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Aus: Ausgabe vom 26.10.2021, Seite 8 / Kapital & Arbeit
Arbeitsbedingungen in der Logistik

»In einem Fall betrug der Stundenlohn sieben Euro«

Studie untersucht Rolle von Amazon in der Paketlogistik. Konzern verstößt gegen Arbeitsrecht. Ein Gespräch mit Tina Morgenroth
Interview: Kristian Stemmler
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Schuften für eines der reichsten Unternehmen der Welt – hoffentlich nicht mehr lange ohne gewerkschaftliche Organisation

Unter dem Titel »Amazons letzte Meile« haben Sie mit Jörn Boewe und Johannes Schulten für die Rosa-Luxemburg-Stiftung eine Fallstudie erarbeitet, in der Sie den Konzern als »Prekarisierungstreiber« in der Paketlogistik darstellen. Was steckt dahinter?

Das Unternehmen wird in Deutschland immer noch vor allem als Onlinehändler wahrgenommen. Daher sind auch die gewerkschaftlichen Aktivitäten bislang praktisch ausschließlich auf die großen Versandzentren beschränkt. Doch Amazon ist längst auf der Straße aktiv, hat seit etwa fünf Jahren seine eigene Lieferlogistik auf der sogenannten letzten Meile aufgebaut. Damit verdrängt Amazon nicht nur Paketdienste wie DHL und Hermes vom Markt. Der US-Riese agiert auch als Treiber der Prekarisierung von Arbeitsverhältnissen in einer Branche, die ohnehin schon unter einem enormen Konkurrenzdruck steht. Amazon Logistics ist der einzige große Paketdienst, der seine Lieferlogistik komplett an Subunternehmer ausgelagert hat. Am Beispiel des Verteilzentrums Erfurt-Stotternheim zeigen wir, wie dieses Geschäfts- und Arbeitsmodell funktioniert und mit welchen Verstößen gegen Arbeits- und Strafrecht es verbunden ist.

Sie schreiben, Amazon experimentiere mit einem »plattformbasierten Beschäftigungsmodell«. Mit der App »Amazon Flex« habe der Konzern das durch Firmen wie Uber oder Lieferando bekannt gemachte Beschäftigungsmodell der Gig-Economy in der Paketlogistik etabliert.

Dazu muss man anmerken, dass alle in dieser Branche solche Apps nutzen. Die ganze Zustellung, das Tracking, die Routenplanung laufen über die Apps. Und die Angestellten der Paketdienste müssen alle diese Anwendung installieren, die ihnen etwa die Routen vorgeben.

Bei Ihnen ist die Rede von zwei Beschäftigungsformen, die beide prekär sind. Welche sind das?

Einmal haben wir es mit einem Netzwerk kleiner Lieferunternehmen, sogenannter Delivery Service Partners, zu tun, die als Subunternehmer fast ausschließlich bei Amazon unter Vertrag stehen. Meist handelt es sich dabei um kleinere Firmen mit 20 bis 40 Lieferwagen und 30 bis 70 Fahrern. Zum zweiten gibt es ein Netzwerk formal soloselbständiger Auftragnehmer, die über das Modell »Amazon Flex« eingebunden werden. Mit beiden Vertragsmodellen agiert Amazon als Treiber der Prekarisierung in der Branche. Es handelt sich dabei um typische »First entry jobs« für Geflüchtete und Arbeitsmigranten. In Erfurt sind nach unserer Beobachtung rund 90 Prozent der Fahrer ausländische Beschäftigte.

Auf welche Probleme sind Sie gestoßen?

Die Probleme lassen sich aus den Fallschilderungen der mehr als 150 Beschäftigten aus dem Verteilzentrum Erfurt-Stotternheim ablesen, die sich seit Ende 2019 an die arbeitsrechtlichen Beratungsstellen des DGB-Bildungswerks Thüringen gewandt haben. Arbeitszeitverstöße etwa kommen bei fast allen Beschäftigten vor. Der Arbeitstag startet am Parkplatz neben dem Amazon-Gelände. Dort findet ein Meeting statt mit dem jeweiligen Arbeitgeber. Die Arbeitszeit wird aber häufig erst später erfasst, nämlich wenn die Beschäftigten des Subunternehmers zum Werk gefahren und die Fahrzeuge beladen sind. Also eine halbe Stunde nach Arbeitsbeginn, manchmal auch noch später. Weil die Arbeitszeit nicht korrekt erfasst wird, wird auch das Mindestlohngesetz umgangen. In einem Fall haben wir berechnet, dass ein Fahrer auf einen Stundenlohn von sieben Euro kam.

Lohnfortzahlung im Krankheitsfall gibt es so gut wie gar nicht.

Ganz häufig ist die Ansage: Wenn ihr krank seid, dann werdet ihr gekündigt. Oder: Mit einem gelben Schein braucht ihr gar nicht erst anzukommen. Jetzt in der Coronapandemie kann es sogar zu einer Kündigung führen, wenn jemand Impfreaktionen zeigt und krank geschrieben wird.

Hört sich an wie finsterster Manchester-Kapitalismus.

Die Arbeitsbedingungen sind in der Branche generell nicht die besten. Aber die Fülle von Verstößen, die wir im Amazon-Umfeld feststellen – das ist schon besonders.

Tina Morgenroth arbeitet beim DGB-Bildungswerk Thüringen und ist als Koordinatorin für das Projekt »Faire Mobilität in Thüringen« zuständig

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