »Dissident Aggressor« vom selben Album. Hier hat die Band ihre Prog-Sandkastenjahre endgültig hinter sich gelassen. Erinnert haben sie sich dennoch immer gern daran, etwa mit der Suite »Victim of Changes«, einem ihrer Livestandards, den sie hier auch noch einmal selbstbewusst dokumentieren.

Für das Siebziger-Frühwerk greift »Reflections« zumeist auf jüngere Liveversionen zurück, damit die Sound- und Produktionsdifferenzen nicht zu sehr das Urteil determinieren. In der Konsolidierungsphase des Genres, Ende der Siebziger, Anfang der Achtziger, finden noch einmal studioakustische Revolutionen statt, und Judas Priest gehören damals zu den Taktgebern der Bewegung. Im Sound und in der Ikonographie. Sie tragen dem auch insofern Rechnung, als fast die Hälfte der präsentierten Songs den Achtzigern entstammt. Allerdings setzt die Auswahl durchaus ein paar neue Akzente. »Fever«, »The Hellion/Electric Eye«, »Eat Me Alive«, »Out In The Cold«, das sind eher Klassiker aus der zweiten Reihe. Die sattsam bekannten Stadionnummern (»Breaking the … what? Breaking the … what? Breaking the Law!«) schenkt man sich erfreulicherweise ganz. Aber eben auch die folgenden zweieinhalb Jahrzehnte und fünf Alben. Die mediokre Interimsphase mit dem ewigen Ersatzmann Ripper Owens, das überambitionierte und also sterbenslangweilige »Nostradamus«-Projekt, die noch nicht ganz überzeugende Rückbesinnung auf die Achtziger bei »Redeemer of Souls«. Ein Vierteljahrhundert Bandgeschichte wird hier einfach mal so als apokryph aussortiert. Sie müssen es ja wissen! So zieht auch eine dicke schwarze Wolke Tragik durch die Säulengänge dieses Song-Pantheons.

Judas Priest: »Reflections – 50 Heavy Metal Years« (Sony)

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